Sezession
5. Juni 2018

Anbrüche – ein Gespräch über anbruch.info

Lutz Meyer / 14 Kommentare

Till-Lucas Wessels hat in seinem 60. Sonntagshelden kürzlich auf den Blog anbruch.info von Tano Gerke aufmerksam gemacht.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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Da Tano in Münster lebt und ich nur zwei Dörfer weiter, haben wir uns getroffen und über einen möglichen neuen Ansatz gesprochen.

MEYER: Tano, warum Anbruch und nicht Aufbruch?

GERKE: Aufbrüche haben wir schon viele gehabt, meist versanden sie nach kurzer Zeit. Anbrüche hingegen zeigen etwas auf, was der Aufmerksamkeit sonst entgehen könnte. Sie konfrontieren uns mit etwas, was man nicht übersehen sollte. Wir wollen das Eigene heben.

MEYER: Bei Jünger steht irgendwo der Satz: Bruchstellen sind Fundstellen – meinst du das in diesem Sinn? Wenn ja – was findet sich in den von dir thematisierten Anbrüchen?

GERKE: Wie du bin auch ich kein „Rechter von Haus aus“. Ich bin irgendwann mit Theoretikern in Berührung gekommen, die gemeinhin als eher rechts gelten – also mit Martin Heidegger, Mircea Eliade und dem von dir gerade erwähnten Ernst Jünger. Meine Frage an diese konservativen Geister war aber von Anfang an: Was können die Großen von gestern uns mit auf unseren Weg für morgen geben? Das war mir immer eine dringliche Frage. Denn wenn sie uns nichts für die Zukunft mitgeben können, sind sie nur überflüssiger Ballast.

MEYER: Du meinst: Der lebensweltliche Horizont, in dem ein Heidegger oder meinetwegen auch ein Carl Schmitt oder andere, noch weiter zurückliegenden Vordenker, das ihre bedachten, war ein gänzlich anderer als der unsere. Wir Heutigen sehen uns mit Dingen konfrontiert, die unsere geschätzten Vordenker sich nur in ihren schlimmsten Alpträumen ausmalen konnten und erst recht nicht ahnten, dass diese so schnell zur Realität der heutigen Lebenswelt werden –  so wie die Folgen der kultur- und lebensraumzerstörenden Globalisierung oder das Projekt Menschheit 2.0, was in letzter Konsequenz nichts weniger bedeuten würde, als einen kompletten Neustart, bei dem der Mensch als bio- und datentechnologisches Mischwesen eher Frankensteins Labor als einem göttlichen Schöpfungsakt entstammt.

GERKE: Ganz genau. Auf uns kommt etwas zu, was mit den Begrifflichkeiten der großen Geister von einst kaum zu fassen ist. Nun meine ich nicht, dass diese Geister uns nichts mehr zu sagen haben – im Gegenteil. Wir müssen sie allerdings anders lesen und lernen neu zu interpretieren. Wir wollen das virulent machen, was in unser jetzigen Situation helfen kann, unser fast schon verloren gegangenes Eigenes wieder zu entdecken und zugleich mit neuem Leben zu füllen. Das ist ein Grundanliegen von Anbruch.

MEYER: Kurze Zwischenfrage: Ist das eigentlich ein Eigengewächs oder steht noch jemand dahinter?

GERKE: Ein Eigengewächs von mir und meinem Freund Oliver, der ebenfalls als aktiver Autor und Ideengeber mitarbeitet. Wie ein Gewächs Wasser und Dünger braucht, braucht anbruch.info allerdings auch eine wirtschaftliche Basis – also Spenden –, um weiter zu gedeihen.

MEYER: Diesen kleinen diskreten Spendenaufruf wollen wir gern unterstützen – alles Weitere findet sich ja auf der Seite. Reden wir ein wenig über das Eigene. Tano, du studierst Geschichte und Religionswissenschaften in Münster. Münster gibt für mich so eine Art Modell ab, an dem man das Verhältnis zum Eigenen gut studieren kann. Man sieht sich hier gern als eine im Kern zwar grundsolide und wertkonservative, aber ansonsten weltoffen-liberale Stadt: weltlichen Genüssen zugetan, gern jedermanns Freund, kulturell hoch ambitioniert und – der Katholikentag hat’s gerade erst gezeigt – geradezu umarmungssüchtig, solange das zu Umarmende nur weit genug von allem weg ist, was auch nur ansatzweise als irgendwie dissident oder rechts gelten könnte. Was fällt dir persönlich zu Münster ein?

