Sezession
4. Juli 2018

Ein bißchen Werbung (2): Nähen und Streiten

Götz Kubitschek / 17 Kommentare

Man kann sich bei Ernstings Family mit Klamottenplunder für 1,00 € das Teil eindecken. Man kann aber auch zeitlos schöne Stücke erwerben:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Die von der Bürgerinitiative "Ein Prozent" unterstützte Plattform "Nähmanufaktur" hat ihren vernetzenden betrieb vor ein paar Wochen aufgenommen, der Erfolg ist schlagend: Schneiderinnen, die als kleine Einzelunternehmerinnen Stücke entwerfen und anbieten, finden über die zusammenführende Internetseite naehmanufaktur.net Kunden.

Der Vermittlerdienst, den "Ein Prozent" leistet, ist dabei kostenlos, Portal und Angebot sind praktisch unbegrenzt erweiterbar. Gefördert wird in die eine Richtung kleine, ortsgebundene Selbstständigkeit, auf der anderen Seite die dringend notwendige Abkehr vom Ramsch, der wahlweise von Kinderhänden in Bangladesch, China oder Pakistan zusammengenäht wird.

Hier die Internetseite: naehmanufaktur.net

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Der Verlag Antaios hat in Kooperation mit dem Buchhaus Loschwitz im Mai ein literarisches Trio unter dem Namen "Aufgeblättert. Zugeschlagen - Mit Rechten lesen" aufgesattelt. Nun ist die 2. Folge erschienen:

Susanne Dagen (Loschwitz) und Ellen Kositza (Schnellroda) haben diesmal Matthias Matussek zu Gast und sprechen mit ihm über Bücher von

Bettina Röhl - Die RAF hat Euch lieb! (hier bestellen);
Thea Dorn - deutsch, nicht dumpf (hier bestellen);
Hartmut Lange - An der Prorer Wiek und anderswo (hier bestellen).

Das sind also zwei politische und ein literarischer Titel, und ich kann sagen: Das ist eine tolle Sendung geworden! Matussek ist ein noch immer begeisterungsfähiger Profi, Kositzas Bleistift ist spitz wie eine Nadel und Dagen ist sichtlich dort zuhause, wo es viele gute Bücher gibt.

Und die Wertungen? Bei Röhl Daumen hoch, bei Dorn Daumen runter, bei Lange ... ach was: Hier ist der Film!


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (17)

Weltversteher
4. Juli 2018 13:11

So "niedlich" das sein mag, den kleinen Steppke in Opas altem Hemd zu sehen, so grausig ist es doch, die Herkunft dieses Gedankens vorzustellen. Die Denkweise, der das entspringt, ist sehr stark für das heutige Elend mitverantwortlich.

Kositza: ich will mich nicht dumm stellen - aber ich verstehe nicht, wie Sie das meinen?

Ronny Licht
4. Juli 2018 15:08

Lieber Herr Kubitschek,
in der Kommentarspalte von Frau Kositzas Artikel "Buchmesse Leipzig: Lumpen, Lügen, Lücken" (20. März 2018 10:49) leugneten Sie noch die ideologische Nähe Frau Dagens zu Ihnen bzw. der Sezession und Antaios wie folgt:

Ronny Licht [Transkribtion eines Mittschnittes der Störaktion von Kositza, Kubitschek und einem österreichischen Publizisten der auf das Anagramm seines Nachnames hört, gegen eine Podiumsdiskussion des Ch. Links Verlages]:

"Kubitschek: Na. Wir sind nicht auf dem Podium. Nie. 20 Podien über uns. Kein einziges mit uns.

Christoph Links: Das stimmt nicht Herr Kubitschek. Frau Dagen hat vorgestern hier auf dem Podium gesessen.
Sie waren bei der Veranstaltung dabei. Und sie hat dort ihre Postionen klar vorgetragen.
Wir haben Börsenvereine, also die Buchhändler unterander mit ihr gesprochen.
Ihre Tatsachenbehauptung, dass das nicht ein einziges mal vorkommt, stimmt nicht."

Antwort Götz Kubitschek:
"1. [...]
2. [...]
3. christoph links irrt: frau dagen ist buchhändlerin und würde sich dagegen verwahren,
fürsprecherin meines verlags oder meiner weltanschaulichen szene zu sein.
4. [...]"

