Joachim Lottmann: Alles Lüge.

Joachim Lottmann: Alles Lüge. Roman, Köln: KiWi 2017. 350 S., 12 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wir dür­fen uns den Autor und Jour­na­lis­ten (frü­her Spie­gel, heu­te taz) Joa­chim Lott­mann als eine Mischung aus Wil­helm Gen­azi­no und Maxim Bil­ler vor­stel­len, neben dem Schreib­stil paßt das auch alters­mä­ßig; Lott­mann ist Jahr­gang 1956. Lott­mann sagt von sich, er habe »kei­ne Meinung«.

Sein Alter ego,der Ich-Erzäh­ler sei­ner Bücher, Johann Loh­mer, ist bezüg­lich des Mei­nung­ha­bens ambi­va­lent: »Ich sah die Din­ge noto­risch anders, als es gera­de vor­ge­schrie­ben war.«Wir neh­men nun lesend teil an Loh­mers Erleb­nis­sen rund um den Will­kom­mens­som­mer 2015 – von Flücht­lings­kri­se mag er nicht reden, sind ja so tol­le jun­ge Men­schen! Loh­mer hält sich vor­wie­gend in Wien und Ber­lin auf, dort stets inmit­ten des hip­pen Jus­te milieu,er ist umge­ben von Künst­lern, Feuil­le­to­nis­ten und ande­ren »Krea­ti­ven«.

Er kennt Hinz und Kunz in den ange­sag­ten Bars und Ver­la­gen; man­chen Namen kennt man (Navid Ker­ma­ni, Mat­thi­as Matu­s­sek), man­cher kommt einem bekannt vor (»Johann«Bessing), ande­re Pro­mis sind offen­kun­dig pseud­ony­mi­siert; bereits das Ent­rät­seln ist ein Spaß für sich!

Loh­mers eige­ne Frau ist femi­nis­ti­sche Jour­na­lis­tin mit kom­mu­nis­ti­scher Atti­tü­de. »Sie war und blieb die links­li­be­ra­le Publi­zis­tin und wür­de es noch sein, wenn im Trep­pen­haus ihrer Zei­tung bereits die Brand­be­schleu­ni­ger aus­ge­schüt­tet wür­den, von tap­fe­ren jun­gen Hel­den, die den Pro­phe­ten rächten.«Nur sel­ten kommt Lott­manns Iro­nie der­art grob­kör­nig daher. Neigt er zum Zynis­mus? Lott­mann macht aus sei­nen Beob­ach­tun­gen, die in wei­ten Tei­len die Armie­rung der längst eta­blier­ten Rede­ge- und ‑ver­bo­te inner­halb der Kul­ture­li­te sowie emp­find­li­che, asyl­kri­se­indu­zier­te Ris­se durch Fami­li­en und Freun­des­krei­se ins Auge fas­sen, kei­ne Tra­gö­die, son­dern ein hei­te­res Satyr­spiel. Wir lesen hier eigent­lich eine aber­wit­zi­ge Langglosse.

Para­dig­ma­tisch der Fall des Par­ty­hengs­tes, Frau­en­hel­den und Super­schrift­stel­lers Peter Schin­del, der in Wahr­heit anders heißt: Schin­del nimmt in bezug auf die isla­mi­sche Bedro­hung kein Blatt vor den Mund. Er argu­men­tiert klug, pol­tert auch mal los; Flo­rett und Degen, der »Betrieb«liebt die­sen Kerl! Aber er ging zu weit:

»Schin­del ver­öf­fent­lich­te wenig spä­ter einen Essay, in dem er sich wort­mäch­tig gegen Isla­mo­pho­bie aus­sprach. Sei­ne Lek­to­rin hat­te ihm offen­sicht­lich dazu gera­ten. Ich kann­te sol­che Din­ge von mir selbst. Es muß­te nicht ein­mal ver­lo­gen sein. Wenn man zu viel Dampf abge­las­sen hat­te, schrieb man ein­fach das Gegen­teil, um wie­der ins Gleich­ge­wicht zu kom­men. Außer­dem hat­te kein ech­ter Schrift­stel­ler Lust, auf­grund von ein­mal daher­ge­sag­ten Din­gen Nach­tei­le beim Schrei­ben zu bekom­men. Und die hät­te es gege­ben. Der lin­ke Main­stream hat­te sich in der Flücht­lings­fra­ge stär­ker und schnel­ler radi­ka­li­siert als der rech­te Stamm­tisch. Wer das Wort ›Flücht­lin­ge‹ öffent­lich in den Mund nahm und nicht umge­hend auch ›Hur­ra‹ schrie, war medi­al erledigt.«

Die taz hat ein Inter­view mit Lott­mann geführt, in dem es auch um die Fra­ge ging, wes­halb das Buch nicht wie geplant »Der Zwei­te Faschis­mus« titele. »Was ist da pas­siert? Ist der Islam doch nicht der Faschis­mus des 21. Jahr­hun­derts? Ist es alles Lüge, so etwas zu behaupten?«Ob dem links­li­be­ra­len Ver­lag das The­ma »Islam­fa­schis­mus zu heiß«geworden sei? Lott­mann viel­sa­gend: »Natür­lich. Kei­ne Ahnung. Kein Kommentar.«

Typisch Lott­mann, aus die­sem Bekennt­nis zur kla­ren »Nichthaltung«gleich wie­der los­zu­feu­ern, gegen jene »muf­fi­gen, weiß­haa­ri­gen Gut­men­schen«, die auf unkünd­ba­ren Posi­tio­nen sit­zen und selbst nie eine »Kon­fron­ta­ti­on der Kulturen«am eige­nen Leib erfah­ren haben:

»Man könn­te umsteu­ern, Zeit ist dafür genü­gend da. Tun wir es nicht, wer­den künf­ti­ge Genera­tio­nen in einem reak­tio­nä­ren, fröm­meln­den Deutsch­land leben, das geis­tig so tot ist wie das Drit­te Reich. Alles, wofür Lin­ke, Frau­en, Arbei­ter, Künst­ler jahr­hun­der­te­lang gekämpft haben, gibt es dann nicht mehr. Mit den Evan­ge­li­ka­len übri­gens vor­ne­weg. Die­se abscheu­li­che Brut räkelt sich ja aller­or­ten. Aber die darf man wenigs­tens Schei­ße fin­den, wäh­rend man den Islam ›respek­tie­ren‹ muß.«Man liest die­se Win­dun­gen mit dem größ­ten Ver­gnü­gen! Sein Buch hat Lott­mann Michel Hou­el­le­becq gewidmet.

Joa­chim Lott­manns Alles Lüge kann man hier bestel­len

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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