Sonntagsheld (68) – Etiam si omnes..

...ego non

 Gastbeitrag

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Gele­gent­lich errei­chen mich, via Mail oder über pri­va­te Kanä­le, Hin­wei­se, Emp­feh­lun­gen, oder Wün­sche mit dem Betreff „Sonn­tags­held“. Das kann vom pri­va­ten Fai­ble bis hin zur bekann­ten Per­sön­lich­keit jeder sein, in der Regel ent­schei­de ich dann nach Aktua­li­täts­be­zug, der eigent­lich den Bas­so con­ti­nuo die­ser Kolum­ne darstellt.

Vor ein paar Tagen erreich­te mich wie­der so eine E‑Mail mit dem freund­li­chen Hin­weis auf einen jun­gen, toten Rus­sen namens Jew­ge­ni Alex­an­d­ro­witsch Rodionow.

Tot also und das nicht erst seit ges­tern, son­dern schon seit 22 Jah­ren, auch Geburts- und Todes­da­tum gaben kei­nen ver­nünf­ti­gen Andock­punkt, aber wenn ich mir in den ver­gan­ge­nen 67 Arti­keln etwas ange­wöhnt habe, dann ist es der Grund­satz die Hel­den zu fei­ern wie sie fallen.

Und von allen freund­li­chen Hin­wei­sen hat mich kei­ner so berührt wie die­ser. Des­halb erzäh­le ich heu­te die Geschich­te des hei­li­gen Sol­da­ten Jew­ge­ni Rodi­o­now und sei­ner Mutter.

Am 23. Mai 1996 wur­de der Wehr­dienst­leis­ten­de Rodi­o­now von einem tsche­tsche­ni­schen Isla­mis­ten ent­haup­tet, nach­dem man ihn meh­re­re Mona­te lang gefan­gen gehal­ten und gefol­tert hat­te. Was hat­te er, von des­sen Ver­schwin­den sei­ne Mut­ter erfuhr, weil man dach­te er sei deser­tiert, getan, um die­ses Schick­sal zu verdienen?

Rodi­o­now woll­te Koch wer­den, las ich bei mei­ner Recher­che und er woll­te – als er zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen wur­de – sei­nen Dienst unbe­dingt in Tsche­tsche­ni­en ableis­ten. Die Infor­ma­tio­nen über sei­ne Dienst­zeit sind spär­lich, was man über sein kur­zes Leben her­aus­fin­det, das ist voll­ge­so­gen mit der düs­te­ren Mys­tik der rus­si­schen Ortho­do­xie und klingt wie eine Geschich­te aus den Stra­ßen des bren­nen­den Konstatinopels.

Soviel ist bekannt: Er ver­sah sei­nen Dienst mit einer Hand­voll wei­te­rer Kame­ra­den an einem Mili­tär­pos­ten auf einer ein­sa­men Stra­ße, als die Grup­pe bei der Kon­trol­le eines Kran­ken­wa­gens von tsche­tsche­ni­schen Rebel­len ange­grif­fen und über­wäl­tigt wur­de. Die fol­gen­den drei Mona­te Gefan­gen­schaft und ein Früh­lings­tag im Mai waren es, die den jun­gen Jew­ge­ni zu einem Mär­ty­rer machen sollten.

Als er elf Jah­re alt war, hat­te er beim Kir­chen­be­such mit der Groß­mutter ein sil­ber­nes Kreuz geschenkt bekom­men, das er seit­dem nicht mehr abge­legt hat­te. Als die Tsche­tsche­nen die Hals­ket­te ent­deck­ten, for­der­ten sie ihn auf das Kreuz abzu­neh­men und zum Islam zu kon­ver­tie­ren, doch Jew­ge­ni wei­ger­te sich.

Sie lie­ßen ihm die Ket­te, fol­ter­ten ihn und sperr­ten ihn ein – Jew­ge­ni ver­such­te zu flie­hen, schei­ter­te jedoch. Am 23. Mai, sei­nem 19. Geburts­tag, irgend­wo bei Bamut, wie­der­hol­ten sie ihre For­de­rung – dies­mal mit einem Mes­ser in der Hand.

Jew­ge­ni wei­ger­te sich wie­der und wur­de, zusam­men mit sei­nem Kame­ra­den And­rey Tru­sov ent­haup­tet, die zwei ande­ren Sol­da­ten, Igor Yakov­lev und Alex­an­der Zhe­lez­nov, wur­den erschossen.

Hier könn­te die Geschich­te auf­hö­ren, aber wir könn­ten sie nicht erzäh­len ohne Lju­bow Rodi­o­no­wa, die Mut­ter des toten Sol­da­ten, der seit dem Bekannt­wer­den sei­nes Schick­sals von Russ­lands Sol­da­ten wie ein Hei­li­ger ver­ehrt wird.

