Gehlen und Habermas

pdf der Druckfassung aus Sezession 29/April 2009

sez_nr_29von Karlheinz Weißmann

In jüngster Zeit mehren sich Analysen zur »intellektuellen Gründung« (Clemens Albrecht) der Bundesrepublik. Dabei geht es vor allem um die Frage, wann der Prozeß eingeleitet wurde, der zum Umbau der »deutschen« Nachkriegsgesellschaft in die »westliche« Bundesrepublik führte.

 Gastbeitrag

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Wenn hier von einem Pro­zeß die Rede ist, dann des­halb, weil die Ver­än­de­rung zum Teil unwi­der­steh­lich war, Ergeb­nis säku­la­rer Ent­wick­lun­gen, die von nie­man­dem beherrscht wur­den und von einem Men­ta­li­täts­wan­del beglei­tet waren, der sei­nen Nie­der­schlag kaum in der Geis­tes- und Ideen­ge­schich­te fin­den konnte.

Es gibt aller­dings Aus­nah­men von die­ser Regel. Dar­auf hat Joa­chim Fischer unlängst mit sei­ner Unter­su­chung zur Phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie hin­ge­wie­sen. Gemeint ist jene in man­chem typisch deut­sche Fra­ge nach dem Wesen des Men­schen und den sozia­len wie poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen, die deren Klä­rung nach sich zieht.

Eine zen­tra­le Rol­le für die Stel­lung der Phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie in der Nach­kriegs­zeit spiel­te der Kon­flikt zwi­schen Arnold Geh­len und Jür­gen Haber­mas. Die Aus­ein­an­der­set­zung war nicht von Anfang an abzu­se­hen, bedenkt man, daß Haber­mas zu den Schü­lern Erich Rot­ha­ckers gehör­te, der selbst zu den Prot­ago­nis­ten der Phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie gehör­te. Aller­dings zähl­te Rot­ha­cker zur älte­ren Genera­ti­on und wur­de 1954 eme­ri­tiert. Haber­mas wech­sel­te nach Frank­furt, wo er als Assis­tent zu Theo­dor W. Ador­no kam, neben Max Hork­hei­mer das Haupt der »Frank­fur­ter Schu­le«. Zu die­sem Zeit­punkt stell­te sich Ador­no deut­li­cher gegen die Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie, und sei­ne Feind­se­lig­keit galt in ers­ter Linie Geh­len, dem er auch sein Enga­ge­ment für den Natio­nal­so­zia­lis­mus nach­trug, den er aber vor allem als Kon­kur­ren­ten um wis­sen­schaft­li­che und außer­wis­sen­schaft­li­che, poli­tisch-welt­an­schau­li­che Posi­tio­nen betrachtete.
Ador­no hat des­halb, wie Fischer dar­legt, sei­nen Ein­fluß gel­tend gemacht, um die von Karl Löwith unter­stütz­te Beru­fung Geh­lens auf einen Lehr­stuhl in Hei­del­berg zu hin­ter­trei­ben. Sein Assis­tent Haber­mas muß­te dazu Kärr­ner­ar­beit leis­ten und eine Rei­he belas­ten­der »Stel­len« sam­meln, die Ador­no nicht nur in sei­nem eige­nen Gut­ach­ten ver­ar­bei­te­te, son­dern auch Hork­hei­mer zur Ver­fü­gung stell­te, der gleich­falls um eine Ein­schät­zung gebe­ten wor­den war. Die Intri­ge hat­te den gewünsch­ten Erfolg und Geh­lens Beru­fung scheiterte.

