Sezession
7. Juni 2018

Nachtgedanken (4): triefend von Hoffnung

Götz Kubitschek / 24 Kommentare

Ich mußte, um eine Entscheidung zu treffen, einen Umweg über Budapest machen. Dort waren Kositza und ich vor einer Woche.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Ich hielt auf Einladung der Stiftung für die Forschung Ost- und Mitteleuropäischer Geschichte und Gesellschaft im Haus des Terrors einen Vortrag zum Thema "Deutschland 2018 - ein zerrissenes Land". In den ausführlichen Gesprächen mit Stiftungsmitarbeitern und der Leiterin Mária Schmidt fiel uns ein gebildeter Pragmatismus auf, und dieser Eindruck war so stark, daß mir mein Vortrag und mein ständiges Umkreisen der deutschen Riß-Problematik wie das Zerbröseln eines Stückes Kuchen vorkam.

Ich blieb "im Fragen", im Zweifeln, Spekulieren, Theoretisieren befangen, und das machte dort, in Ungarn, keinerlei Eindruck - zumal nicht im Gespräch mit Leuten, die Orban beraten oder entlang seiner politischen Linie und mit der Unterstützung seiner Regierung arbeiten und Wirkung entfalten.

Mir schien, daß dort gar keine Zeit für weiteres Grübeln aufgewendet wird, zumindest nicht dort, wo gehandelt werden kann, und zwar entscheidend gehandelt (immer vor dem Hintergrund der Handlungsmöglichkeiten in einer modernen Massengesellschaft). Grübeln konnte man wohl, solange man keine Machtmittel in der Hand hielt, und Grübeln wird man wieder können, wenn man den Platz an den Hebeln freiwillig oder unfreiwillig wieder abtreten wird.

Ich rede damit keinem realpolitischen Mittun im angepaßten Sinne das Wort. Die Leiterin der Stätte, Professorin Mária Schmidt, hat Projekte für ein nationalbewußtes, hellwaches, volksnahes Ungarn umgesetzt, die ein anderer in ihrer Position wohl zum Schaden für das eigene Volk gedreht hätte - in Deutschland erleben wir das und die Folgen davon alle Tage. Es geht um Denkmale, Straßennamen, Bücher, Forschungsaufträge, Begriffsetzungen, historische Großerzählungen und um das "Haus des Terrors" in der Andrassy, der Prachtstraße, die auf den Heldenplatz zuläuft.

Für die Konzeption dieses Hauses während der ersten Regierung Orban (1998-2002) hat Mária Schmidt viel Kritik, viel Schmähkritik erhalten, vor allem auch aus dem Ausland, denn das Museum bildet den Antitotalitären Konsens ab, den die meisten ehemaligen Ostblockstaaten selbstverständlich pflegen. Im Falle des "Terror Hazas" heißt das: die faschistische Pfeilkreuzlerherrschaft wird in den Ausstellungsräumen neben der kommunistischen Herrschaft thematisiert, die Täter oder die Opfer beider Regimes werden an manchen Stellen ohne Kennzeichnung nebeneinandergestellt, denn es ist am Ende wohl ebenso egal, ob einer unter den Faschisten oder unter den Bolschewisten gefoltert und umgebracht wurde, wie es egal ist, ob es der Rasse oder der Klasse wegen geschah.

Spät am Abend, als der Nachtisch aufgetragen wurde, wischte Mária Schmidt unsere Schilderungen über den staatlichen und zivilgesellschaftlichen Druck auf die konservativen, rechten Widerstandsprojekte mit einer Handbewegung beiseite: Nicht so viel grübeln! Machen! Stur den nächsten Schritt gehen! Es ist, wie es ist, aber es muß besser werden, jeden Tag ein bißchen besser, und es beginnt damit, daß man um sich herum Ordnung schafft, Ordnung im Sinne des Ganzen.

Und die Entscheidung? Sie fiel auf dem Rückweg, der uns an Visegrad, Esztergom und Györ vorbeiführte, wobei wir in Györ auf Deutsche trafen (in einer Nebenstraße am Tisch eines vorzüglichen Restaurants), die uns kannten und die prächtig berichteten von ihrem Betrieb und der Politisierung ihres Lebens.

Manchmal muß man wohl eine Schleife drehen, um danach den Kopf schütteln zu können über sich selbst: Was ist uns denn verwehrt? "Alle Nachtgedanken müssen triefen von Hoffnung." Damit hat alles weitere eine Richtung.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (24)

Der Gehenkte
7. Juni 2018 23:47

Da wäre man gerne dabei gewesen ...

Dazu gibt es einen ganz großartigen Artikel des "Terror Háza Múzeum", wie man ihn sich in D nur wünschen kann:

http://www.terrorhaza.hu/hu/hir/2018-06-01-deutschland-2018-a-szettepett-orszag

Auch die konservative Presse berichtet:

https://magyaridok.hu/belfold/gotz-kubitschek-konzervativ-forradalomra-van-szukseg-3153160/

Scheint ein "event" gewesen zu sein.