Als sie von offi­zi­el­ler Stel­le von der angeb­li­chen Deser­ti­on ihres Soh­nes erfuhr, stieg Lju­bow in einen Zug nach Tsche­tsche­ni­en, um ihn zu suchen. Fast ein Jahr lang wan­der­te sie das Bür­ger­kriegs­ge­biet ab, folg­te ver­min­ten Stra­ßen, ver­set­ze ihr Haus, um Geld zu haben und befand sich zeit­wei­se selbst in der Gefan­gen­schaft tsche­tsche­ni­scher Rebellen.

Am Ende traf sie den Mann, der ihrem Sohn den Kopf abge­schnit­ten hat­te: Rus­lan Chai­cho­ro­jew berich­te­te Lju­bow von ihrem Jew­ge­ni, der lie­ber hat­te ster­ben wol­len, als sei­nen Glau­ben zu ver­ra­ten. Dann ver­kauf­te er ihr sei­nen Leich­nam und sei­nen Kopf.

Bei der Exhu­mie­rung der ver­scharr­ten Toten erkann­te Lju­bow ihren Sohn an sei­nen Stie­feln und an einer sil­ber­nen Hals­ket­te mit einem Kreuz – die Rebel­len hat­ten nicht gewagt, sie ihm abzunehmen.

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Kommentare (9)

Gast auf Erden

8. Juli 2018 22:18

...erinnert sehr stark an "die21". Wie tief ist orthodoxer Glaube in den Menschen verwurzelt, über deren uns fremd anmutende Riten und Liturgien wir mit unserem westlichen Stuhlkreis-Klerikalismus lange Zeit allenfalls die Nase gerümpft haben. Das Heilige kehrt aber auch hierzulande zurück; immer mehr Menschen spüren, dass es die "große Scheidung", wie C.S.Lewis formulierte, doch gibt; sie wird dem Westen immer mehr abverlangt. Danke für das Recherchieren dieser Berichte, auf dass die ungenannten Helden genannt werden.

Andreas Walter

9. Juli 2018 06:52

Hinterlässt bei mir gemischte Gefühle, diese Geschichte.

Aus folgendem Grund:

https://bibeltext.com/l12/matthew/10.htm

Dieter Rose

9. Juli 2018 07:51

Wir leben im 21. Jahrhundert!!!

In stillem Gedenken -
und der Mutter viel Kraft!

H. M. Richter

9. Juli 2018 08:01

Ich habe gezögert, und doch soll es hier gesagt werden:

Ich kann die Geschichte Jewgeni Alexandrowitsch Rodionows nicht lesen, ohne an Kardinal Marx und Bischof Bedford-Strohm, die beiden obersten Repräsentanten der deutschen Amtskirchen, denken zu müssen, die 2016 bei einem Besuch des Tempelbergs in Jerusalem ihre Kreuze ablegten, weil sie, wie zu lesen war, die "muslimischen Repräsentanten nicht provozieren wollten".

Man wird Rodionows noch gedenken, wenn diese beiden vergessen sind.

Old Linkerhand

9. Juli 2018 10:16

Ein Enthaupteter mit einer Kette um den Hals?
Irgendwie schwer vorstellbar...

Waldgaenger aus Schwaben

9. Juli 2018 10:24

@Andreas Walter,
woher rühren Ihre gemischten Gefühle?
Die zitierte Stelle erkärt es mir nicht.

Jewgeni Alexandrowitsch Rodionow hat einen u.a. deutschen und englischen wikipedia Eintrag:

https://en.wikipedia.org/wiki/Yevgeny_Rodionov

Dort findet sich der bemerkswerte Satz

The Russian Orthodox Church has never canonized anyone killed in war;

als Begründung, warum die russische orthodoxe Kirche zwar die Verehrung Jewgeni Alexandrowitsch Rodionows gestattet, ihn aber momentan nicht heilig sprechen will.

Das unterscheidet dann doch den Islam vom (orthodoxen) Christentum, und das ist auch gut so. Politik, gar Krieg und Religion müssen eine gesunde Distanz wahren.

@Kositza
Sie haben Ihren Kindern den Winnetou sicher nicht vorenthalten, wenn ich mich nicht irre, hihihi?
(Bezug siehe anderen Strang!)

Andreas Walter

9. Juli 2018 15:29

@Waldgaenger aus Schwaben

Ich hätte auch schreiben können: Frag' Jesus, dann sagt er dir warum.

Doch dann viel mir ein, dass vielleicht nicht jeder mit dem Christentum vertraut ist. Wobei auch ich, neben dem Konfirmandenunterricht, nur ein einziges mal die Bibel gelesen habe, als Kind. Nur für mich, aus eigenem Antrieb und Neugier.

Beim Bund war ich trotzdem, doch Offizier bin ich genau deswegen nicht geworden. Habe beim Bewerbungsgespräch damals ganz naiv und ehrlich die "falsche" Antwort gegeben, zumindest aus damaliger Sicht, was das Töten anbelangt.

Heute würde ich sogar jedem General antworten: Eine gute Armee braucht niemanden zu töten. Wenn sie das muss, dann hat sie schon im Vorfeld etwas falsch gemacht. Sprich, ist sie noch nicht gut genug.