Haber­mas war zu die­sem Zeit­punkt längst mit Geh­lens Den­ken ver­traut und hat an pro­mi­nen­ter Stel­le – in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung – nicht nur das von Geh­len mit Hel­mut Schelsky her­aus­ge­ge­be­ne Sam­mel­werk Sozio­lo­gie bespro­chen, son­dern auch Urmensch und Spät­kul­tur. Zwi­schen den Rezen­sio­nen waren deut­li­che Akzent­ver­schie­bun­gen fest­stell­bar. Wäh­rend im ers­ten Fall der Respekt über­wog, Haber­mas sprach vom »Come­back der deut­schen Sozio­lo­gie«, das mit dem Band ein­ge­lei­tet wor­den war, ver­schärf­te sich im zwei­ten der kri­ti­sche Ton. Haber­mas wür­dig­te durch­aus Ori­gi­na­li­tät und Qua­li­tät des Ansat­zes von Geh­len, aber gegen die hier ent­fal­te­te Insti­tu­tio­nen­leh­re mel­de­te er prin­zi­pi­el­le Vor­be­hal­te an: »… wie sehr sich Geh­len auch sou­ve­rän vom ›Päd­ago­gisch-Agi­ta­to­ri­schen‹ absetzt, sei­ne pro­non­cier­ten Kom­men­ta­re zur gegen­wär­ti­gen Lage sind nun ein­mal ten­den­zi­ös und impli­zit auf eine Ver­än­de­rung die­ser Lage abge­stellt«, und: »Die­ses Buch trägt die Hypo­thek lang­fris­tig ange­stau­ter Res­sen­ti­ments.« Was Haber­mas beson­ders auf­brach­te, war die von Geh­len skiz­zier­te Aus­weg­lo­sig­keit der Lage, bedingt durch die Not­wen­dig­keit, dem »Män­gel­we­sen« Mensch eine sta­bi­le »zwei­te Natur« zu ver­mit­teln, einer­seits, durch die For­mie­rung in der moder­nen Gesell­schaft, die das Gefühl der Ent­frem­dung not­wen­dig stei­gern muß­te, ande­rer­seits. Mit eben die­ser tra­gi­schen Kon­stel­la­ti­on woll­te Haber­mas sich nicht abfin­den. Wenn in der »kon­kur­renz­ge­sell­schaft­lich orga­ni­sier­ten Ange­stell­ten­zi­vi­li­sa­ti­on die … Indi­vi­du­en zu Umschlag­plät­zen insti­tu­tio­nel­ler Anwei­sun­gen« dege­ne­rier­ten und die »Kon­sum­stei­ge­rung ent­zieht, indem sie gibt«, dann müs­se man »die­sen Zustand falsch dimen­sio­nier­ter Insti­tu­tio­na­li­sie­rung« über­win­den, »in Rich­tung auf eine balan­cier­te Ver­mitt­lung von Insti­tu­ti­on und Indi­vi­du­um, nicht in Rich­tung auf die Liqui­da­ti­on des einen durch das andere«.
Es wäre im ein­zel­nen zu prü­fen, ob Geh­len tat­säch­lich die »Liqui­da­ti­on« des Indi­vi­du­ums durch die Insti­tu­ti­on wünsch­te, aber ohne Zwei­fel hat er in Urmensch und Spät­kul­tur den Akzent ganz auf die Insti­tu­ti­on gesetzt, die Not­wen­dig­keit der Ein­ord­nung wie des Ver­zichts mit Nach­druck betont und damit Haber­mas in beson­de­rer Wei­se gereizt. Das wird über­deut­lich an einem Text, der eine Schlüs­sel­be­deu­tung für die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen bei­den gewann: dem Arti­kel »Anthro­po­lo­gie«, den Haber­mas für das sehr ver­brei­te­te Fischer-Lexi­kon Phi­lo­so­phie schrieb. Das Bild, das er damit von der Phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie als Denk­rich­tung zeich­ne­te, wird in vie­ler Hin­sicht und vor allem für die jün­ge­re Genera­ti­on in den Geis­tes- und Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten prä­gend gewe­sen sein. Dabei lie­fer­te Haber­mas einen eben­so umfas­sen­den wie kom­pe­ten­ten Abriß der Ent­wick­lung der gesam­ten Vor­ge­schich­te bis hin zu Max Schelers Annah­me der »Welt­of­fen­heit« des Men­schen, Hel­muth Pless­ners »Stu­fen des Orga­ni­schen« und den beson­de­ren Bedin­gun­gen der con­di­tio huma­na, der Syn­the­se Rot­ha­ckers und der theo­re­ti­schen Kon­zep­ti­on Geh­lens. In dem Zusam­men­hang wird dann aller­dings auch erkenn­bar, daß es Haber­mas weni­ger um die sach­li­che Dar­stel­lung als um die Mög­lich­keit zu einem wei­te­ren Angriff auf Geh­len ging.