Wenn man sich mit der Fidesz in Migrationsfragen auch einig sein kann, die innenpolitischen Probleme sind enorm und Orbán wird früher oder später daran scheitern, wenn er die Korruption - in die er persönlich verwickelt ist - nicht beseitigt und den Lebensstandard nicht heben kann.

DariusDax
8. Juni 2018 08:57

"Nicht so viel grübeln! Machen!"

So einfach und doch so wahr.
Ein Lob an alle, die diesen Ratschlag beherzigen und gute (!) Arbeit machen.

MARCEL
8. Juni 2018 09:00

In jedem Fall: Man wird das Ausland brauchen, auch entferntere Nachbarn...

Tony
8. Juni 2018 10:12

Bei diesem Beitrag, und den vorangegangenen Beiträgen, mußte ich an das folgende Gedicht von Friedrich Hölderlin denken.

An die Deutschen

Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch‘ und Sporn
Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,
Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid
Tatenarm und gedankenvoll.

Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölbe kömmt,
Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
O ihr Lieben, so nimmt mich,
Daß ich büße die Lästerung.

Ich frage mich: Was wäre die Tat wohl ohne Hoffnung?
Wohl nichts!

Viele Grüße nach Schnellroda.

muotis
8. Juni 2018 12:23

Motto: Durch!

quarz
8. Juni 2018 12:47

Es braucht beide, die Grübler und die pragmatischen Macher. Jeden an seinem Platz, jeden zu seiner Zeit.

Sylvia Taraba
8. Juni 2018 13:02

Vorbemerkung: Ich habe meinen später weiter unten folgenden Kommentar eigentlich zu einigen Kommentaren der Buchbesprechung Iwan Iljin: Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse, geschrieben, aber die Kommentarfunktion war schon geschlossen und bei Lektüre dieses Beitrages hinsichtlich des rechten Handelns fand ich mein Kommentar würde hierzu vorzüglich passen.

Denn gelingt der Glaube an die Sache, dann gelingt auch das Handeln für die Sache. Aber wie gelingt der hierzu notwendige höhere Glaube, der Glaube an Gott?

Diese Frage wurde, wie ich hier schon öfter bemerkte, sehr schwerenöterisch angegangen und vielleicht können ein paar Gedanken hierzu hilfreich sein.

Hierfür würde ich meinen in der Eile lang gewordenen Text aber kürzen und hoffe, dass die Kommentarfunktion dann noch offen ist.

Tobinambur
8. Juni 2018 13:39

Eben: Tun was vor der Nase liegt!
Und dann auch drüber nachdenken und sich überlegen, ob man noch etwas besser machen kann.

Sylvia Taraba
8. Juni 2018 14:14

Zum aktiven Glauben (den ich jetzt und hier unbedingt empfehlen will) um steten politischen Handelns Willen (wie zB bei Antaios) bedarf es keines Zwanges, manchmal nur der logischen Aufklärung und manchmal erst des Leidesdruckes oder wiedererlangter Herzensbildung .....

„fidei defensor ...“ (@ Caroline Sommerfeld)
Die Bindung an Christus macht nicht weltsüchtig und nicht weltflüchtig, sondern welttüchtig, las ich kürzlich. Das gefiel mir, weil es wohl stimmt. Und, so möchte ich hier gern ergänzen und ausführen: Ein Verteidiger des Glaubens, ist zugleich ein Verteidiger eines Wissens und ein Verteidiger seiner Sache. Insofern wird diese Bindung zur festen Burg.

Wenn Jesus sagt ich bringe Euch nicht den Frieden sondern das Schwert, dann kann man (zunächst) im persönlichen Zweifelsfalle (der immer eintritt), dann muss man (in Bedeutung des Schwerts,) den Zweifel auseinanderhauen, sich für jene Seite des Zweifels ent-scheiden, die „das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit“ bedeuten. Das heißt auch ich erkenne plötzlich die wahrhafte Tod-Sünde, nämlich den Zweifel, der mich in dem, was ich zu tiefst glaube, vage macht, mich verunsichert.

Glauben ist eigentlich ein Wissen, eine Übereinkunft. Es heißt den Bezug zu sich selbst, also den ureigensten Bezug zur eigenen Menschwerdung wieder herzustellen. Die Menschwerdung Gottes - (Tod und Auferstehung inbegriffen) - nicht zu bezweifeln. Ich gehe in mich und frage mich: WORIN steht mir als menschgewordener Mensch, der menschgewordene (christliche) Gott Jesus so nahe oder am nächsten dass ich ihn in meinem Herz ausbreiten lasse, ihn einschließen und spüren kann? Wo sonst sollte Gott sein, wenn nicht da drinnen in mir, als das - eingeschlossene - Dritte der Beziehung Ich und Welt; Ich und Du; Als das höhere Du, höher als ein menschliches es sein kann?