Zweieinhalb Monate später (etwa 10 Tage länger als das Versprechen von W. Ublricht im Jahr 1961) arbeiteten Dagen, Kositza und Sommerfeld bereits an einem Youtube-Fomat zusammen.

War Ihr Manöver vielleicht notwendig, weil sonst die "mantraartig" vorgetragene Klage "alle reden über uns; keiner mit uns" ins Leere gelaufen wäre?

Es grüßt aufrichtig aus Leipzig
Ronny Licht

Kositza:Ich darf doch mal kurz stellvertretend antworten bzw. nachfragen (Kubitschek ist grad weg): Ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen. Wenn bei 100 Formaten (mal über die Messe hinausgehend gesichtet), die unter der Fragestellung "Mit Rechten reden" stattfinden, eines oder zwei tatsächlich unter Beteiligung einer/eines Rechten stattfinden (und zwar in der gewohnten Konstellation 4:1 oder 3: 1), ist das nicht mehr als die Bestätigung der Regel, daß man mit Rechten oder "Rechten" lieber nicht spricht.

W. Wagner
4. Juli 2018 22:26

Liebe Frau Kositza, liebe Frau Dagen, nach einem schönen sonnigen Tag sah ich ihre Gesprächsrunde - welche erweiterte Freude, vor allem wegen der wechselnd-verschiedenen Sichtweisen, der unterschiedlichen Charaktere, aber auch wegen des Hintergrundes, bei dem man stets versucht ist, Bücher wieder zu erkennen. Machen Sie unbedingt weiter so, es ist ein Vergnügen. Vielleicht sollten Sie mal Thea Dorn einladen?! Ich selbst werde wohl nur den Hartmut Lange bestellen. Lieben Dank!
P.s. Wunderbares Kleid; ich hoffe, dass ich das sagen darf.

Weltversteher
5. Juli 2018 07:37

Frau Kositza, schön daß Sie nachfragen.

Nichts gegen die Weitergabe schöner alter Kleider (Wenn die Fasern wirklich noch mitmachen. Doch meist wird das Kind ja nur selten - rituell - in diese gesteckt.) Und ich sage auch nichts gegen die Verbundenheit mit den Voreltern, die sich zeigen will.

Gerade Menschen, die sich für Tradition begeistern und Überkommenes weitergeben wollen, sehen oft nicht, daß jeder junge Mensch ganz Neues in die Welt bringt. Oder es fehlt der Mut, dieses Neue zuzulassen und ihm zu trauen. Das Tradieren rührt zum Teil auch aus einer Angst her und will die Zukünftigen einhegen.

Gleichzeitig wird oft verkannt, daß jede Gegenwart anders ist als alles Gewesene, daß neue Verhältnisse neue Antworten brauchen. Grundsätzlich sind die Jüngeren zu ihnen um so fähiger (wozu sie freilich auch erst ausreifen müssen). Es wäre schon für die Erwachsenen, viel mehr noch aber für ihre Kinder wichtig, sich darin zu ermutigen und weniger darauf zu schauen und insgeheim zu wünschen, der Jüngling möge vielleicht wie Opa, oder wie Goethe oder Arminius werden.

Venator
5. Juli 2018 09:50

Der Anteil von Menschen, die in den Kommentarspalten auf dieser Seite, ihre geistigen Selbstgespräche zu virtuellen Papier bringen und glauben, alle anderen müßten das ebenfalls direkt verstehen, ist schon erstaunlich hoch. Deshalb vielleicht noch einmal deutlich an diejenigen, die komplett in ihrer eigenen Welt leben: Man kann als Außenstehender ihren inneren Monologen nicht so problemlos folgen, wie sie offenbar annehmen.

Andreas Walter
5. Juli 2018 09:53

Uiuiuiuiui, Herr Kubitschek.

Einen härteren Kontrapunkt hätten Sie kaum setzen können. Am besten aus handgewebten Stoffen aus handgespindelten Garnen aus lokal ökologisch angebauten Faserpflanzen.

Vorsprung durch Technik und Made in Germany sind dann wohl endgültig Geschichte. Churchill würde Sie lieben, wenn er noch am Leben wäre.

Färben ist Luxus also das neue Motto der Neuen Rechten?

Wie die "Postmoderne" (eigentlich, das Postfossilebrennstoffezeitalter) dann aber tatsächlich aussieht, darüber haben sich ja schon einige Leute so ihre Gedanken gemacht, nicht nur die Grünen. Jedes Militär nämlich. Gemacht wird zur Not alles was geht.