GERKE: Münster verbinde ich mit dem Wort Fassade. Der nach der Zerstörung wiederaufgebaute Prinzipalmarkt, das Epizentrum der vermeintlich besser gesitteten Bürger, wirkt auf viele Menschen authentisch. Doch ist er es auch? Ich meine damit nicht so sehr, dass die Fassaden beim Wiederaufbau stark vereinfacht wiederhergestellt worden, das ist größtenteils weder Gotik noch Renaissance, sondern allenfalls eine auf moderne Konsum- und Freizeitbedürfnisse getrimmte Anmutung, so ähnlich wie im Disneyland.

Mehr noch finde ich das, was hinter der Fassade geschieht charakteristisch: An die Stelle der alteingesessenen inhabergeführten Geschäfte sind längst die weltweit vertretenen Ketten getreten. Münster verströmt einen Allerweltsflair und ist daher komplett zeitgeistkompatibel. Gleiches gilt für die Bewohner dieser Stadt, von deren Geschichte und Eigenart sie nur Vermutungen aufstellen können. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele, so die Händler auf dem Wochenmarkt, die wirklich ein positives Verhältnis zu ihrem Handwerk und ihren Waren pflegen.

MEYER: Gewiss: Der Münster-Tatort der ARD mit Axel Prahl und Jan-Josef Liefers und die gleichfalls in Münster spielende Krimiserie „Wilsberg“ im ZDF sind dem heutigen Münsteraner aus Identitätssicht auf jeden Fall deutlich näher, als die hier geborene Annette von Droste-Hülshoff oder der hier immerhin verstorbene Johann Georg Hamann. Man gibt gern vor, eine westfälische Identität zu pflegen, weiß aber tatsächlich in seiner demonstrativ vorgelebten grenzenlosen Weltoffenheit schon lange nicht mehr, wer oder was man eigentlich ist.

Kommen wir wieder auf das Eigene zu sprechen, das, wie du sagst, zu heben ist. Wenn ich das Wort „heben“ höre, denke ich an ein Schiffswrack – das Schiff ist leck geschlagen, folglich untergegangen und muss nun gehoben werden. Ist unsere Identität nur noch ein Wrack?

GERKE: Man könnte diese Metapher wählen. Daran würde sich dann aber die Frage anschließen, kann man das Wrack restaurieren und wieder kursfähig machen? Wir Deutschen haben uns doch bereits vollständig im Weltbürgerlichen eingerichtet, auch wenn das konservative Milieu es nicht wahr haben will. Wir sind weniger daran interessiert zu erfahren, was uns von den anderen Kulturen unterscheidet, als das zu finden, was uns mit allen anderen verbindet.

Letzteres ist selbstverständlich nicht grundsätzlich schlecht, kann allerdings fatale Auswirkungen haben, wenn der Bezug zum Eigenen aufgelöst wurde. Folglich liegt in diesem Verbinden ein Verschwinden: Unser kulturelles Selbstbewusstsein ist nicht mehr tragfähig, weder im täglichen Leben des Einzelnen, noch für eine kulturelle Erneuerung – darin gleicht es dann eben eher einem Wrack.

MEYER: Nun gilt es ja allgemein als konservatives Anliegen, genau dieses kulturelle Selbstbewusstsein zu hegen und pflegen. Wenn wir es aber nur noch mit einem Wrack zu tun haben, scheinen weniger die Konservativen gefragt zu sein, als vielmehr Konservatoren, die das Wrack für künftige Ausstellungszwecke im Museum herrichten. Der Konservative findet sich dann allenfalls in einer Besucher- und Zuschauerrolle wieder, wie in der Münsteraner Innenstadt. Er will, das sollte man auch ehrlich zugeben, das Alte gar nicht zum Zwecke einer kulturellen Neubegründung wiederherstellen. Dazu gefällt ihm seine frisch erworbene, höchst komfortable und moralisch saubere Weltbürgerlichkeit viel zu sehr.

GERKE: Mehr noch. Der Konservative hätte, selbst wenn er wollte, nicht die ausreichenden intellektuellen Mittel. Er zieht es vor, sich seine Puppenstubenwelt zurechtzumachen und ein wenig am Weltgeschehen zu leiden. Auch bei ihm ist viel Fassade. Konservativ sein heißt eben gerade nicht, den Geist von einst wie in Einmachgläsern im Bücherregal aufzureihen, zumal niemand weiß, wie lange das Bücherregal noch hält. Man müsste den Geist vielmehr befreien und ihn mit dem Heute und dem Morgen konfrontieren. Das wäre dann lebendiger Geist.