Das Subjektivieren führt hier zur Objektivität der conditio humana. (Und diese - man staune - führt wie zufällig zur Objektivität des Rosenkranzes, in seinen Mantra artig wiederholten Gebetsformeln des Vater unser und des Ave Maria! Er beantwortet in Hegelscher Kreisförmigkeit die vielschichtigen Fragen, die uns Menschen ausmachen und seit jeher beschäftigen: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich?
Jetzt wäre noch die Frage: Was sagt Jesus mit folgendem:
„Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Matthäus-Evangelium, Kapitel 10, Vers 34.
Was meint Jesus, wenn er weiter sagt: „ Ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; die eigenen Angehörigen werden zu Feinden.“ (Matthäus 10,35.36) . Und er weiter sagt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein.“ (Matthäus 10,37)

Reiner Logos hier: Wenn Jesus vom Schwert spricht denkt er an Entzweiung - nicht Entzweiung zwischen Völkern sondern an konkrete Entzweiung zwischen nächsten geliebten Menschen. Also scharfe Trennung um einer Einsicht Willen.

Das ist interessant, denn hier ist von je einer menschlichen Beziehung die Rede, zwischen je zwei sehr nahen Menschen – die Einsicht soll sein: eines - das Dritte - hat hier keinen Platz: Gott.
Kein eifersüchtiger Gott, nein. Gott als Logos fehlt. Gott ist hier, verboten, wie in der klassischen Logik: Tertium non datur. Ein Drittes gibt es nicht. Es fehlt der direkte persönliche (logo)logische Bezug nach „oben“. Im Dreieck, den Hegelschen Triaden – als direkter Bezug des Innen/Außen nach innen/oben steht Gott als Vermittlung.

Gott als beweglicher Reflexionsanker und -Marker in Nichts, als dasjenige, das wir um d i e s e n Deut m e h r lieben müssen als jene, die uns menschlich nahe stehen. Und selbstredend mehr als jene, die uns gänzlich ferne stehen.

Ohne jenes Dritte keine geistige und keine menschliche Existenz und keine realistische Beziehung zu Etwas. Keine konzentrierte Kraft. Kein Erscheinen und Obsiegen des Erwünschten.
Hier ist vom Vorrang Gottes vom Vorrang des Geistes die Rede, denn „Dein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit.“

@ Fritz:
„Als wenn man so einfach Christ sein könnte, weil man es für nützlich hält. Sorry, ich kann zumindest nicht mehr hinter den erreichten Wissensstand unserer Zeit zurück, nach dem es keinerlei Grund gibt, zu glauben, dass das Christentum in irgendeinem Sinne "wahr" wäre.“

Doch, es gibt den wissenschaftlichen Weg über die Hegelsche Reflexions-Logik, über die Physik, die Mathematik jenen Wissenstand zu erreichen und zu erkennen dass das Christentum (!) reflexionslogisch wahr ist. Und erst recht gibt es den Weg über das Betrachten wissenschaftlicher Geister (Bohr, Einstein u.v.a.m.) die trotz ihres „Wissenstandes“ am Glauben (als tieferes Wissen) fest halten.

Aber man kann auch ganz unkompliziert Christ sein und kindlich glauben, den Zweifel - die Ver-Zwei-flung - allerdings auch hier immer inklusive!
Die Wahrheit des Christentums? Sie liegt im Logos - im Geist der sich in sich unterscheidet und so Wort & Fleisch wird. Selbstreferenz qua Fremdreferenz.

Der Logos ist notwendig eine Trias. (Daher auch die „christliche Dreifaltigkeit“) Logische Dreiheit der Reflexion. Ebenso in der Höheren Mathematik die Gleichungen zweiten Grades, mit zwei Lösungen, besonders jene imaginäre sich selbst potenzierende kontingente Zahl i ! (Sylvia Taraba, Das Spiel, das nur zu zweit geht. Heidelberg 2005, vergriffen)

Kontingenz und gar Doppelte Kontingenz hier nicht mehr als zufallende beliebige Möglichkeit, in Gegensatz zur Notwendigkeit. Nein. Sondern logische Notwendigkeit der Realität.
Das bedeutet auch im Fall Ja, Gott lebt/ Nein, Gott ist tot die Unterscheidung und Bezeichnung nur e i n e r Seite der Zwei-Seiten-Form. Als notwendige Entscheidung und Kraftzuwachs im Zweifel und in Ver-Zwei-flung FÜR Gott in mir. Das heißt Einschluss des Dritten: Tertium datur – Gott ist gegeben, besser: gibt sich. Auch wenn ich ihn im einsamen autistischen Selbstdünkel des Subjektseins ausgeschlossen habe („Gott ist tot“).

Der christliche Glaube ist so eigentlich Wissen. Nämlich davon immer - in jeder Unterscheidung, Verzweiflung, Entscheidung und definitiven Bezeichnung - Drei zu sein.

Die Drei ist prälogische heilige Einheit. In seinen primär imaginären Erscheinungsweisen ist das Dritte Unterscheidung in sich, Bezeichnung, Zeit, Werden, Vermittlung, Reflexion, Geist, Gott.

