Bernd Wedemeyer-Kolwe: Aufbruch. Die Lebensreform in Deutschland

Bernd Wedemeyer-Kolwe: Aufbruch. Die Lebensreform in Deutschland, Darmstadt: Philipp von Zabern 2017. 208 S., 29.95 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Wer im Vor­wort zu einem Buch, das sich mit einem Phä­no­men der Zeit vor dem Ers­ten Welt­krieg wid­met, zwei­mal das Wort »rechtsextrem«verwendet, kann eigent­lich nicht als satis­fak­ti­ons­fä­hig bezeich­net wer­den. Zumal dann nicht, wenn er damit den Maler Fidus cha­rak­te­ri­sie­ren möch­te. Daß man die Lek­tü­re den­noch wagt, liegt an einem objek­ti­ven Man­gel, den das Buch behe­ben möch­te. Zur Lebens­re­form­be­we­gung, die spä­tes­tens seit der Reichs-eini­gung von 1871 den durch die moder­ne Zivi­li­sa­ti­on ver­ur­sach­ten Schä­den abhel­fen woll­te, lie­gen zahl­lo­se Ein­zel­un­ter­su­chun­gen zu ver­schie­de­nen Strö­mun­gen, Akteu­ren und Regio­nen vor. Es gibt auch ein her­vor­ra­gen­des Hand­buch, und mit dem zwei­bän­di­gen Aus­stel­lungs­ka­ta­log von 2001 sind alle iko­no­gra­phi­schen Ansprü­che erfüllt. Was es jedoch nicht gibt, ist eine knap­pe Gesamt­dar­stel­lung, die wis­sen­schaft­li­chen Ansprü­chen genügt. Die woll­te der Volks­kund­ler und Sport­his­to­ri­ker Bernd Wede­mey­er-Kol­we aus­drück­lich abliefern.

Der Autor bemän­gelt ein­gangs, daß sich in der gegen­wär­ti­gen Lite­ra­tur zum Phä­no­men eine begriff­li­che Belie­big­keit breit gemacht habe, die jeg­li­che Aus­for­mun­gen des Geis­tes nach 1871 der Lebens­re­form zuschlü­ge und die­se bis in die Gegen­wart ver­län­ge­re. Er beschränkt sich daher auf die The­men der »Selbst­re­form«: Ernäh­rung, Natur­heil­kun­de, Kör­per­kul­tur sowie Sied­lung, und kon­zen­triert sich dabei auf die Zeit vor dem Ers­ten Welt­krieg. So nahe­lie­gend die­se Her­an­ge­hens­wei­se auf den ers­ten Blick sein mag, so wenig kann sie erklä­ren, was uns bis heu­te an die­ser Bewe­gung fas­zi­niert. Denn die The­men­fel­der, die Wede­mey­er auf­macht, kön­nen ja mitt­ler­wei­le als Main­stream gel­ten: Wir essen mor­gens Müs­li, bekom­men in jeder Dro­ge­rie Haus­mit­tel gegen Erkäl­tung, gehen ins Fit­neß­stu­dio und haben eigent­lich nur beim Sie­deln Defi­zi­te, die sich recht leicht erklä­ren lassen.

Das Fas­zi­no­sum hat aber ande­re Ursa­chen: Zum einen liegt es in der Kon­se­quenz, mit der ein­zel­ne Ernst gemacht haben mit ihren Über­zeu­gun­gen, und zum ande­ren ist es die geis­ti­ge Frei­heit vie­ler die­ser Leu­te, die der Mas­sen­kul­tur etwas ent­ge­gen­set­zen woll­ten. Nicht zuletzt ist in der Lebens­re­form­be­we­gung das kul­tur­kri­ti­sche Moment des deut­schen Geis­tes mani­fest gewor­den. Bei Wede­mey­er ste­hen alle geis­ti­gen Bezü­ge unter Ideo­lo­gie­ver­dacht, egal ob links oder rechts, weil sie natür­lich Reser­ven gegen den west­li­chen Ratio­na­lis­mus und die demo­kra­ti­sche Gleich­schal­tung der Gesell­schaft arti­ku­liert haben. Er rich­tet sei­nen Blick lie­ber auf Skur­ri­li­tä­ten, um sie der Lächer­lich­keit preiszugeben.

Wede­mey­er, der sich viel auf sei­ne begriff­li­che Schär­fe zugu­te hält, ist selbst in vie­lem inkon­se­quent und muß es sein, eben weil er die Dimen­si­on des Geis­ti­gen noto­risch miß­ach­tet. Neben klei­ne­ren Feh­lern (Fried­richs­ha­gen war ganz sicher kei­ne Sied­lung, die Neue Gemein­schaft auch nicht, und die war auch nicht in Fried­richs­ha­gen) stö­ren eini­ge Red­un­dan­zen. Merk­wür­dig ist auch, daß Wil­helm Sta­pel, des­sen Spott über man­che Aus­wüch­se (völ­ki­scher Welt­an­schau­ung oder kon­se­quen­ten Vege­ta­ris­mus’) Wede­mey­er des öfte­ren zitiert, hier als Sati­ri­ker und Jour­na­list auf­taucht. Ent­we­der ist Wede­mey­er libe­ra­ler als sein Buch ver­mu­ten läßt, oder er weiß nicht, wer Sta­pel ist (sei­ner Klas­si­fi­ka­ti­on nach sicher ein Rechts­ex­tre­mer). Zuletzt: Wenn das Buch als wis­sen­schaft­li­cher Ein­stieg gedacht sein soll, als das es nicht taugt, wäre es sinn­voll gewe­sen, statt der alpha­be­ti­schen Lite­ra­tur­lis­te, die Quel­len nicht von Lite­ra­tur schei­det, eine kom­men­tier­te und the­ma­tisch geglie­der­te Biblio­gra­phie abzudrucken.

Bernd Wede­mey­er-Kol­wes Auf­bruch kann man hier bestel­len.

 

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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