MEYER: Wie könnte das ganz konkret aussehen?

GERKE: Wir müssen uns fremden Ideen öffnen, die aber näher an der Zeit und der aktuellen Lebenswelt sind. Das heißt, Denker bei uns aufnehmen, die man eher der politischen Gegenseite zuordnet, um dann einen großen Bogen um sie zu machen. Ich will mich hier nicht auf einzelne Personen festlegen, aber man könnte durchaus etwas von Adorno und seiner Theorie der Kulturindustrie lernen. Dabei geht es dann nicht darum, konkrete Inhalte im Sinne einer Welttheorie sich anzueignen, mit der nach linkem Muster alles und jedes erklär- und formbar wäre. Vielmehr geht es darum, sich Analyseinstrumente nutzbar zu machen. So könnten wir einen neuen, etwas anderen als den bloß konservativen Blick auf die Welt entwickeln, in der wir leben.

MEYER: Nun gibt es ja gerade im Bereich der Neuen Rechten durchaus das Bemühen, sich – wo immer es sinnvoll erscheint – der linken Theorie anzunehmen.

GERKE: Aber geschieht dies nicht meist unter der Perspektive, deren Schwachstellen nachzuweisen?

MEYER: Natürlich gibt es auch das. Doch hat man sich ja auf Seiten der Rechten längst beispielsweise die Vorgehensweise der linken Kommunikationsguerilla angeeignet und geht damit höchst produktiv und provokativ um. Auf der Winterakademie 2018 etwa wurde sogar angeregt, Marx für die rechte Seite fruchtbar zu machen. Da ging es – leider durchaus zum Unwillen von Teilen des Auditoriums – eben nicht darum, Marx vorzuführen. Sondern man ist sich hier einer eigenen Theorie- und vielleicht auch Charakterschwäche durchaus bewusst und sucht Schützenhilfe von drüben – rechte Theoretiker haben oft keinen Blick für ökonomische Probleme, soziale Fragen und das, was man „Gesellschaft“ nennt.

Empathie geht vielen hier völlig ab. Die sehen meist nur den Staat, sehen die Ordnungsprinzipien, sehen sich als so eine Art Polytechniker der Macht. Linke Theoretiker können uns helfen, die Prinzipien der Unordnung, die im Leben ja mindestens so stark wirken wie Ordnungsprinzipien, zu verstehen. Ich selbst komme ja mehr aus der anarchistischen Ecke und habe dort genau das gefunden: ein Gespür und eine Zuneigung für das, was sich eben nicht in eine Form pressen lässt, für wildes Wachstum, für den gern auch chaotischen Drang ins Freie und die Abneigung gegen anmaßend Begrenzendes.

Kurzum: die Liebe zum Leben. Bei Martin Heidegger und Ernst Jünger habe ich unterschwellig übrigens genau das auch gefunden – bei beiden spürte ich immer etwas Anarchisches im Untergrund. Bei vielen anderen Autoren der Rechten eher nicht. Der Ansatz von Anbruch.info geht da ja durchaus in eine ähnliche Richtung.

GERKE: Man könnte sogar noch eine weitere Schwäche der rechten oder konservativen Theorie benennen. Man redet gern von Gottes Schöpfung oder dem eigenen Verhältnis zur Natur und Umwelt, überlässt zugleich aber die ökologische Frage weitgehend den Linken.

MEYER: Weitgehend, aber nicht vollständig. Es gibt ja durchaus die ökologisch Bewegten in diesem Umfeld. Sie dehnen den biologischen Naturschutzgedanken und den auch sozial aspektierten Umweltschutzgedanken auf den kulturell begründeten Heimatschutzgedanken aus, das ist der wesentliche Unterschied zwischen linken und rechten Ökos. Was durchaus konsequent ist – Grüne bekämpfen zwar Neobioten wie den Waschbären oder das indische Springkraut, sind zugleich aber vehemente Befürworter kultureller Einwanderung. Hier gilt der Schutzgedanke für das Eigene, das schon immer – oder zumindest seit dem Ausgang der letzten Eiszeit – hier Behauste und Heimische nicht.

GERKE: Selbstverständlich kann man den Anbruch-Gedanken auch in diese Richtung ausdehnen. Mit Anbruch-Konzept geht es mir aber eben nicht so sehr um aktuelle politische Fragen, um das politische Tagesgeschäft. Das kann man mir ruhig als Kritikpunkt vorwerfen, dass wir uns da raushalten. Wir suchen nach Möglichkeiten, einen neuen, eigentlichen Blick auf zu Welt zu erarbeiten.

