Sezession
1. Juni 2017

Lorenz Jäger: Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten

Caroline Sommerfeld

Lorenz Jäger: Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten, Berlin: Rowohlt 2017. 400S. 26.95€

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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»Bei Schwindelanfällen hilft in der Regel langes Flanieren mit dem hungrigen und beflügelten Engel des Gesangs« –

Was die vergessene russische Avantgardistin Anna Radlowa 1921 in einem expressionistischen Gedicht dunkel ausdrückte, ist in Walter Benjamins Leben klarer gezeichnet. Für Benjamin, 1892–1940, den jüdischen Philosophen, Marxisten, Kunstkritiker und eng mit der Frankfurter Schule Verbundenen, gilt alles dies: Ihn schwindelt angesichts der Moderne, er behilft sich technisch mit langem Flanieren – und ist stets begleitet von einem Engel, wie Lorenz Jäger an seinen Texten und Briefen immer wieder entdecken kann.

Das ist für ein Kind des 20. Jahrhunderts durchaus rückwärtsgewandt. Jäger: »Es gibt nicht nur den metaphysischen und den marxistischen Benjamin, er selbst mochte sich damals eher als Feenkönig erschienen sein.« Jäger vermag den Feenkönig ernst zu nehmen, weil er die »Bildungszeit der intellektuellen Extremismen« wie ein Panoptikum beobachtet. In der Tat hatte Walter Benjamin am George-Kreis, am Deutschnationalen, am Zionismus, am Bolschewismus, an deutscher und jüdischer Mystik, am Marxismus-Leninismus und am Dadaismus seine Anteile. Doch es ist kein rein ästhetisches Panoptikum.

Wenn Benjamin in seinem frühen Text »Zur Kritik der Gewalt« den antiken und alttestamentarisch-jüdischen Mythos als entsühnende Vernichtung begreift, dann nimmt sein Biograph das Stichwort der »Vernichtung« als dräuendes zeithistorisches Menetekel auf: »Das Verhängnis kann beginnen.« Benjamin ist selbst ein »Engel der Geschichte«. Die so betitelte Zeichnung von Paul Klee beschrieb er 1940, dieser Engel hat sein Antlitz der Vergangenheit zugewandt, einer Katastrophe von Trümmern über Trümmern.

In den frühen 1920er Jahren übernimmt Benjamin vom Zionisten Oskar Goldberg einen revolutionären Messianismus, das Reich Gottes sollte sich durchaus schon alsbald im irdischen Israel verwirklichen. Die weltlichen Glückshoffnungen verbinden einerseits Benjamins Judentum mit dem Bolschewismus, andererseits ist er hin- und hergerissen zwischen seinem Freund und Lehrer Gershom Scholem, der ihn nach Palästina locken will, und seiner bolschewistischen Geliebten Asja Lacis, die Moskau für den einzigen einem fortschrittlich denkenden Menschen angemessen Ort auf Erden hält. Der Einfluß von intellektuellen Geliebten auf zartbesaitete Engelsgemüter darf niemals unterschätzt werden. Beinahe hätte Asja Lacis es geschafft, ihrem Walter die Zauberei zugunsten des Materialismus auszutreiben.

Was spätere marxistische Leser ab den 1970er Jahren an Benjamin so fasziniert hat, war eigentlich nur die halbe Wahrheit: der Verlust der »Aura« des technisch reproduzierbaren Kunstwerks, der Vorrang der prosaischen Kunstkritik vor dem poetischen Werk, das materialistisch-dialektische Augenmerk auf der Warenwelt als »vergegenständlichtem Traum«, überhaupt die Indienstnahme der avantgardistischen Kunst für die proletarische Revolution. Die vorliegende Biographie ist wohltuenderweise keine implizite Rezeptionsgeschichte, auch beim Rückprojizieren von historisch Zukünftigem innerhalb des Benjaminschen Lebens hält er sich mit Mühe zurück (bei der oben erwähnten »Vernichtung« gibt er kurz nach).

Um den frühen messianischen Zauberer zu verstehen und warum immer wieder der Materialismus ihn anficht, blickt Jäger aus den frühen 1920ern auf Benjamins »Kunstwerk-aufsatz« von 1936, in dem davon die Rede ist, daß ästhetische Begriffe geschaffen werden müssen, die »für die Zwecke des Faschismus vollkommen unbrauchbar sind«, während die romantischen Leitbegriffe Genie, Schöpfertum, Stil und Ewigkeitswert korrumpiert seien.

Ador-no ließ bis zuletzt Benjamin seinen latenten Argwohn spüren: er zeige noch »Symptome der archaischen Befangenheit«, sein Denken sei »noch nicht durchdialektisiert«. Man merkt beim Lesen, auch wenn sich der Biograph konsequent dezent der Parteinahme enthält, hier doch ein erleichtertes Aufseufzen: Na, zum Glück noch etwas archaische Befangenheit! Benjamin entschließt sich 1940, in die USAzu emigrieren. Er versucht, über Spanien aus Frankreich zu fliehen, wartet an der Grenze aber vergeblich auf sein Visum. Angesichts der drohenden Auslieferung an die Gestapo nimmt sich Walter Benjamin mit einer Überdosis Morphium in dem spanischen Grenzort Port Bou das Leben. Sein Lebensende ist – Jäger komponiert diese Szene selbst dichterisch – eine Himmelfahrt. Der deutsche Jude hatte von einem Dominikanerpater ein Empfehlungsschreiben auf die Flucht mitbekommen, so daß der Priester von Port Bou darauf bestand, ihm die Letzte Ölung zu geben. Mönche, Litaneien singend, begleiten den mittellosen jüdischen Ex-Bolschewisten auf seinem letzten Weg. Man kann weiterspinnen: Der Engel fährt auf zu seinesgleichen.

Ein fabelhaftes Buch.

Lorenz Jägers Walter Benjamin kann man hier bestellen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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