Dem warf Haber­mas einer­seits Nai­vi­tät vor – er rekla­mie­re etwas wie das »Bewußt­sein über­haupt« – und ande­rer­seits Ideo­lo­gie – er behaup­te eine »Grund­la­gen­wis­sen­schaft« zu ver­tre­ten, von der alle ande­re Leh­re vom Men­schen und sei­nen sozia­len Bezü­gen abhän­ge. Wol­le die Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie »kri­tisch« sein, müs­se sie sich aber über ihre Situa­ti­on klar­wer­den, was hei­ße, daß sie ihre Abhän­gig­keit von den Bedin­gun­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Indus­trie­ge­sell­schaft zu erken­nen habe. Erst dann kön­ne sie ihre Mitt­ler­stel­lung zwi­schen Bio­lo­gie und Sozio­lo­gie aus­fül­len. Als Modell schlug Haber­mas aus­ge­rech­net die Ver­knüp­fung von Psy­cho­ana­ly­se und Gesell­schafts­wis­sen­schaft durch Her­bert Mar­cu­se, den Kopf des radi­ka­len Flü­gels der »Frank­fur­ter«, vor.
Das Fischer-Lexi­kon Phi­lo­so­phie erschien 1958, zu einem Zeit­punkt, als die Bun­des­re­pu­blik in die – ent­schei­den­de – zwei­te Pha­se ihrer Ent­wick­lung ein­trat. Der Wie­der­auf­bau war abge­schlos­sen, das Wirt­schafts­wun­der ein­ge­lei­tet, die Sta­bi­li­sie­rung der poli­ti­schen Ord­nung weit gedie­hen. In die­ser Lage ver­brei­te­te sich die Erwar­tung zuneh­men­der Nor­ma­li­tät, die fun­diert schien durch den Erfolg der gesell­schaft­li­chen »Restau­ra­ti­on« und den Abschluß der gro­ßen, noch sehr stark welt­an­schau­lich bestimm­ten poli­ti­schen Debat­ten um Wie­der­be­waff­nung und Wie­der­ver­ei­ni­gung. Die­se Erwar­tung trog indes, und den Arti­kel von Haber­mas kann man auch als Indi­ka­tor des all­mäh­li­chen Kli­ma­wan­dels betrach­ten, der das Sozi­al­sys­tem Bun­des­re­pu­blik erfaß­te. Man moch­te Vor­gän­ge wie die end­gül­ti­ge Rück­kehr Geh­lens in die aka­de­mi­sche Welt – er über­nahm einen Lehr­stuhl für Sozio­lo­gie in Aachen – beru­hi­gend fin­den, fak­tisch bahn­te sich eine dra­ma­ti­sche Ver­än­de­rung an, und die Ero­si­on des Ein­flus­ses kon­ser­va­ti­ver Kräf­te war ein Vor­zei­chen für das, was gesamt­ge­sell­schaft­lich bevor­stand. In den Jah­ren zwi­schen zwei­ter Ber­lin­kri­se und Mau­er­bau fie­len jene Ent­schei­dun­gen, die ganz wesent­lich zur Klä­rung der ideo­lo­gi­schen Macht­ver­hält­nis­se beitrugen.
Wenn Haber­mas Geh­len also den pes­si­mis­ti­schen Grund­zug sei­ner Leh­re vor­warf, sei­ne For­de­rung, Aske­se zum Prin­zip jeder insti­tu­tio­nel­len Orga­ni­sa­ti­on zu machen, so hat­te das mit der – berech­tig­ten – Sor­ge zu tun, hier wer­de die theo­re­ti­sche Grund­la­ge für ein Pro­gramm geschaf­fen, das Mög­lich­keit oder Wünsch­bar­keit der gro­ßen Eman­zi­pa­ti­on nach­hal­tig in Fra­ge stell­te. Die gehör­te aber zu den Kern­for­de­run­gen von Haber­mas, der in der Frank­fur­ter Schu­le als »Lin­ker« galt, weil sei­ne Vor­stel­lun­gen nicht bei einer eher mode­ra­ten Kri­tik der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ste­hen­blie­ben, son­dern die­se prin­zi­pi­ell in Fra­ge stell­ten und mit For­mu­lie­run­gen arbei­te­ten, die wegen ihres ega­li­tä­ren und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Tenors als ver­kapp­te Revo­lu­ti­ons­for­de­run­gen gele­sen wer­den konn­ten. Daß die Ent­wick­lung in den sech­zi­ger Jah­ren dem ent­ge­gen­kam und ihn in die Posi­ti­on eines Vor­den­kers der Außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on brach­te, war nicht von Anfang an abseh­bar, und die Aus­ein­an­der­set­zung um die Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie trat in den Hin­ter­grund gegen­über ande­ren The­men, deren Dis­kus­si­on drän­gen­der zu sein schien. Erst die »neo­kon­ser­va­ti­ve« Gegen­be­we­gung, die intel­lek­tu­ell ganz wesent­lich von Sozio­lo­gen wie Geh­len, Schelsky, Erwin K. Scheuch und Hel­mut Schoeck getra­gen wur­de, führ­te dazu, daß die damit zusam­men­hän­gen­den Fra­gen wie­der auf­ge­nom­men wer­den mußten.