MEYER: Damit besetzt du eine Position, die eigentlich traditionell von der Sezession gepflegt wurde.

GERKE: Aber seit zwei, drei Jahren weniger gepflegt wird, wie mir scheint. Und zwar zugunsten eines konkreten, gewissermaßen natürlich gerechtfertigten, politischen Engagements. Das aber führt uns nach meinem Empfinden weg von unserem Kernanliegen: Der Fruchtbarmachung der eigenen Wurzeln, die Ausgrabung der verschütteten Quellen, der Freilegung unserer Fundamente und vor allem, die Wiederbelebung all dieser Elemente, um sie zukunftsfähig zu machen. Diesen Ansatz sehe ich aber nicht als Konkurrenz, sondern eher als etwas, was sich sinnvoll ergänzen läßt.

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Netzseite: anbruch.info


Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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Kommentare (14)

RMH
5. Juni 2018 10:00

Sehr interessantes Gespräch! Werde mir den Blog auf jeden Fall einmal näher anschauen.

Zitat
"aber man könnte durchaus etwas von Adorno und seiner Theorie der Kulturindustrie lernen."

Hier fühle ich mich ein bisschen bestätigt - habe ich doch schon seit Jahren hier mehrfach geschrieben, dass das Werk "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer/Adorno geradezu nach einer rechten Entdeckung/Aufarbeitung ruft - zumal es angeblich ein "Kultbuch" der 68er war, von denen die Masse es offenbar gar nicht gründlich gelesen oder verstanden zu haben scheint.

Alleine die raunenhafte Sprache des Kapitels "Odysseus oder Mythos und Aufklärung" zeigt die tiefe Verwurzelung der Denker im Abendland und allem, was vor dem Kriege war. Da lässt sich Honig daraus saugen.

Der Gehenkte
5. Juni 2018 11:21

"Aber seit zwei, drei Jahren weniger gepflegt wird, wie mir scheint. Und zwar zugunsten eines konkreten, gewissermaßen natürlich gerechtfertigten, politischen Engagements."

Herr Gerke! Ich hatte den Eindruck, meine eigenen Worte udn Gedanken zu hören - gespenstisch! Will in aller Kürze nur den letzten Gedanken noch einmal unterstreichen: die sukzessive Änderung der Inhalte auf SiN. Der metapolitische Pfad ist mehr und mehr verlassen worden zugunsten tagespolitischer Kleinempörungen, die in den Kommentarspalten auch andere Teilnehmer anziehen. Das führt zu jenem Effekt, den der Witz vom Studenten wiedergibt, der sich auf Regenwürmer vorbereitet, in der Prüfung aber zu Elefanten gefragt wird und antwortet: "Der Elefant hat einen Rüssel, der wie ein Regenwurm aussieht. Der Regenwurm ist ..."

Es hat sich eine Geschichtsvergessenheit breit gemacht, eine Enttheoretisierung findet statt, dafür dürfen Gefühle und Aversionen eine größere Rolle spielen und große Worte geschwungen werden. Adorno lesen? War der nicht auch ...?

Jetzt schaue ich mir Ihre Seite genau an. Bei Wessel habe ich das gar nicht wahrgenommen - warum nur?

Stil-Bluete
5. Juni 2018 12:20

'Hier gilt der Schutzgedanke für das Eigene, das schon immer – oder zumindest seit dem Ausgang der letzten Eiszeit – hier Behauste und Heimische n i c h t ...' N i c h t !?

Die Trennung Kultur - Kulturlandschaft/Agro-Kultur, Politik - gesunder Menschenverstand, Elite - All-Tag, juristisches Gesetz - Natur-Gesetz, Beruf - Berufung, Kunst - Lebens-Kunst beruht weniger auf Verarmung als auf Konfusion, Ver-wahr-losung; weder be- noch verwahren.
Bis weit in in die Gegenwart waren Künstler, Philosophen, Politiker keine einseitigen Spezialisten, sondern doppelt und dreifach besetzt. Die griechischen Philosophen: Krieger, Pädagogen, Staatsmänner, die Ärzte Benn, Döblin, Tschechow Schriftsteller, Leonardo da Vinci Maler, Architekt, Waffenentwerfer, Naturwissenschaftler, Goethe Dichter und Minister, Gärtner und Theaterdirektor..., Novalis Bergbau-Asessor, Autor, Philosoph. Knut Hamsun Bauer, Autor, Bismarck Junker, Staatsmann. Allesamt Schöngeister, in der DDR nannte man das die 'allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit'