„Die Unterscheidung, die Markierung und der Beobachter sind identisch dasselbe.“ (George Spencer Brown)

Wenn nun Gott seine Menschwerdung nochmals demonstrativ zu zeigen beschlossen hatte, im Erscheinen Jesu indem er seinen Sohn als „Erlöser“ sandte dann doch nur um dies zu zeigen. So ist damit gesagt, die Passion Christi, also die Passion Gottes, so zu erfahren, so zu erleben, so zu begreifen, als in der conditio humana eingeschlossen: als geistige und körperliche Passion (Leidenschaft) des einzelnen Menschen. Ob als Individuum oder als Kollektiv. Eine Unterscheidung, welcher sich der entzweite (also in sich unterschiedene) Gott selbst unterworfen hat. Diese (doppel)kontingente Zwielichtigkeit kann der Geist, als Ich, wenn es will, zunächst im eigenen Herzen in Licht verwandeln und als defensor fidei kraftvoll zum Strahlen bringen. Dazu braucht es keine Dogmen etc.ff sondern die Wendung des Ich nach Innen und nach Oben zugleich. Mich aus der tödlichen Niederziehung meiner Zweiflerei immer wieder aufzurichten zur - meine Unterscheidung und meine Ent-Scheidung - verteidigenden Kraft. Obsiegen im Handeln tut allein diese Kraft. Viva Orban!

A. Kovacs
8. Juni 2018 17:36

@Der Gehenkte
In der Tat wird Orbán und dem Fidesz „Korruption“ vorgeworfen. Aber es wird ihm auch „Faschismus“, „Zigeunertum“, „Verjudung“ und anderes mehr vorgeworfen. Bleiben wir bei der Korruption. Was das ist und wie man das misst, wird auch nach der Methode C. Schmitt gemacht, nämlich machtbezogen. Korrupt sind immer die anderen, vor allem die schwächeren anderen. In Wirklichkeit, so ein Mensch der Europäischen Bankenaufsicht zu mir, ist Deutschland das mit Abstand korrupteste Land. Ich hoffe, das überrascht hier niemanden. Natürlich ist es nicht die miese kleine Korruption am Schalter, wo man 20 € durchschiebt, wie von mir aus in Mazedonien, nein, es sind schon die richtig großen Summen, die aber „systemrelevant“ und daher unangreifbar sind. Man erinnere sich zudem an Bembes-Kohl und Koffer-Schäuble. Man schaue vielleicht auch auf die SPD-Politiker Clement, Schröder und diejenigen, die Simonis und Ypsilanti verraten haben und mit Pöstchen belohnt wurden... Ich weiß, der Zusammenhang zwischen ihren Posten und dem Verrat ist nicht bewiesen und das geht nicht in die „Statistik“ ein. Dem World Corruption Perception Index glaube ich jedenfalls nur bedingt. Sicher ist aber, dass nichts unversucht gelassen wird, Orbán alles anzuhängen, was ihn zu Fall bringen könnte. Er ist aber nicht wichtig genug, um ihm wie Donald J. Trump auch noch irgendwas mit einer Nutte anzuhängen.

starhemberg
8. Juni 2018 20:06

Ein sehr schöner, geradezu erbaulicher Text. Ich freue mich. Dankeschön.

Der Gehenkte
8. Juni 2018 22:50

@ A. Kovacs

Orbáns Korruption

Macht korrumpiert - darüber brauchen wir nicht sprechen. Das kann verschiedene Formen annehmen.

In Ungarn wird die Korruption aber zur geschichtsrelevanten Kraft, weil sie einen Großteil der Bevölkerung gegen den Fidesz aufbringt und weil sie allgegenwärtig und bis in die kleinsten gesellschaftlichen Kapillargefäße nachzuverfolgen ist. Das geht bei den berühmten Stadien los über Orbáns Schwiegersohn, weiter über die lokalen Verluste von EU-Geldern und Vetternwirtschaft bis hin zu Lohnerpressungen auf Mikroebene.

Wenn das Flüchtlingsnarrativ wegfallen sollte, dann bricht Orbán ein - deswegen pflegt er es. Es genügt, sich die M1-Nachrichten anzusehen oder Kossuth-Radio zu hören, um zu begreifen, daß hier ganz massiv propagandistisch gearbeitet wird - erinnert fatal an DDR. Da gibt es nichts zu beschönigen ...

https://www.mediaklikk.hu/video/hirado-2018-06-08-i-adas-18/#

Daß Ungarn das zweitkorrupteste Land er EU ist halte ich nicht für unwahrscheinlich: https://www.laenderdaten.de/indizes/cpi.aspx

Es gilt auch in dieser Frage, der Wahrheit ins Auge zu schauen, es nützt nichts, einen "Verbündeten" zu idealisieren.