Fredy
5. Juli 2018 17:39

Gute Idee, im Prinzip auch eine interessante Kollektion. Gäbe es das für Männer meines Alters, der Bestellknopf wäre gedrückt worden. Die Menschen füher waren doch schön gekleidet.

Aber ich bin kein Freund davon, dass Kinder im Sinne der Ideologie der Eltern, mit entsprechend zuzuordnender Kleidung markiert werden. Mir als so geprägtem Christenkind hat auch das - nicht nur - das Christentum gründlich ausgetrieben. Außerdem kann man sein Kind gleich an Außenseitertum, Mobbing und Prügel gewöhnen. Kinder sind intolerant. Wer anders ist, wird entsprechend behandelt. Sicher, das kann einen zum starken Menschen machen ... oder zum Gegenteil.

Ellen Kositza
5. Juli 2018 21:04

@Weltversteher: Sie hatten doch aber geschrieben:

„So „niedlich“ das sein mag, den kleinen Steppke in Opas altem Hemd zu sehen, so grausig ist es doch, die Herkunft dieses Gedankens vorzustellen. Die Denkweise, der das entspringt, ist sehr stark für das heutige Elend mitverantwortlich.“

Das („grausig“) klingt am ehesten (ich hatte es ja nicht ganz verstanden) für mich so, als dächten Sie eher an das Hemd des Uropas, der vlt. in NS-Machenschaften verwickelt war und an irgendwelche Eltern die es toll finden, Ihrem Kleinen nun solch einen kleingenähten Fummel anzuziehen.

Gut, Sie haben das jetzt ein bißchen näher erklärt, aber ich verstehe das Problem dennoch nicht. Das mag daran liegen, daß ich diesen Typus Eltern – Leute, die nicht akzeptieren, daß jeder junge Mensch Neues in die Welt bringt – kaum kenne. Das klingt so nach 50erJahre-Elterngeneration. Heute kenne ich eigtl. nur Eltern, die schon ab Kindergartenalter mit ihren Kindern quasi „auf Augenhöhe“ kommunizieren, Motto: „Wie siehst Du das?“ Leute, die stur an Tradition und Überkommenem festhalten, scheinen mir eine echtes Nischenphänomen zu sein. Und die sollen, Ihr Wortlaut, „sehr stark für das heutige Elend mitverantwortlich“ sein?

Meinen Sie solche völkischen Randgruppen? Und inwiefern sollte sich die Aufgeschlossenheit junger Eltern in Bekleidung niederschlagen? Ich sehe manchmal Kleinkinder im Buggy mit Adidasturnschuhen und T-Shirts mit coolen Aufschriften. Das können Sie doch nicht meinen? Finden Sie, man sollte die „Steppkes“ einigermaßen trendbewußt kleiden, um „Offenheit“ auszustrahlen und ihnen, den Kleinen, Entwicklungsspielraum zu ermöglichen?

Ich hab die Meinen schon aus Sparsamkeitsgründen (und, doch, aus ästhetischen) generell in „Abgelegtes“ gesteckt. Sie (die nun Großen) haben das beibehalten. Bloß keine trendy Neuware von H&M und Co, die von Kinderhänden in Kamboscha oder sonstwo zusammengenäht wurde und haltbarkeitsmäßig auf eine Saison angelegt ist.

Utz
6. Juli 2018 07:03

@ Fredy
Sie schreiben
"Außerdem kann man sein Kind gleich an Außenseitertum, Mobbing und Prügel gewöhnen. Kinder sind intolerant. Wer anders ist, wird entsprechend behandelt. Sicher, das kann einen zum starken Menschen machen ... oder zum Gegenteil."

Anders zu sein, sich anders anzuziehen, kein Handy zu haben etc, ist auch ein Signal an die eigenen Eltern, und eine Aufgabe für selbige. An der Schule, an der ich arbeite, erlebe ich nicht, daß solche Kinder ausgegrenzt werden, im Gegenteil. Die meisten Eltern, die ihren Kindern zumuten, vom Trend abzuweichen, fühlen sich (so nehme ich das wahr) herausgefordert, ihren Kindern in jeder Hinsicht mehr mitzugeben, als andere Eltern das tun, was in der Regel dazu führt, daß diese Kinder zuerst mißtrauisch beäugt ("was ist denn das für einer?") und dann respektiert werden, weil diese Kinder die Herausforderungen, die das Leben an sie stellt, auf breiter Basis gut meistern.