Wir sind aufgerufen, den 'Anbruch' zu leben. Wobei das 'Verwurzeltsein' eine seltsame luftige Sache sein kann, werden doch so viele Samen vom Wind, dem Wind, dem himmlischen Kind dargebracht. Es ist nicht gesagt, daß sie da, wo sie sich niederlassen , auch die Kraft haben, sich anzusiedeln. Wir sind in dem Stadium, diese Samen übermäßig zu päppeln, zu düngen, zu gießen. Hybride?

Was sich 'von Natur aus' durchsetzt, sind zunächst Pionierpflanzen und -tiere.. Was machen wir mit denen? Bekämpfen? Folgen auf Pionierpflanzen Kulturpflanzen?

Adorno: Zweifellos kluger Kopf. Doch hat er ein paar so erbarmungslos vernichtende Sätze, über Deutsche, die ich hier nicht wiederholen möchte, gesagt, dass ich mich gezwungen fühle, an seiner Mission als Philosoph zu zweifeln.

Caroline Sommerfeld
5. Juni 2018 16:33

"Empathie geht vielen hier völlig ab."
Diesen Satz kenne ich bis zum Überdruß von Linken. Und er stimmt überhaupt nicht. Denn zur Verteidigung des Eigenen braucht es ein gerüttelt Maß an Empathie - und zwar mit den Nächsten, dem Umkreis, der Mitwelt, den Vorvätern und eigenen Kindern. Daß Rechte zumeist in Objektivitätsmustern denken (und damit Staat, Geschichte, Raumordnung, Kriege usw. im Blick haben) und nicht in Subjektivitätsmustern (die sich auf Individuen, Gefühle, Bedürfnisse und Innenwelten richten), ist ihnen doch nicht zur Last zu legen. Es verhält sich mit diesem Beobachtungsunterschied ein bißchen so wie weiland mit der luhmannschen Soziologie: ewig und drei Tage wurde ihm vorgehalten, sich nicht um "Menschen" zu kümmern, gar "antihumanistisch" zu sein, dabei war das als Systemdenker einfach nicht sein Objekt.

Janno
5. Juni 2018 16:36

Bin durch Wessels Hinweis bei anbruch gelandet. Lese gern die Essays der zumeist jungen Autoren, was sich auch in den Beiträgen zur Musik und Jugendkulturen spiegelt.
Den Machern gelingt es aber gut, historische, philosophische und eben popkulturelle Themen zu bündeln und sollte ein junger Interessent nach Lil Peep suchen und dadurch auch bei Heidegger landen, kann man nur sagen, gut gemacht.

@der Gehenkte
Ist das der zerstörerische Erfolg des Zauberlehrlings?
Zugegebenermaßen bin auch ich einer jenen, die sich erst aus der Deckung (oder Scham oder Unkenntnis) bei Sezession wagte, als die Metadebatten, die philologischen und literarischen Elfenbeintürme etwas geöffnet wurden.
Einerseits aus dem persönlichen Mangel an Bildung insbesondere der hier versammelten Geistesgeschichte, aber auch und vor allem weil ich schon vor 20 Jahren zu meinen marxistischen Sturm-und Drangzeiten die Zitate-Battle der linken Theoretiker als äußerst ermüdend und selbstreferenziell empfand.
Gesellschaftspolitisch halte ich es zwar immernoch mit Marx und Clinton, it's the economy stupid, aber in der Selbsterkenntnis der eigenen Indoktrination durch "Gedöns" bin ich neuerdings sensibler, was die kulturelle und mentale Implementierung von Gesellschaftsideen angeht. Daher mein Interesse auch an Metapolitischen Debatten, die eben derzeit bei den Rechten viel klüger und differenzierter geführt werden, was für jemanden, der sich in den 90ern noch mit unerträglichen Hools und Neonazis geprügelt hat, schon ein Eureka effect ist. Und nun treff ich hier als Anarchist auf den Anarchisten Gerke und wir wundern uns selbst über uns am meisten, und der Hausherr und Offizier der Reserve kann sich ein mephistophilisches Lachen vermutlich nicht verkneifen.

nom de guerre
5. Juni 2018 18:44

Seit Herr Wessels die Seite "Anbruch" auf etwas kryptische Weise zum Sonntagshelden gemacht hat, habe ich dort einige Male hineingeschaut und fand das alles sehr interessant und vor allem auch ästhetisch höchst ansprechend. Nur bin ich jetzt ein bisschen verwundert, dass man darin eine Konkurrenz zur Sezession erkennen können soll - offenbar müsste ich letztere länger kennen, um dies zu sehen.