A. Kovacs
9. Juni 2018 18:24

@Der Gehenkte
Vielen Dank für die Einwände, die natürlich auch auf dem beruhen, was man so an Statistiken vorgesetzt bekommt. Aber eines glaube ich nicht: an das Ende des Flüchtlingsnarrativs, und Orbán hat recht, wenn er sagt, dass das die entscheidende Frage Europas auf mittlere Sicht bleibt. Das sollen die ruhig in den ungarischen Medien 1000x wiederholen. Dass unsere Qualitätsmedien das leider Gottes nicht tun, hat die täglichen Konsequenzen, und dass Macron und Merkel das anders sehen, ist ja auch klar. Nehmen wir aber an, der Fidesz sei korrupter als die Ex-Kommunisten, was ich bezweifle, dann sage ich es mal auf Deutsch: Wenn einer angeblich korrupt ist, mich aber rettet, dann nehme ich den lieber als den angeblich Nicht-Korrupten, der mich „Multikulti“ ausliefert. Die Deutschen gehen Ihrer Meinung nach also offenbar „sauber“ zugrunde. Wenn es so wäre: Bravo, kann ich da nur sagen!

Ruewald
9. Juni 2018 23:06

@Sylvia Taraba
Ihre theologisch-philosophischen Darlegungen in Ehren; wer sich aber als Agnostiker versteht, muß versuchen, das Gemeinte in eine nicht-religiöse Sprache zu übersetzen und zu extrahieren ...
Als etwas "profanere" Ergänzung möchte ich die vor kurzem zu zwei Jahren Gefängnis gezwungene 89-jährige Ursula Haverbeck zur Beachtung bringen: In einem Interview hatte sie im Zusammenhang mit der Frage der Erziehung prinzipiell und im besonderen gesagt: jeder junge Mensch bringe spezifische Begabungen mit; was aber wichtig sei, ist dies: er müsse Ehrfurcht lernen, und zwar 1. vor dem was über uns ist (das "Göttliche", nüchterner: die über uns waltende Naturordnung), 2. was unter uns ist (die Erde, d.h. auch die Tradition, auf der jede Zukunft aufbauen muß), und 3. was neben uns ist (die Mitgeschöpfe und die Umwelt). -
Über dieses Nachdenkliche hinaus ist U. Haverbeck eine Handelnde, wenn auch zu ihrem - bewußt in Kauf genommenem - Schaden, daß sie Strafprozesse und Haft riskiert. -
Ob die Art und Weise ihres Handelns zielführend ist und als Vorbild dienen kann, das sei dahingestellt.-
Jedoch verdient sie ungeteilten Respekt und Solidarität.

Der Gehenkte
10. Juni 2018 10:11

@ A. Kovacs

Ja, sehr geehrter A. Kovacs, da liegt die Differenz. Mir wäre ein nicht korrupter "Retter" wichtig, allein schon, weil seine Nachteile ihn eines (baldigen) Tages von der Geschichtsbühne fegen werden - und wer rettet uns dann? Bliebe nur noch Jobbik, aber die will Orbán ja mittels und "wegen Korruption" auch zerstören ...

Das Migrationsnarrativ wird uns weiter beschäftigen, die Frage ist, wie lange es den Ungarn wichtiger ist, als das primäre Überleben des nächsten Tages. Sobald eine Alternative sich findet, die die nationale Melodie mitsingt, werden sie umschwenken. Die Leute auf der Straße haben ihn jedenfalls satt und wählen ihn meist nur noch resigniert, aus Mangel an Alternativen (von den unmittelbaren Funktionärsprofiteuren natürlich abgesehen) "Momentum" könnte so etwas werden ...

Außerdem hängt er am Faden der EU - 60% aller Investitionen kommen aus der EU. Ungarn gehört zu den fünf größten Finanzprofiteuren der EU, die Einnahmen sind fünf Mal höher (5 Mrd. Euro) als die Abgaben. Wenn der Hahn zugedreht wird, gehen in HU die Lichter aus. Derweil spricht Orbán öffentlich davon, den Finanzfluß bis 2030 umzudrehen und das Land zum Nettoeinzahler zu machen; eine vollkommen unrealistische Vision. Im Moment leben 40% der Menschen unter dem Existenzminimum, also von 300 Euro im Monat ...

Die Deutschen gehen auch nicht "sauber" zu Grunde - noch so eine schräge Gegenüberstellung. Daß Merkel vor Gericht gehört, wird hier kaum jemand anzweifeln, und einen Filz gibt es auch hier ... da geht es aber weniger um banale Bereicherung und Nepotismus, sondern wohl mehr um ideologisch begründeten Machterhalt, der vor allem nicht bis in die Zellen ausstrahlt. Ungarn ist ein Komplettsumpf, in D gibt es korrupte Eliten.

Ich möchte nur davor warnen, in Orbán einen Heilsbringer zu sehen - das gibt die politische Realität einfach nicht her. Er ist ein Machtmensch, der zufälligerweise in einem zentralen Punkt mit unserer Ansicht übereinstimmt. Aber selbst diesen behandelt er (medial) plump und einfältig.