Intern hat Geh­len sein Buch Moral und Hyper­mo­ral als Der Mensch III (Der Mensch = I; Urmensch und Spät­kul­tur = II) bezeich­net und mit des­sen Erschei­nen 1969 nicht nur eine Ethik vor­ge­legt, die von der Grund­an­nah­me aus­ging, daß die ver­schie­de­nen Krei­se der Ethik – Fami­li­en­ethik, Poli­ti­sche Ethik, Huma­ni­tä­re Ethik – von nicht auf­ein­an­der zurück­führ­ba­ren Prin­zi­pi­en aus­gin­gen. Das eigent­li­che Skan­da­lon sei­nes Tex­tes war aller­dings die Deka­denz-Dia­gno­se, die Behaup­tung, daß die Indus­trie­ge­sell­schaft, ver­führt durch die Intel­lek­tu­el­len, einer eudä­mo­nis­ti­schen Ten­denz zum Opfer fal­le, die letzt­lich in die Auf­lö­sung füh­ren wer­de. Ange­sichts des­sen ver­öf­fent­lich­te Haber­mas im Mer­kur einen Auf­satz, der unter dem Titel »Nach­ge­ahm­te Sub­stan­tia­li­tät« erschien und eine prin­zi­pi­el­le Kri­tik mit dem – jetzt ganz offen geäu­ßer­ten – Vor­wurf ver­band, hier wer­de die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on vor­be­rei­tet: »Ein im Drei­eck Carl Schmitt, Kon­rad Lorenz, Arnold Geh­len ent­wi­ckel­ter Insti­tu­tio­na­lis­mus könn­te leicht das Maß an Brei­ten­glaub­wür­dig­keit erhal­ten, das kol­lek­ti­ven Vor­ur­tei­len genügt, um viru­len­te Aggres­si­vi­tät zu ent­bin­den und gegen inne­re Fein­de man­gels äuße­rer zu richten.«
Das war ange­sichts der kaum abge­ebb­ten Empö­rung über die Not­stands­ge­set­ze und des uni­ver­si­tä­ren Jar­gons, der per­ma­nent von der »pro­to­fa­schis­ti­schen«, »faschis­ti­schen« oder »faschis­to­iden« Bun­des­re­pu­blik sprach, nicht ein­fach dahin­ge­sagt, son­dern eine geziel­te Denun­zia­ti­on, die Haber­mas nur des­halb nicht als sol­che emp­fand, weil er sich in der Posi­ti­on des mora­lisch über­le­ge­nen Mah­ners und War­ners sah. Rüdi­ger Alt­mann, den die Redak­ti­on des Mer­kur um eine Stel­lung­nah­me zur »Sache Haber­mas con­tra Geh­len« bat, wies aller­dings dar­auf hin, daß Haber­mas die Denun­zia­ti­on auch als Teil einer Rund­um­rück­ver­si­che­rung sah: Soll­te die Lin­ke das Sys­tem wider Erwar­ten doch ernst­haft in Gefahr brin­gen und eine ent­spre­chend hef­ti­ge – von Geh­len offen­bar gewünsch­te – Reak­ti­on erfol­gen, blieb Haber­mas noch die Rol­le als Welt­kind in der Mitten.