Sentenza
5. Juni 2018 20:04

Ich seh es mit großer Freude, dass sich die Rechte der Ökonomie zuwendet aber bitte, bitte glauben sie nicht, irgendwas erhellendes in einer Marx-Exegese zu finden. Die Linke wiederkäut den Bärtigen jetzt seit über hundert Jahren und seine ökonomische Theorie, seine Prophezeiung als auch sein krudes Geschichtsbild sind schlicht und ergreifend falsch.
Die Rechte hat jetzt die großartige Möglichkeit einen Gegenentwurf zur verantwortungslosen, asozialen und leistungsfeindlichen Improvisationswirtschaft zu setzen. Echte Anstöße lassen sich gerade heute wieder bei Aristoteles, Smith, Schumpeter, Hayek, Rand u.v.m. finden.

Cacatum non est pictum
5. Juni 2018 20:38

"... Wir Deutschen haben uns doch bereits vollständig im Weltbürgerlichen eingerichtet, auch wenn das konservative Milieu es nicht wahr haben will. Wir sind weniger daran interessiert zu erfahren, was uns von den anderen Kulturen unterscheidet, als das zu finden, was uns mit allen anderen verbindet ..."

Wohl wahr, wohl wahr. Um diese Differenzen zu erspüren, eignen sich übrigens Auslandsaufenthalte recht gut. Als Ausländer bekommt man seine herkunftsbedingten Eigenheiten ziemlich gut gespiegelt. Für den einen oder anderen Weltbürgerdeutschen wäre das vielleicht eine heilsame Erfahrung.

Aber in der Tat: Von althergebrachter deutscher Kultur ist bei uns doch fast nichts mehr übrig. Die ist seit Kriegsende gründlich verschüttet worden. Wer nicht älteren Jahrgangs ist und familiär noch ein wenig unverfälscht davon mitbekommen hat, muß sie heute aus den kärglichen Restbeständen - nein: eigentlich aus dem Nichts rekonstruieren. Darin sehe ich eine unserer Aufgaben für die Zukunft - wieder anzuknüpfen an das, was unsere (regionalen) Vorfahren Generation um Generation ererbt und weitergegeben haben. Und dazu muß es zunächst wieder sichtbar gemacht werden.

"... Empathie geht vielen hier völlig ab. Die sehen meist nur den Staat, sehen die Ordnungsprinzipien, sehen sich als so eine Art Polytechniker der Macht. Linke Theoretiker können uns helfen, die Prinzipien der Unordnung, die im Leben ja mindestens so stark wirken wie Ordnungsprinzipien, zu verstehen ..."

In dem ausführlichen, als Gesprächsband vorgelegten Interview mit Günter Maschke ist der Fragesteller Sebastian Maass von seinem Gegenüber geradezu belächelt worden, als er wissen wollte, ob Rechte von der Lektüre linker Literatur profitieren könnten. Maschke schien das für selbstverständlich zu halten und attestierte den Marxisten, viele Fragen tiefer durchdacht zu haben als Autoren der politischen Rechten.

Mir ist insbesondere bei vielen (Wirtschafts-)Liberalkonservativen/Libertären aufgefallen, daß sie rundheraus alles verdammen, was sich auch nur lose mit dem Etikett "links" bekleben läßt; sie scheinen dem Sozialismus jedes Übel dieser Welt anlasten zu wollen und sind dabei kaum weniger radikal als ihre weltanschaulichen Gegenspieler vom Bunten Block. Das mag vieles sein: Feindbestimmung, Selbstvergewisserung, Ideologie; aber redliche Auseinandersetzung ist es gewiß nicht. Insofern stimme ich Meyer und Gerke zu: Wo es sinnvoll und fruchtbar ist, darf man sich vor theoretischen Anleihen beim Gegner nicht scheuen.

Julius Fischer
5. Juni 2018 23:39

Ich wohne auch in Münster, bin Zugezogener. Was hier unerwähnt bleibt und was mich teilweise sogar ratlos zurücklässt, ist der hohe Anteil an Menschen, die Ihre Wurzeln augenscheinlich nicht in Deutschland haben, sondern hauptsächlich aus dem Nahen Osten, Afrika, Asien etc. Wenn ich mit dem Bus fahre, und das mache ich täglich, sind Deutsche i.d.R. in der Minderheit. Es fühlt sich nicht mehr wie eine deutsche Stadt an.