Weltversteher
6. Juli 2018 07:33

Nein, liebe Frau Kositza, bleiben wir nicht bei der Oberfläche der Kleidung. Das war nur mein Anstoß, weil sich darin eine Ansicht spiegelt, die weitaus tiefer geht. Das habe ich ja angesprochen:
Opas Hemd wird doch hier nicht deshalb aufbereitet, weil es heute keine schönen Hemden mehr gibt. Opas Hemd scheint vielmehr, wie eine alte Fahne, seinen Geist zu beherbergen. Es liegt sicherlich die Vorstellung darin, daß sich quasi die zukunftigen Menschen aus den "Elementen" der vorangegangenen bilden (sollen), und wenn möglich gern in der Art oder Prägung, die wir (schon veraltenden) im Rückgriff auf noch Gestrigeres für angemessen halten.

Was Fragen der Kleindungs-Ästhetik und der angemessenen Beschaffung angeht, sind wir sicherlich recht nahe beieinander, und das möchte ich auch niemandem anders raten.

Frieda Helbig
6. Juli 2018 08:27

Hallo in die Runde,
manchmal ist die Dogmatik inkl. Absolutsetzung hier etwas anstrengend und muß auf Außenstehende schon befremdlich wirken.
Aus einem einfachen Hinweis des Hausherrn auf einen weiteren Baustein der Mosaik-Rechten folgt eine Anziehsachengrundsatzdiskussion. Sinnvoll? Zielführend?
Ich fand in dem Beitrag keinen Hinweis darauf, daß alle Neurechten ab morgen dort einzukaufen haben, sondern als Hinweis, daß es das jetzt als Alternative gibt.
Jeder kleidet seine Kinder so wie er mag, ob nun mit Sachen aus der Nähwerkstatt oder von Phalanx Europa oder oder oder...
Zudem kommt es doch auf den Anlaß an, wann ich welche Klamotten trage. Vielleicht freut sich Opa ja, wenn der kleine in seinen alten Hemd zum Geburtstag kommt? Und den nächsten Tag in der Schule trägt der kleine wieder ein buntes T-Shirt. Wo liegt das Problem?
Auch als Erwachsener trägt man doch nicht jeden Tag das Gleiche...

In diesem Sinne. Es lebe die Vielfalt im blühenden rechten dissidenten Lager...

KlausD.
6. Juli 2018 10:26

@Weltversteher
"... die zukünftigen Menschen aus den "Elementen" der vorangegangenen bilden ..."
Genau so ist es, das Neue baut auf dem Alten auf, anders geht es nicht, das Ganze nennt sich Entwicklung.
Denn: "Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten."
Ich lese z.B. gern Schriftsteller aus vergangenen Epochen und kaufe Bücher auch im Antiquariat. Wo ist das Problem?

Fredy
6. Juli 2018 21:44

@Utz

Mitgeben ja, inspirieren, zum nachdenken bringen, fördern und fordern: ja. Aber nicht in eine Rolle stecken. Nicht das, was wir wollen und vielleicht verpasst haben, die Kinder zu erleben zwingen. Nicht, dass ich das Ihnen, den Machern oder Bestellern unterstelle. Wenn es so ist wie Fräulein Frieda schreibt, dann alles Bestens. Als gebranntes Kind reagiert man auf manches allergisch.

Gustav
7. Juli 2018 13:09

@ Weltversteher

"Gleichzeitig wird oft verkannt, daß jede Gegenwart anders ist als alles Gewesene, daß neue Verhältnisse neue Antworten brauchen. Grundsätzlich sind die Jüngeren zu ihnen um so fähiger (wozu sie freilich auch erst ausreifen müssen)."

"Opas Hemd scheint vielmehr, wie eine alte Fahne, seinen Geist zu beherbergen. "