Nath
10. Juni 2018 11:06

@ Sylvia Taraba
"Zum aktiven Glauben (den ich jetzt und hier unbedingt empfehlen will) um steten politischen Handelns Willen (wie zB bei Antaios) bedarf es keines Zwanges, manchmal nur der logischen Aufklärung und manchmal erst des Leidesdruckes oder wiedererlangter Herzensbildung ....."

Wird "Glauben" in einem ganz weiten Sinne gefasst, - als Sich-Öffnen-für.., als Vertrauen-auf.. oder auch als Vor-Griff, ist er nicht nur im soteriologischen, sondern auch in gnoseologischen Sinne unabdingbar. Aristoteles etwa spricht von der Notwendigkeit des Vertrauens (in die Vernunft) als nowendigem Moment zu Beginn jeglichen Erkenntnisprozesses. Ebenso sehen es Hegel und Shankara. Selbst Descartes, der mit dem "de-omnibus-est dubitandum" beginnt, muss einen kurzen (geschichtlichen) Abgrund der Unentschiedenheit zwischen Zweifel und Nichtzweifel passieren, bevor das Wissen in der certitudo des "sum" aufruhen kann.

Etwas ganz anderes ist es, wenn dieses ontologische Grundprinzip des Vertrauens erstens in einem spezifisch religiösen Sinn gefasst wird, zweitens auf das Für-Wahr-Halten bestimmter empirischer Vorkommnisse (Z.B. Jesu oder Mohammeds durch Bücher überlieferte Lebensgeschichte) enggeführt wird und drittens schließlich zu einem unbedingte Zustimmung einfordernden Dogmensystem gerinnt. Gerade das von Ihnen erwähnte Beispiel der johanneitischen Logos-Christologie setzt ja die unbezweifelbare Geltung der von diesem spätesten Evangelisten vorgenommenen Interpretation voraus (er kannte den Stifter ebenso wenig persönlich wie seine Vorgänger Markus, Matthäus und Lukas), wonach wir es bei jenem Zimmermannssohn Jesu von Nazareth eigentlich mit dem präexistenten Logos zu tun haben. Ein stufenweiser exegetisch-historischer Abgleich mit den früheren Evangelisten führt evident vor Augen, wie mit jedem späteren Autor ein jeweils höherer soteriologischer Dignitätsgrad und damit auch ein immer entschiedenerer Exklusivitätsanspruch einhergeht. Bei dem frühesten von ihnen - Markus - nimmt Gott Jesus im Augenblick der Taufe als Sohn an (Adoptionschristologie). 2. bei Matthäus und Lukas beginnt Jesu Sohnschaft mit seiner Geburt, ohne dass diese Sohnschaft je eindeutig im Sinne der späteren nizäischen homousios (Wesensgleichheit) mit Gott zu deuten wäre 3. Bei Johannes schließlich beginnt Christi Sohnschaft "vor aller Zeit".
Es ist ein nicht zu bestreitendes religionsgeschichtliches Faktum, dass die Tendenz zur Deifikation der eigenen Stifterpersönlichkeit und der dezidiert polemische Grundcharakter dessen, was sich bei den Kirchenvätern (z.B. Irenäus) in den späteren Dekaden und Jahrhunderten als „christliche Theologie“ artikuliert, nicht nur Hand in Hand gehen, sondern faktisch zu einem untrennbaren Ganzen werden. Dem widerspricht es durchaus nicht, dass in späteren Zeiten, nachdem das Christentum gesiegt hatte, von manchen Denkern eine mehr gnostische als fideistische Interpretation christlicher Lehrinhalte favorisiert wurde (z.B. Eriugena, Anselmus, Meister Eckhart, Hegel, Schelling). Dies ändert aber nichts daran, dass die Basistexte selbst – einschließlich mancher dem Meister in den Mund gelegter Aussagen – die „Überzeugungskraft“ in nicht unwesentlichem Ausmaß ihrem Droh- und Verängstigungspotential verdanken, etwas, was m. E. jedem denkenden Menschen das „Gesamtpaket“ unannehmbar macht. Wenn jemand sagt: „Wer an mich glaubt, wird gerettet werden;“, so mag dies im Hinblick auf das in Rede stehende höchste Gut soeben noch akzeptabel erscheinen. Wenn er jedoch hinzufügt: „..wer aber nicht an mich glaubt, wird ins ewige Feuer geworfen werden“, so ist dies eine Anmaßung, die ethisch ebenso abstoßend wie logisch unhaltbar ist. Weder von Buddha, Lao Tse noch Krishna ist solch eine Aussage überliefert. Und hier sind wir denn auch beim eigentlichen Skandalon angelangt: Der Drohung mit e w i g e n Höllenstrafen, allein aufgrund des Nichtglaubens an denjenigen, der ihre Existenz behauptet!
John Lennon hat es seinerzeit auf eine weniger distinguierte, im Hinblick auf Christus selbst jedoch durchaus wohlmeinende Art, auf den Punkt gebracht: „Jesus war okay, aber seine Schüler waren ziemliche Knalltüten, und das ist es, was das Christentum für mich unannehmbar macht.“