Krieg ist die Folge unfähiger Politiker und schlechter Generäle, davon bin ich mittlerweile überzeugt. Zumindest aber die Folge von Dummheit und Unwissenheit, von Verantwortungslosigkeit und Egoismus.

Ist es aber nicht auch die russisch orthodoxe Kirche, die gerne wunderschöne Ikonen anbetet? Es spiegelt sich eben alles in allem wieder, auch unfähige Lehrer. Und doch besitzen auch vermeintlich tote Dinge eine Seele, die sogar kommunizieren kann. Doch darüber schweigt man lieber.

Könnten ja auch unglaublich unwahrscheinliche Zufälle sein.

Wobei Russland wirklich sehr schwer friedlich zu beherrschen ist, weil es gleichzeitig auch grosse Begehrlichkeiten weckt bei einer nicht gerade riesigen Bevölkerung. Allein die Länge der Grenzen, unbeschreiblich. Ohne Wehrpflicht ist das alles nicht machbar. Als Christ kann man in so einer Situation darum nur beten, "Vater, lass' diesen Kelch bitte an mir vorbeigehen, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen". Oder man muss das Land und die Reichtümer verlassen, die man verteidigt. Darum habe ich auf Matthäus 10 verwiesen.

Doch eine Frau finden, die das versteht, ist auch so gut wie aussichtslos in unserer Welt. Darum haben andere Männer auch glaube ich weniger zu lachen als ich. Mir wurde sogar gegen meinen Willen jede Verantwortung entzogen, darum genieße ich jetzt diese Freiheit. An dem "Vorurteil" von Frau Kositza ist deshalb sogar etwas wahres dran, doch in meinem Fall etwas anders als sie denkt. Trauriger. Weil eben nicht auch in schlechten Zeiten, bis der Tod uns scheidet. Ein meist sehr einseitiger Vertrag, auch ganz ohne Verschwörung.

Was aber die Indianer betrifft, so möchte ich mit denen auch nicht tauschen, doch das nur nebenbei, weil Sie es erwähnen:

https://takimag.com/article/those_poor_helpless_indian_savages_jim_goad

Kilian

9. Juli 2018 17:01

Es ist doch nur recht und billig einen Märtyrer, der für den rechten Glauben gestorben ist, zu verehren.
@Waldgaenger aus Schwaben Jewgeni ist nicht im Krieg gefallen, sondern wurde gemartert und wegen seines Glaubens ermordet.

Andreas Walter

10. Juli 2018 21:39

Dazu noch ein Gedanken über 4 Dinge, die sich heute dann wie magisch in meinem Kopf plötzlich verbunden haben. Die langen russischen Grenzen, Christen, wenig Personal und Eruv (ja, letzteres musste ich auch erstmal nachschlagen, was das ist).

Es gibt daher auch für Christen eine Lösung, wie sie den Schutz auch ihrer Grenzen gewährleistet wissen können, ohne dass sie dabei das Gebot des "du sollst nicht töten" überschreiten.

https://www.tag-des-herrn.de/content/was-besagte-das-fuenfte-gebot-urspruenglich

Denn wer in ein durch einen Zaun geschütztes Minenfeld eindringt, darin weiter voranschreitet, obwohl es eindeutig als das gekennzeichnet ist, der begeht bewusst Selbstmord.

Das Gleiche gilt auch, wenn ich mich bewusst und unerlaubt in den durch einen Zaun geschützten Schussbereich autonomer Waffensysteme bewege.

Vorsprung durch Technik, kann ich da nur sagen. Genau das ist doch auch unsere Stärke. Denn so oder so werden nur die Völker in Zukunft überleben, die auch ihr Territorium und ihre Versorgungswege vehement genug zu verteidigen wissen.

Denn autark ist so gut wie niemand, auch nicht in einem Öko-Rittergut mit nur 2 Mann und 7 Frauen Besatzung. Es hat schon seinen Grund, warum man als Weltmacht heute eine bestimmte Mindestgrösse braucht, um als solche auch zu bestehen. Wir brauchen also auch noch ein paar Spezialisten in nonverbaler, internationaler Kommunikation, für die Schilder, auch an unseren Grenzen. Wobei auch ein paar gezielte Warnschüsse eine für alle meist unmissverständliche Sprache sprechen (fiel mir jetzt zum Schluss noch ein).

https://www.heise.de/tp/features/Kampfroboter-zum-Schutz-von-Grenzen-Flughaefen-oder-Pipelines-3408770.html

https://www.youtube.com/watch?v=xtE9hpwrDg4

Den Rest der Probleme, die in den Ländern selbst, aus denen die "passiv" aggressiven Migranten kommen, können nämlich nur vor Ort gelöst werden. Selbst die VSA kann nicht alle armen Latinos aufnehmen und durchfüttern, und Europa nicht ganz Afrika. Das ist darum beides Blödsinn.