Wenn der junge Mensch sich ein zusammenhängendes Weltbild aufbaut und der ältere sein Weltbild gegen Zweifel verteidigt, bedient er sich der Methode des At­ten­tismus. Diese besteht darin, daß er von der komplexen Wirklichkeit vor allem wahr­nimmt, was in sein Welt­bild paßt. Er hat seine auf sich selbst bezoge­nen Kate­gorien bereits verin­nerlicht, mit denen er die Welt wertet. Was seine Ansichten ins Wanken bringt und ihn verunsichert, blendet er gern aus. Schon Kinder tun das, wenn sie bei Angst mit beiden Händen Gesicht und Augen ver­decken. Jeder Mensch kommt mit stam­mesgeschichtlich ererbten Grundbe­dürfnissen zur Welt wie denen nach Si­cher­heit, Gebor­genheit, freundlicher Zu­wen­dung, aber auch denen nach Stei­ge­rung der ei­genen Geltung, nach Macht und Einfluß. Andere Men­schen ent­wickeln eher geistige oder spi­rituelle Be­dürf­nisse und seh­nen sich nach Glau­bensgewißheit, Se­ligkeit, Trost oder geordneter Le­bensplanung. Wieder and­ere sind wahre Tugendbolde und verspü­ren eine über­wältigende Nei­gung, dem Guten nach­zu­ei­fern: Nur wenn sie nach der Pfadfinder­regel jeden Tag etwas Gutes tun, fühlen sie sich glücklich. So hat jeder Mensch einen an­de­ren, durch Grund­be­dürfnisse und andere Faktoren ge­prägten Per­sön­lichkeits­kern. Um diesen Kern herum baut er nun ein Weltbild auf, un­ter dessen Gel­tung er sein eigenes, bedürfnis­orien­tier­tes Ver­hal­ten recht­­fertigt.

Das fertige Weltbild des Erwachsenen, sein Gut und Böse, seine Tu­gen­den, seine Moral und seine Ideologie, der Gott, an den er glaubt: Alles das läßt einen Schluß auf seinen tiefsten Per­sön­lich­keits­kern zu: Nenne mir dei­nen Gott, und ich sage dir, wer du bist! Die Per­sönlichkeit ist immer zuerst vorhanden, und das Weltbild, die Ideo­lo­gie oder Religion folgen hinterher, sie bauen sich um die Per­sön­­lichkeit herum, nie umgekehrt.

Zur Befriedigung seiner Be­dürfnisse muß jeder sich mit seiner Um­welt aus­einan­dersetzen. Je­der Mensch sucht die Umwelt so zu be­ein­flussen, daß ihre Be­din­gun­gen ihm günstig sind. Diese Umweltbedin­gun­gen sind die Ge­setze der Na­tur und des menschlichen Zu­sammen­lebens. Weil menschliche Ge­setze im Ge­gensatz zu Naturge­setzen veränderbar sind, sucht jeder sie sei­nen Interessen anzupassen, um einen Wett­be­werbs­vorteil zu er­ringen. Der Anspruch an die soziale Um­welt auf diese Befriedi­gung äußert sich als Machtanspruch, also als Ver­such der Do­minanz über andere. Dominanz­stre­ben ist das Bemühen um Anpassung der Mitwelt an die eigene Bedürf­nislage, also der Kampf um die Durchsetzung des individuellen Gel­tungs­­an­spru­ches.

Solche Macht- bzw. Gel­tungs­an­sprü­che konstituie­ren in ihrem Gegenein­ander ge­radezu die so­ziale Le­benswelt. Das Domin­anz­streben ist an­ge­bo­ren und ein zentra­ler Schlüs­sel zum Verständnis mensch­li­chen Verhal­tens. Nietzsche hat die­sen heute anthro­po­lo­gisch nachgewiese­nen, also ge­netisch veran­kerten Do­mi­nanz­trieb in Anleh­nung an Stirner me­ta­phori­sch als Will­en zur Macht be­zeich­net. Heute ist der Begriff Gel­tungsan­spruch statt des martia­lisch klingen­den Macht­an­spruch üb­lich. Der Sinn ist der­sel­be.

