Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit,  Roman, übersetzt von Gertraude Krueger, Köln: Kiepenheuer&Witsch 2017. 256 S., 20

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Im Mai 1937 war­te­te ein Mann jede Nacht neben dem Fahr­stuhl sei­ner Lenin­gra­der Woh­nung dar­auf, von der Geheim­po­li­zei abge­holt zu wer­den. Er woll­te sei­ner Fami­lie den Anblick sei­ner Ver­haf­tung erspa­ren, den Schock, den Ehe­mann und Vater hilf­los der Will­kür frem­der Män­ner aus­ge­setzt zu sehen. Selbst, wenn er sich hät­te weh­ren wol­len, er hät­te es nicht ver­mocht: zu schmäch­tig, zu unsi­cher, zu musisch – es war der Kom­po­nist Dmi­tri Schosta­ko­witsch, und es war aus ihm »ein Mann gewor­den, der wie hun­dert ande­re in der Stadt Nacht für Nacht auf sei­ne Ver­haf­tung war­te­te«.

Der bri­ti­sche Schrift­stel­ler Juli­an Bar­nes (1946 gebo­ren, viel­fach aus­ge­zeich­net) hat unter dem Titel Der Lärm der Zeit Schosta­ko­witschs Leben in einen knap­pen Roman gefaßt. Er geht nicht chro­no­lo­gisch vor (das Buch ist kei­ne Bio­gra­phie), son­dern ver­dich­tend und epi­so­disch: Was ist wesent­lich am Leben die­ses wohl berühm­tes­ten rus­si­schen Kom­po­nis­ten des 20. Jahr­hun­derts, der (gebo­ren 1905, gestor­ben 1975) sein Werk tat­säch­lich aus­nahms­los in der sowje­ti­schen Ära schuf? Wie ist das mit dem Ver­hält­nis von Macht und Kunst? Von Unter­drü­ckung, Will­kür und Pro­pa­gan­da auf der einen, Auf­trags­kunst, Abhän­gig­keit und Selbst­ver­ständ­nis des Künst­lers auf der ande­ren Seite?

»Schrieb er, wie es sei­ne Ver­leum­der von ihm ver­lang­ten, für den müde von der Schicht heim­keh­ren­den Berg­mann aus dem Don­bass, der eine wohl­tu­en­de Stär­kung braucht? Nein. Er schrieb Musik für die, die sei­ne Musik am bes­ten zu wür­di­gen ver­stan­den, egal wel­cher gesell­schaft­li­chen Her­kunft sie waren.«

Das mag Schosta­ko­witschs Selbst­ver­ständ­nis gewe­sen sein, aber das zähl­te vor der Macht nicht viel, denn sie war auf der Suche nach dem »roten Beet­ho­ven« und blick­te dabei natür­lich auch in sei­ne Rich­tung. Schosta­ko­witsch aber trug seit 1936 einen Makel, der den Künst­ler in jeder sei­ner Äuße­run­gen zu einer exis­ten­ti­el­len Ent­schei­dung zwang: Was könnte erneut miß­ver­stan­den wer­den oder Zei­chen von Rück­fäl­lig­keit sein oder zur Reha­bi­li­tie­rung bei­tra­gen oder den Gip­fel der Selbst­ver­leug­nung, mit­hin des Ver­rats an der Kunst markieren?

Der Makel bestand dar­in, daß Sta­lin einer Auf­füh­rung der beim Publi­kum sehr belieb­ten Oper Lady Mac­beth von Mzensk bei­wohn­te, als­bald aber die Kon­zen­tra­ti­on ver­lor, spöttisch die Ner­vo­si­tät des Orches­ters kom­men­tier­te und samt sei­ner Entou­ra­ge noch vor dem 4. Akt die Regie­rungs­lo­ge verließ.

Am nächs­ten Tag las Schosta­ko­witsch unter der Über­schrift »Cha­os statt Musik«, daß er mit sei­ner »zap­pe­li­gen, neu­ro­ti­schen Musik den per­ver­sen Geschmack der Bour­geoi­se kit­zel­te«. Dies muß­te, wer zu lesen ver­stand, als Todes­stoß für die Oper lesen, viel­leicht sogar als Todes­ur­teil für den poli­tisch unzu­ver­läs­si­gen Künst­ler, wenigs­tens aber als Hin­weis, daß es ab sofort um Bewäh­rung und Bekennt­nis gin­ge: Man woll­te den »opti­mis­ti­schen Schosta­ko­witsch«, die­sen »Wider­spruch in sich«, wie Bar­nes es den Kom­po­nis­ten sagen läßt, der die­sen kata­stro­pha­len Wen­de­punkt sei­nes Lebens bra­chi­al zum Aus­druck brach­te: »Das War­ten auf die Exe­ku­ti­on ist eines der The­men, die mich mein Leben lang gemar­tert haben, vie­le Sei­ten mei­ner Musik spre­chen davon.«

Schosta­ko­witsch ließ sofort sei­ne 4. Sym­pho­nie in der Schub­la­de ver­schwin­den und setz­te sei­ne 5. auf, deren Marsch­fi­na­le als Ver­herr­li­chung des Regimes gedeu­tet wur­de. Zwi­schen­zeit­lich waren sei­ne Schwes­ter nach Sibi­ri­en ver­bannt und sein Schwa­ger ver­haf­tet wor­den. »Was in der Fünf­ten vor­geht, soll­te mei­ner Mei­nung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Dro­hun­gen erzwun­gen«, notier­te Schosta­ko­witsch in sei­nen Memoi­ren. Bar­nes wägt der­lei Selbst­zeug­nis­se letzt­lich zuguns­ten des Kom­po­nis­ten, weiß aber um die Grat­wan­de­rung zwi­schen Inne­rer Emi­gra­ti­on und Ver­brä­mung und macht das Nach­den­ken dar­über zu einem Leit­mo­tiv sei­nes Romans.

Denn nur in der Theo­rie »gab es eine kla­re Ent­schei­dung zwi­schen zwei Möglich­kei­ten: Inte­gri­tät oder Kor­rup­ti­on. Aber in der wirk­li­chen Welt, zumal in der extre­men Ver­si­on, die er durch­lebt hat­te, war das anders. Es gab eine drit­te Möglich­keit: Inte­gri­tät und Kor­rup­ti­on.« Vor allem eines gelingt Bar­nes her­vor­ra­gend: dar­zu­stel­len, wie unan­ge­mes­sen das Aus­land auf die Lage reagierte.

Die Demons­tran­ten vor dem abge­schot­te­ten Hotel der sowje­ti­schen Dele­ga­ti­on einer Ame­ri­ka­rei­se, die »Schosta­ko­witsch – spring aus dem Fens­ter« auf ein Ban­ner gemalt hat­ten und ihn damit der Flucht­be­reit­schaft für ver­däch­tig kenn­zeich­ne­ten; die gut­mü­ti­gen Besu­cher, die ihm aus Paris lee­re Par­ti­tur-blät­ter sand­ten, weil sie mein­ten, man könne damit das Kom­po­si­ti­ons­ver­bot umge­hen; die ekel­haf­ten Visi­ten von Sart­re, Shaw und ande­ren Salon­kom­mu­nis­ten – das alles ver­deut­licht, wie groß der Erkennt­nis- und Erfah­rungs­vor­sprung jener sein konn­te, die von einem tota­li­tä­ren Sys­tem an die Brust gedrückt und dabei fast erwürgt wurden.

Juli­an Bar­nes Der Lärm der Zeit kann man hier bestel­len

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)