Chris Kraus: Das kalte Blut. Roman

Chris Kraus: Das kalte Blut. Roman, Zürich: Diogenes 2017. 1200 S., 32 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wie könn­te man die­ses dick­lei­bi­ge Buch von Chris Kraus (nicht zu ver­wech­seln mit der gleich­na­mi­gen, der­zeit viel­be­spro­che­nen Matthes-&-Seitz-Berlin-Autorin) ein­ord­nen? Agen­ten­kri­mi? Zeit­ge­schichts­ro­man? Eine hyper­bo­li­sche Gro­tes­ke gar? Wäre eine Schub­la­de nötig, gehör­te es in mei­nen Augen in eine Rei­he mit Michel Tour­niers (als Der Unhold ) im ver­film­ten Meis­ter­werk Der Erlkönig. Wie das?

In gewis­ser Wei­se haben bei­de (in Wahr­heit unver­gleich­ba­ren) Bücher die gro­ße Tra­gö­die des 20. Jahr­hun­derts als Fix­punkt, Stich­wort: Täter­schaft. Der Prot­ago­nist ist hier wie dort ein Unge­heu­er, aber ein hoch­sen­si­bles, poe­tisch ver­an­lag­tes, sogar ein reflek­tier­tes. Die moder­nen Psy­cho­wis­sen­schaf­ten spre­chen in sol­chen Fäl­len von »dis­so­zia­ti­ven Persönlichkeiten«.

Mit Tour­nier teilt Kraus sowohl die Nei­gung zu dras­ti­schen Bil­dern als auch die Fer­tig­keit, sie kunst­ge­recht zu zeich­nen. Kraus ist im Haupt­be­ruf Regis­seur, und wer sei­ne groß­ar­ti­gen Fil­me Poll (2010, die roman­haft aus­ge­stal­te­te Lebens­ge­schich­te von Kraus’ Groß­tan­te, der Schrift­stel­le­rin und Ehe­frau von Horst Lan­ge Oda Schae­fer) und Die Blu­men von ges­tern (2016, über einen psy­chisch kran­ken Holo­caust­for­scher) gese­hen hat, kennt Kraus’ Vor­lie­be für Hirn­scha­len und Tötungsszenarien.

Zur Sache: Wir haben eine Rah­men­hand­lung, die fort­lau­fend als Erzähl­stüt­ze des Romans dient. Der grei­se Lett­land­deut­sche Kon­stan­tin Solm liegt im Spi­tal neben einem bud­dhis­tisch erleuch­te­ten Hip­pie, des­sen Schä­del durch Schrau­ben zusam­men­ge­hal­ten wird. Mit dem regel­mä­ßig abzu­füh­ren­den Hirn­was­ser düngt Nacht­schwes­ter Ger­da ihre opu­lent wuchern­den Pflanzen.

Wir schrei­ben 1974, und der Hip­pie, ein kif­fen­der Eso­te­ri­ker, will nicht von sei­ner Welt­hal­tung las­sen, wonach jeder Mensch kern­haft gut und ehren­wert sei – das idea­le Gegen­über für Solms Lebens­beich­te. Und die hat es in sich. Das zu absol­vie­ren­de Lese­pen­sum kann sich dras­tisch erhö­hen, falls man geneigt ist, immer wie­der nach­zugo­og­len: Ist das his­to­risch stim­mig? Gab es die­se Per­son wirk­lich? Jenes Ereig­nis? Ja, und immer wie­der ja, wenn auch nicht gera­de die kon­kre­te Per­son Kon­stan­tin »Koja«Solm.