Haber­mas’ Ent­wurf der nach­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft, die von Dis­kurs und Öffent­lich­keit und gesell­schaft­li­cher Kon­trol­le der Pro­duk­ti­on bestimmt sein soll­te, bot zwar wenig kon­kre­te Anhalts­punk­te für poli­ti­sche Ver­wirk­li­chung und den Acht­und­sech­zi­gern kaum die Paro­len, die sie begehr­ten, spiel­te aber für das Bewußt­sein der neu­en »libe­ra­len« Mit­tel­schich­ten eine erheb­li­che Rol­le. Der Auf­stieg von Haber­mas zum ein­fluß­reichs­ten Intel­lek­tu­el­len der Bun­des­re­pu­blik beruh­te ganz wesent­lich auf die­ser Affi­ni­tät und dem gemein­sa­men Wider­wil­len gegen das, was er als »Insti­tu­tio­na­lis­mus« apo­stro­phiert hat­te. Denn das »Drei­eck Carl Schmitt, Kon­rad Lorenz, Arnold Geh­len« bezeich­ne­te tat­säch­lich die Kon­tu­ren eines alter­na­ti­ven Denk­mo­dells, dem – so oder so – die Ein­sicht Schmitts vom ele­men­ta­ren Zusam­men­hang zwi­schen Anthro­po­lo­gie und Poli­tik zugrun­de gele­gen hät­te: »Man könn­te alle Staats­theo­rien und alle poli­ti­schen Ideen auf ihre Anthro­po­lo­gie prü­fen und danach ein­tei­len, ob sie, bewußt oder unbe­wußt, einen ›von Natur bösen‹ oder einen ›von Natur guten‹ Men­schen vor­aus­set­zen. … Ent­schei­dend ist die pro­ble­ma­ti­sche oder unpro­ble­ma­ti­sche Auf­fas­sung des Men­schen als Vor­aus­set­zung jeder wei­te­ren poli­ti­schen Erwä­gung, die Ant­wort auf die Fra­ge, ob der Mensch ein ›gefähr­li­ches‹ oder unge­fähr­li­ches, ein ris­kan­tes oder ein harm­los nicht-ris­kan­tes Wesen ist.« Wobei alle »ech­ten poli­ti­schen Theo­rien« den Men­schen selbst­ver­ständ­lich als »böse« voraussetzten.
Man wird den gan­zen Kon­flikt zwi­schen Haber­mas und Geh­len, der wesent­lich aus den Angrif­fen von Haber­mas und der Ver­wei­ge­rung jeder Replik durch Geh­len bestand, als Teil jenes Pro­zes­ses betrach­ten müs­sen, mit dem die »Ver­west­li­chung« Nach­kriegs­deutsch­lands abge­schlos­sen wur­de. Das ging noch über die Inten­ti­on hin­aus, die intel­lek­tu­el­le Rech­te zu ent­mach­ten und ihr Erbe – die »ech­ten poli­ti­schen Theo­rien« – des Ein­flus­ses zu berau­ben. Viel­mehr soll­ten jene Ele­men­te in der geis­ti­gen Tra­di­ti­on getrof­fen wer­den, die in der Ver­gan­gen­heit immer wie­der eine Reser­ve gegen­über dem angel­säch­si­schen und fran­zö­si­schen Modell begrün­det hat­ten. Sowe­nig die APO und die Neue Lin­ke anti­ame­ri­ka­nisch au fond waren – sie kopier­ten noch in ihrer Kri­tik Ame­ri­kas das ame­ri­ka­ni­sche Vor­bild –, sowe­nig darf man sich von den Mar­xis­men in den Tex­ten von Haber­mas irri­tie­ren las­sen. Letzt­lich ging es ihm dar­um, das zu tref­fen, was er als gefähr­li­ches und uner­träg­li­ches, weil deut­sches Den­ken empfand.

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