Mit einem Bündel sich ergänzender, auf ihn und seine Be­dürfnisse zuge­schnit­te­ner Nor­men, also generalisierender Ansprüche an die ge­samte Um­welt, wie diese sich ihm ge­genüber gefälligst ver­halten soll, tritt jeder Mensch ins soziale Leben ein. In­dem er seine Identität ge­genüber sei­ner Umwelt be­gründet und in Bezie­hung zu ihr tritt, sucht er not­wendigerweise Sollensre­geln aufzu­stellen und diese Bezie­hung zu normativie­ren. Er muß also mit dem An­spruch auftreten, die Um­welt solle sich nach gleich­blei­ben­den und ihm günstigen Re­geln rich­ten. Das Interesse an ei­ner an den eigenen Be­dürfnissen orien­tierten Um­­welt mag je nach den mannigfal­tigen denkba­ren Grundbe­dürfnis­sen ein materielles oder spirituelles sein, ein kör­perliches oder politi­sches, ein morali­sches oder hedonistisches. Das Normenbündel, wel­ches ei­nen Kranken im Zu­sammen­leben mit seinen Mitmen­schen be­gün­­­stigt, sieht not­wen­dig anders aus als dasjenige ei­nes Gesunden, das einer Frau anders als das ei­nes Mannes, das eines Sprachge­wand­ten anders als das eines Stot­terers, das eines Intellek­tuel­len anders als das eines Ar­beiters. Der eine hat primär ma­terielle Wün­sche, der zwei­­te sucht spiri­tuelle Gebor­genheit, der dritte Macht, der vierte wo­­­mög­lich se­xuelle Erfüllung, der fünfte Sicherheit. Der Pluralität mensch­­li­cher Ei­genschaften entspricht die Vielfalt von Menschen er­zeug­­­ter Welt­an­schau­un­gen, die zur Abstützung dieser Eigenschaften er­­­son­nen wur­den. Weil jeder einzelne anders ist, sind die Bedürfnisse je­des einzel­nen an­ders gemischt als die seines Nächsten. Darum baut je­der um sie herum ei­ne an­de­re Welt-An­schauung auf. Wer sei­nem Gott ins Gesicht blickt, sieht gewöhnlich nur sein Spie­gelbild.

Otto
7. Juli 2018 18:18

Ich weiß ja nicht, ob Sie jemals eine moderne Fabrik von innen gesehen haben?

Die Produktion, egal ob Joghurtbecher oder Autoreifen, läuft vollautomatisch ab.

Natürlich laufen in einer Fabrik auch Menschen rum. Mechaniker und Elektriker, die eine neue Maschine aufstellen. Daneben Techniker, die den Produktionsprozess überwachen. Aber Arbeiter sind (je nach Automatisierungsgrad) an der Produktion fast gar nicht beteiligt. Die Produktion besorgen die Maschinen alleine.

Wir Ingenieure, Techniker und Programmierer generieren den Wohlstand Deutschlands.

Weiß nicht? Vielleicht habe ich Sie auch falsch verstanden? Ihre Gedanken scheinen mir etwas rückwärtsgewandt.

Natürlich können wir kürzer treten und bescheidener werden. Der Meinung bin ich auch. Aber, ohne moderne Industrie geht es nicht.

Hilse
7. Juli 2018 20:09

Das Kommentieren ist eigentlich nicht das Feld meines Tuns denn es hat immer den Anruch des tatenlosen "Besserwissers", "Weltverstehers" und "Haarspalters". Nach dem Studium mancher der Beiträge hier auf den gegebenen Artikel muss ich aber gegen meine Gewohnheit handeln.
Es erstaunt mich nicht, das aus der Tiefe tiefvergeistigter Stuben der "Kritiker" man sich zuweilen im Schatten von Pseudonymen dankbar auf jedes Lebenszeichen derer stürzt, welche aus der Nische der Lethargie aufgebrochen sind und Fenster aufstoßen.
Und es bestätigt mich in meinem Lehrsatz dass: "alles so ist wie es ist - weil wir so sind wie wir sind", ergo - besser an der Radix des eigenen Seins anzusetzen ist, statt anderer Leute motiviertes Tun aus dem Elfenbeinturm herab, zum Frommen der eigenen Wichtigkeit zu zerreissen.
Freuen wir uns lieber über die mutigen und motivierten Frauen der Manufaktur, welche "tun", statt abends Fernsehen zu zu konsumieren, welche kreative Herzen in der Brust tragen, Frauen die aufgebrochen sind um eine Unkultur mit einer Gegenkultur zu begraben. Solche Frauen braucht das Land und unser Volk. Unterstützt Sie anstatt im Palaver die Heilung zu suchen.

Monalisa
7. Juli 2018 23:48

Vielen Dank für dieses wunderbare neue literarische Format und Projekt mit Frau Dagen! Ich habe beide Gesprächsrunden sehr genossen und bin bezaubert von der gescheiten, einfühlsamen, humorvollen, charmanten und bisweilen beißenden Besprechung der ausgesuchten Autoren und Werke.

Ich wäre gerne bereit, für diese Folgen eine Gebühr/Spende zu zahlen. Ist in diese Richtung etwas angedacht?

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