Der_Juergen
10. Juni 2018 11:42

@Adorjan Kovacs @Der Gehenkte

Sie haben in Ihrem Disput beide recht, jeder auf seine Weise. Natürlich kann ein Staatsoberhaupt, unter dem die Korruption floriert, kein Vorbild sein; da hat der Gehenkte recht. Andererseits muss man eben oft mit dem vorlieb nehmen, was man hat. Soweit ich als Aussenstehender die Verhältnisse in Ungarn beurteilen kann, gibt es für einen patriotisch denkenden Ungarn gegenwärtig keine befriedigende Alternative zu Orban (denn Jobbik hat sich so weit von seinen ursprünglichen Prinzipien entfernt, dass man die Partei wohl vergessen kann). Und das Migrationsproblem ist von so überwältigender Bedeutung, dass alle anderen Probleme daneben verblassen. Korruption und Misswirtschaft können jederzeit durch eine neue Regierung oder ein neues System beseitigt werden, aber wenn ein Volk erst zur Minderheit im eigenen Land geworden ist, ist der Zug abgefahren. Was nützt es den Briten, sich über den Brexit zu freuen, wenn ihr Land von Muslimen und Schwarzen überrannt wird?

Adorjan Kovacs: Aufrichtige Gratulation zu dem von Ihnen herausgegebenen Buch "Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse" von Iwan Iljin, das ich vor Jahren auf Russisch las. DIe deutsche Übersetzung von Sascha Rudenko ist vorzüglich, Ihre Einleitung, die Ausführungen von N. Poltorazkij über die Rezension des Werkes durch die russische Emigration sowie die abschliessenden Betrachtungen von F. Yavtilov über die christliche Widerstandstheorie im heutigen Licht sind ebenfalls in höchstem Grade lesenswert. Ich kann das Werk allen Sezessionisten herzlich empfehlen.

A. Kovacs
10. Juni 2018 12:56

@Der Gehenkte
Nun, ob das mit dem Mann auf der Straße so stimmt, wage ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus zu bezweifeln. Nochmals, mit Wilhelm Röpke: Lieber unpräzis recht haben als präzis unrecht.
Das mit der EU stimmt; selbstverständlich ist Deutschland Hauptnettozahler und Hauptbürge, was sich aber hoffentlich in Bälde rächen wird. Der deutsche „Wohlstand“ ist mittlerweile doch nur Fiktion (<1% versteuern mehr als 10.000 €). Dass hier die Implosion durch Interventionismus, Sozialstaat, Kampf gegen die Produktiven und Masseneinwanderung bevorsteht, freut mich, denn es ist eine Chance. Für alle in der EU, egal ob Deutschland oder Ungarn, gibt es m. E. nur die Erkenntnis, ärmer oder unfrei zu werden (ein paar Lichter werden auch ohne EU immer noch leuchten). So etwas Ähnliches hat jetzt die neue italienische Regierung geäußert; das ist natürlich nicht populistisch und leider nicht einmal populär. Trotzdem ist es richtig. Das egalitaristische sozialdemokratisierte Denken hat sich leider durchgesetzt, es ist schwer, das sogar aus rechten Köpfen herauszubekommen, wie man an Ihrer Existenzminimum-Argumentation sieht. Orbán versucht das wenigstens, hier keiner. Einen nicht ganz unwichtigen Erfolg hat er: In Budapest fühle ich mich wie in Europa, auf der Zeil oder in Kreuzberg ganz sicher nicht. Vielleicht ist in Deutschland der Point-of-no-return schon erreicht, aber man soll die Hoffnung nie aufgeben.

A. Kovacs
10. Juni 2018 21:03

@Der_Juergen
Danke für die Unterstützung. Vieles von dem, was ich in meinem vorigen Kommentar, in Unkenntnis Ihrer Einlassung, geschrieben habe, ist gleichsam Antwort darauf.
Und vielen Dank für die Buchempfehlung. Ich habe mir alle Mühe für ein gutes Buch gegeben, das breite Wahrnehmung verdient. Der SPIEGEL, die FAZ, die ZEIT wollten von sich aus Rezensionsexemplare. Aber ich glaube nicht, dass es zu Besprechungen in diesen Blättern kommt, denn die Stoßrichtung Iljins ist nur zu klar – gegen alles, wofür die vorhersehbar-langweilige Systempresse und die von ihr gestützte, verkommene politische Klasse steht. Also muss das Buch im Verborgenen wirken.

0002
10. Juni 2018 22:22

„Es gilt auch in dieser Frage, der Wahrheit ins Auge zu schauen, ...“

Wenn man doch manchmal bloß wüßte, wo die Wahrheit liegt ...

Beim „Korruptionswahrnehmungsindex” ?

Der Gehenkte
10. Juni 2018 23:17

@ A. Kovacs

"Das egalitaristische sozialdemokratisierte Denken hat sich leider durchgesetzt, es ist schwer, das sogar aus rechten Köpfen herauszubekommen, wie man an Ihrer Existenzminimum-Argumentation sieht."