Gustav
6. Juni 2018 08:04

@ Der Gehenkte

"Es hat sich eine Geschichtsvergessenheit breit gemacht, eine Enttheoretisierung findet statt, dafür dürfen Gefühle und Aversionen eine größere Rolle spielen und große Worte geschwungen werden. Adorno lesen? War der nicht auch ...? "

Geschichtsvergessenheit? Auf wen das wohl zutrifft?

"Also: möchten die Horst Güntherchen in ihrem Blut sich wälzen und die Inges den polnischen Bordellen überwiesen werden, mit Vorzugsscheinen für Juden."

"Alles ist eingetreten, was man sich jahrelang gewünscht hat, das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot" (1. Mai 1945).

Theodor W. Adorno: "Briefe an die Eltern" 1939 bis 1951. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2003.

„In der Frankfurter Rundschau findet sich ein Artikel, der an Golo Manns Rückkehr aus dem Exil erinnert. Im Jahr 1963 sollen Horkheimer und Adorno seine Berufung an die Frankfurter Universität verhindert haben, indem sie bei den zuständigen Stellen auf seine Homosexualität, seine ‚psychologischen Schwierigkeiten‘, ja sogar seinen vorgeblichen ‚heimlichen Antisemitismus‘ anspielten, hübsch indirekt, doch wirkungsvoll. Wir, die jungen Leser der älteren Kritischen Theorie, ahnten damals nicht, auf welcher Flamme die bewunderten Autoren ihre Suppe kochten. Keiner konnte sich einen Begriff davon machen, wie konsequent die Mannschaft um Adorno an der Absicherung ihrer Einflußpositionen arbeitete, innerhalb der Hochschule wie in den Medien. Außer den direkten Opfern ihrer Intrigen gab es praktisch niemanden, der seinerzeit bemerkt hätte, was diese Akteure sich erlauben konnten, moralisch gedeckt durch ihren Opferstatus, intellektuell gesichert durch ihre Stellung auf den Kommandohöhen von Theoriekonstrukten, deren Schwächen man sich erst viel später zu bemerken gestattete. Ich erinnere mich recht gut: Als ich vor vielen Jahren auf die vernichtenden Urteile Hannah Arendts über Adornos Charakter stieß, dachte ich zuerst, das könne man wohl nur durch eine Idiosynkrasie bei der urteilsstarken Dame erklären. Es mußte viel Zeit vergehen, bis mir klar wurde, daß Arendts Äußerungen nichts mit ihren Empfindlichkeiten, aber viel mit ihrer moralischen Hellsicht zu tun hatten.“ — Peter Sloterdijk

Raskolnikow
6. Juni 2018 08:16

Das aberwitzige,

Unterfangen des modernen Menschen, sich fremden und vor allem neuen Ideen zu öffnen, „die aber näher an der Zeit und der aktuellen Lebenswelt sind“, wird scheinbar nie langweilig...

Seit ein paar hundert Jahren versuchen die fleißigsten Streber der Menschenheit immer wieder auf´s Neue das Alte zu überwinden, für die moderne Zeit nutzbar zu machen oder an „unsere Zeit anzupassen“. Die Bilanz dieser Raserei ist wahrlich beeindruckend...

Wir leben unter der unmenschlichen Ordnung eines planmäßig formlosen Ungeheuers, das zwar stets ausweicht aber fortwährend verschlingt. Kann mir irgendeiner sagen, warum ich mein Denken, meine Geistige Ordnung an dieses Ungeheuer „anpassen“ soll, nur weil es gerade im Schwange ist? Was verspricht diese Anpassung, was hat sie in den letzten paar hundert Jahren gebracht?

Zum Beispiel hat das 20. Jahrhundert den verständlichen und klaren Begriff abgeschafft. Er existiert nicht mehr. Wir sind nur noch in der Lage zu Hintergedanken, Ironie, Zweideutigkeiten und Andeutungen. Ein Strom aus Albernheiten, Sinnestäuschungen und Verblödung ergießt sich immer breiter in Richtung des Chaos...

Warum soll ich mich von diesem Strom erfassen lassen? Denn nichts anders ist dieses ewige „Erneuern, Modernisieren, Anpassen“? Die Strömung führt zum Abgrund; wer das nicht sieht, ist ein Narr.