Koja reüs­siert zunächst als als bal­ten­deut­scher NS-Jugend­füh­rer (sei­ne Pflicht­se­mi­na­re tra­gen Titel wie »Treu leben! Trot­zig kämp­fen! Lachend ster­ben!«), bald wird er vom Geheim­nis­trä­ger zum Dop­pel- und Drei­fach­agen­ten, wobei Sach­la­gen, Umstän­de und Zeit­raum – vom Vor­krieg bis zum Kal­ten Krieg – ver­zwick­ter und tur­bu­len­ter sind, als sie in einer knap­pen Rezen­si­on dar­ge­legt wer­den könn­ten. Koja arbei­tet für Heyd­richs SD, für Himm­lers Reichs­si­cher­heits­haupt­amt, er steht neben­bei sowohl dem KGBals auch der Ze-Ih-Ah (wie man damals sag­te, wenn man CIA­mein­te) zur Verfügung.

Nach Kriegs­en­de spit­zelt er zugleich für Rein­hard Geh­lens Behör­de in Pul­lach und für den kon­kur­rie­ren­den, neu eta­blier­ten Ver­fas­sungs­schutz. Auch mit dem Mos­sad hat Koja zu tun – er heißt nun Jere­mi­as Him­mel­reich, unter­zieht sich einer klei­nen, emp­find­li­chen Ope­ra­ti­on und spricht bald flie­ßend hebrä­isch. Kraus legt eine opu­len­te Lite­ra­tur­lis­te vor, die erweist, daß es sich bei die­ser Kon­stel­la­ti­on kei­nes­wegs um ein absur­des Phan­tas­ma han­delt. Es gab die­se Kon­ti­nui­tä­ten! Es gab kei­nen ech­ten Bruch und kei­nen Eli­ten­wech­sel, und wenn es Kraus dar­um ging, zu zei­gen, daß bestimm­te Per­sön­lich­kei­ten inner­halb des Men­schen­ge­schlechts wie die Fett­au­gen in der Sup­pe immer oben schwim­men, daß, unter wel­chem Sys­tem auch immer, das Böse sich gleich bliebt, so ist ihm das vor­treff­lich und bild­kräf­tig gelungen.

Auch dies: Die Män­ner im SDbei­spiels­wei­se waren nahe­zu sämt­lich »lyrisch gestimmt«, sie waren »hoch­ge­bil­de­te Meta­phy­si­ker oder Orches­ter­mu­si­ker«; ähn­lich wie die Män­ner in ande­ren Geheim­diens­ten hat­ten sie teils einen fei­nen Humor, lit­ten unter Lie­bes­kum­mer, pfleg­ten herz­haf­te Dia­lek­te, ja, sie men­scheln. Kraus nutzt dies nicht zur Beschö­ni­gung – im Gegen­teil. Um die Ers­te All­ge­mei­ne Ver­un­si­che­rung von anno 1985 zu zitie­ren: Das Böse ist immer und überall.

Spä­ter: Gus­tav Hei­ne­mann: Ein der­ma­ßen amu­si­scher, phra­sen­dre­schen­der Typ! Oder Strauß: So katho­lisch! So berech­nend! Das kal­te Blut ist in man­cher Hin­sicht über­bor­dend. Anschei­nend haben wir es mit einem über­aus selbst­be­wuß­ten Autor zu tun – man beden­ke, daß selbst die Bibel einer stren­gen Redak­ti­on unter­lag, wonach apo­kry­phe Schrif­ten aus­ge­son­dert wur­den. Hier ist offen­kun­dig, wel­che Strän­ge und Zuta­ten ohne Ver­lust hät­ten weg­fal­len kön­nen. Man­che Neben­li­nie über­for­dert, eini­ge Sequen­zen über­span­nen den Bogen, immer wie­der streift das Gro­tes­ke das Kar­ne­val­es­ke, dann wirkt es, als galop­pier­ten anti­zi­pier­te Film­bil­der (eine Ver­fil­mung ist tat­säch­lich in Pla­nung) mit der Beschrei­bung davon. 1200 Sei­ten sind eine Zumu­tung, gera­de weil man unge­fähr 900 davon mit jenem Bedürf­nis las: mehr davon!

Chris Kraus Das kal­te Blut kann man hier bestel­len

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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