Mein Denken oder von mir aus auch das " sozialdemokratisierte" spielt in diesem Zshg. gar keine Rolle. Die Frage ist, ob die soziale Frage - hier in Form der "Existenzminimum-Argumentation" - eine materielle Gewalt ist oder nicht. Die neuere Geschichte hat bewiesen, daß an ihr sich Sein oder Nichtsein politischer Systeme und von Politikern entscheidet, ganz egal wie und ob man das reflektiert.

Sie haben ohne Zweifel recht: auch in der letzten Wahl hatten die Ungarn zu entscheiden zwischen der Weiterexistenz als Volk oder den unmittelbaren Bedürfnissen und Bedingungen. Allein, die Idee des Volkes ist abstrakt und kann schnell sekundär werden, wenn es nichts zu fressen gibt oder man die anderen, die nicht ehrlich arbeiten, reich werden sieht. Die Quantität ist hier relativ: War es Sloterdijk, der die Bedürfnisse als Movens postmoderner Geschichte ausmachte? Also das Sehen des besseren Lebens in anderen Ländern, also nicht mehr der eigentliche existentielle Mangel.

Ein Ungar verdient in der Regel 1/5 des deutschen Lohnes, ein Lehrer geht mit 600 Euro heim ... Nicht umsonst sind über 1. Mio. Ungarn in D, A, oder GB arbeiten, wischen alten Menschen die Ärsche ab, nicht selten schwarz, während in HU massiv Fachkräfte fehlen und Orbán mittlerweile gezielt Serben, Rumänen, Kroaten etc. anwirbt.

Ideale sind Luxusgüter.

heinrichbrueck
11. Juni 2018 13:05

Die Demokratie infantilisiert die Massen. Ob die Ungarn in 50 oder 100 Jahren ihre Zuwanderung bekommen, spielt überhaupt keine Rolle.
Es gibt wohl eine reale und eine illusionäre Demokratie. In den Vorstellungswelten der Wähler ist der Widerspruch vorprogrammiert. Die Briefschreiber im folgenden Strang, - man untersuche und vergleiche diesen Brief doch einmal, mit Briefen aus dem 19. Jahrhundert -, sprechen von einem Paradoxon.
Wie fällt eine demokratische Entscheidung aus, wenn die realen Machtverhältnisse nicht bewiesen werden können?

Fritz
11. Juni 2018 13:19

@Sylvia Taraba. Haben sie Darwin gelesen? Ich sehe einfach nicht, wieso ich auf irgendwelche Tranzendenz (oder gar ein Wesen, das das Universum geschaffen haben soll) zurückgreifen soll, wenn ich mir die Welt ganz aus sich selbst erklären kann. Ja natürlich, warum die Welt existiert, kann ich auch nicht sagen, aber die Annahme dass sie einfach schon immer existiert hat und immer existieren wird (wie die alten Griechen dachten), ist zumindest nicht irrationaler als die Annahme eines Weltenschöpfers, der einfach so existiert ohne entstanden zu sein.

Oder Spinoza, der hatte schon im 17. Jahrhundert ein rein naturalistisches Bild von der Welt, ohne personalen Gott usw. Mein Philosoph.

A. Kovacs
11. Juni 2018 16:19

@Der Gehenkte
Sicher, sicher. Ob Herr Sloterdijk das mit den „Bedürfnissen“ „entdeckt“ hat? Er hat ja an sich wenig entdeckt... Die Sache, und Sie spielen selbst darauf an, erinnert doch stark an: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Aber ich bleibe dabei: Nicht immer und nicht überall spielt das Denken in ökonomischen Kategorien eine Rolle, ob man es nun „sozialdemokratisiert“ oder neoliberal nennt. Würden sonst die verhungernden Afrikaner so viele Kinder bekommen? Hätten sonst die vertriebenen deutschen Frauen auf der Flucht noch ihre Kinder bekommen? HEUTE spielt dieses Denken bei den Demoralisierten eine Rolle. An der Moral abseits der Ökonomie kann man arbeiten, wenn man will, es passiert nur nicht. Sie haben natürlich recht, dass das „Sehen des besseren Lebens“ heute ein Movens ist bei den neuen Möglichkeiten der Mobilität, aber ohne Schleuser und ohne Staaten, die „offene Grenzen“ haben und „Arbeit für alle“ versprechen, wäre es mit dem Movens auch heute schnell vorbei. Ich behaupte nicht zu wissen, wie man aus dem Dilemma dieser Wirtschaftsordnung herauskommt, ich will nur sagen, sie ist nicht alternativlos. Herr Strache hat gewagt, am Dogma der grenzenlosen innereuropäischen Mobilität zu rütteln, die genau den Effekt hat, den Sie beschrieben. Entsetzen bei all denen, die die grenzenlose Verfügbarkeit von „Humankapital“ wollen. Da sehen Sie‘s. Man könnte etwas machen, man will nur nicht.

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