Ich versuche weiter den Strom hinaufzuschwimmen, auch wenn ich nicht mehr die Mittel habe, mich effektiv zu wehren. Ja, manchmal fehlen mir sogar die Mittel, mich verständlich zu machen; und das ist ein gutes Zeichen. Ich verweigere dieses Dasein, zumindest will ich es versuchen.

Im Grunde sind all diese Erneuerungs- und ModernisierungsStrampeleien nur der Versuch, unlösbare Probleme zu meistern und geheimnisvolle Widersprüche zu entwirren, anstatt zu lernen mit diesen Geheimnissen und Widersprüchen zu überleben. Ist den politischen Denkschulen nicht gemeinsam, daß sie alle auf irgendeine Art Wunder hoffen, um die Selbsttäuschung zu ertragen? Wie sonst funktioniert dieses ständige Hin und Her? Keiner hat uns je die Wahrheit gesagt!

Den Klassikern der konservativen oder reaktionären Bewegungen ist gerade nicht ihre mangelnde Aktualität, sondern ihre eigene Zeitbefangenheit vorzuwerfen. Jeden gerade vorüberziehenden Oberförster mit dem großen Ungeheuer zu verwechseln...

999 von tausend Menschen sind nicht zu retten. Dem Rest kann man nur raten, diese verlorenen Massen nicht weiter in die Überlegungen einzubeziehen, auch um den Preis des Mahls der „Unmenschlichkeit“! Wie Frau Sommerfeld so schön andeutet, ist wahres Mitgefühl, wahre Menschlichkeit kleinformatig. Empathie mit tausenden Marsmenschen ist einfach, der eine stinkende Bettler vor der Haustür verlangt da schon mehr...

Voll der Liebe,

R.

Der Gehenkte
6. Juni 2018 09:44

@ Gustav

Wann haben Sie hier den letzten substantiellen Artikel über Hans Blüher, Moeller van den Bruck, Friedrich Hielscher, Herbert Fritsche, die Jünger-Brüder, Röpke, Spengler, Nebel, Lübbe, Spaemann, George, Benn ... gelesen oder Auseinandersetzungen mit Adorno, Habermas, Marcuse, Popper, Lukács ... um nur ein paar Tote zu nennen - von den laufenden relevanten Diskussionen (ich meine nicht die Mikroszenen) ganz zu schweigen.

Dabei erste Grundregel: Trennung von Werk und Person:

https://seidwalkwordpresscom.wordpress.com/2018/05/31/der-twitter-tod/

So, wie das Sloterdijk vorbildlich macht: Person Adornos beurteilen aber das Werk in- und auswendig kennen und produktiv verwenden.

Und dann empfehle ich, sich mal ein zwei Forendiskussionen von vor drei, vier Jahren anzuschauen und mit den heutigen zu vergleichen. Dazu muß man nichts weiter sagen.

Stil-Bluete
6. Juni 2018 17:06

Welche Wiedergeburt Luther, die 'dem Volk auf's Maul schaut', kann helfen? Wir sprechen, schreiben, streiten hier allesamt konstant kryptischer, verworrener, strukturloser.

Dazu tragen wesentlich die gestaltlosen grauen Kommentarseiten bei, die eine Zu-Ordnung der Dialoge, Quellen, Zitate, Verweise nur mit allergrößter Mühe zulassen.

Asenpriester
7. Juni 2018 02:38

"GERKE: Man könnte sogar noch eine weitere Schwäche der rechten oder konservativen Theorie benennen. Man redet gern von Gottes Schöpfung oder dem eigenen Verhältnis zur Natur und Umwelt, überlässt zugleich aber die ökologische Frage weitgehend den Linken."
Ich, als Gruhl-Ökologe, behaupte schon immer, Ökologie geht nur von Rechts! Konservative und Rechte weigerten sich bisher vehement in natürlichen Kreisläufen zu denken. Die Linken reiten ewiglich auf ihrer Öko-Welle herum, ohne damit irgend etwas anfangen zu können. Das Einwanderungsproblem war schon immer ein reines Öko-Thema, denn in einen restlos übersiedelten Land können keine weiteren Völker aus den bevölkerungsexplodierenden Ländern aus Afrika und Asien hier angesiedelt werden. Vom Heimatschutzgedanken mal ganz abzusehen.
Heute sind die Grünen eine anti-ökologische Partei! Warum nehmen die Konservativen eigentlich dieses Hauptanliegen nicht wieder an sich ??

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