Sezession
24. Juni 2018

Machtarithmetik, Machtautismus (II)

Nils Wegner

Machtarithmetik, Machtautismus (II)

Saul Alinsky war an und für sich nicht nur ein erzlinker Schlaubi Schlumpf, sondern auch eine ausgesprochen unappetitliche Persönlichkeit.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Obschon er insbesondere mit seinen kreativen Verwendungsplänen von menschlichen Ausscheidungen zu "bürgerrechtlichen" Zwecken nicht eben den glorreichen Ideenpionier für Aktivisten diesseits der Grenze des guten Geschmacks abgibt, zu dem er bereits stilisiert worden ist, sind seine strategischen Erwägungen zur gezielten Machtapplikation von Graswurzelbewegungen durchaus interessant.

In gleicher Bündigkeit wie beim »7-Punkte-Plan« der FPÖ handelt es sich bei Alinskys berühmt-berüchtigten »Rules for Radicals« konkret um die folgenden:

1. Macht ist nicht nur das, was man tatsächlich hat, sondern das, was der Feind glaubt, das man hat;
2. niemals den Horizont der eigenen Leute übersteigen;
3. wann immer möglich, den Horizont des Feinds übersteigen;
4. den Feind dazu zwingen, nach seinen eigenen Regeln zu spielen;
5. Hohn als wirksamste Waffe;
6. Eine gute Taktik ist eine, die den eigenen Leuten Spaß macht;
7. Eine Taktik, die sich in die Länge zieht, wird langweilig;
8. nicht nachlassen;
9. Drohungen sind meist wirksamer als tatsächliches Handeln;
10. Grundvoraussetzung jeder Taktik sind fortlaufende Aktionen, die konstanten Druck auf die Gegenseite ausüben;
11. Einen Nachteil lange und beharrlich genug auszureizen, wird ihn ins Gegenteil umschlagen lassen;
12. Der Preis eines erfolgreichen Angriffs ist eine tragfähige Alternative;
13. Ziel wählen, festzurren, personalisieren und polarisieren.

Der Vergleich hinkt hier natürlich ein wenig, was rechte Nachbeter dieser Formeln in der Regel übersehen: Alinsky ging es ausdrücklich um ein Programm zur Selbstermächtigung der absoluten Unterschicht, des gesellschaftlichen Kehrichts, in seinen eigenen Worten: der »Have-Nots«. Dadurch sind sie nicht ohne Anpassungen übertragbar auf Interessengruppen, die zwar von der be-schreibenden Zunft unserer Tage so gern als »Abgehängte« irgendeiner Art (oder, mit Hillary Clinton, als »Deplorables«) bezeichnet werden, sich einen öffentlichkeitswirksamen Status als allseits bemitleidenswerte Underdogs jedoch erst herbeireden und -schreiben müssen – ohnehin ein zweischneidiges Schwert, das oft in einen Fremdscham erregenden Opferstolz von rechts umzuschlagen droht.

Darüber hinaus ist wesentliches Ziel der direkten Aktion im Sinne Alinskys die Herbeiführung einer Eskalationsspirale, an deren Ende nicht die revolutionäre Veränderung, sondern der Kompromiß steht, im augenblicklichen bundesrepublikanischen Zusammenhang also quasi die Seehoferisierung der Innenpolitik – etwas, das man nicht wirklich wollen kann.

In bezug auf die mißglückte "Enttarnung" der FPÖ durch Kathrin Glösel – übrigens ein Sujet, das zur wesentlichen Zielsetzung von "Kontrast" zählt – ist also abgesehen vom Verweis auf die Regeln 4, 5, 8 und 9, die quasi automatisch greifen, sobald man beginnt, eine alte Deutungshoheit umzuschubsen, folgendes anheimzustellen:

Von der Warte einer (Regierungs-)Partei aus betrachtet, dreht sich die gesamte Frontstellung des Alinsky-Modells von der Orthogonalen in die Horizontale. Die genuin politische Auseinandersetzung "wir gegen die" ist nicht mehr in "unten gegen oben" zu übersetzen, sondern apparatintern in "rechts gegen links". Das rückt insbesondere den letzten Punkt des Glöselschen Gemeckers in den Fokus, »als Elite über Eliten schimpfen«, und von hier aus läßt sich das Feld sehr rasch aufrollen.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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