Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit, München u. Berlin: Berlin Verlag 2017. 348 S., 22 €

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Unter dem Slo­gan »Den Rich­ti­gen ein Denk­mal, nicht den Alt-Nazis«verhüllten vor zwei Jah­ren Münch­ner Grü­ne das Trüm­mer­frau­en-Denk­mal am Mar­stall­platz. Ihr Geschichts­bild möch­te man haben – dann wäre die Welt abzüg­lich der his­to­ri­schen Wirk­lich­keit so schön ein­fach. So schön ein­fach, wie sie es den rech­ten »Kom­ple­xi­täts­re­du­zie­rern« immer vorhalten.

Flo­ri­an Huber, Jahr­gang 1967, hat­te 2015 in sei­nem viel­be­ach­te­ten Buch Kind, ver­sprich mir, dass du dich erschießt (sie­he Sezes­si­on66) per­sön­li­che und amt­li­che Doku­men­te aus­ge­wer­tet, die die mas­sen­haf­ten Selbst­tö­tun­gen der frisch »Befrei­ten« betra­fen. Auch in sei­nem neu­en Buch geht Huber ganz ruhig vor. Er webt zehn ver­schie­de­ne Fami­li­en­ge­schich­ten inein­an­der, Brie­fe und Tage­bü­cher kriegs­be­dingt getrenn­ter Paa­re, Noti­zen von Trüm­mer­frau­en, dann die Väter, dann die Kin­der – so ist ein sys­te­ma­tisch geord­ne­tes, erzäh­len­des Text­ge­we­be ent­stan­den. Hubers Blick­win­kel: Er will nicht mehr der ewi­ge Rich­ter sein über die Eltern- und Groß­el­tern­ge­nera­ti­on. Er been­det die Bericht­erstat­tung mit den »Halb­star­ken« der spä­ten 50er Jah­re und ver­kneift sich jeden anspie­len­den Vor­aus­griff auf die 68er-Revol­te und ihren Haß auf die Eltern samt ent­spre­chen­der Bewältigungsideologie.

Huber psy­cho­lo­gi­siert in Maßen. »Zwanghaftigkeit«und »Autoritätsreflex«der Kriegs-eltern­ge­nera­ti­on fal­len en pas­sant, wie­der­holt nennt der Autor sie aller­dings »hartleibig«und »hart­hö­rig«– fast phä­no­me­no­lo­gi­sche Begrif­fe, mit denen er die Atmo­sphä­re der 50er Jah­re sinn­lich zu grei­fen ver­sucht. Unter der unver­söhn­lich abrech­nen­den Intel­lek­tu­el­len­per­spek­ti­ve von Han­nah Arendts »Besuch in Deutschland«(1950), die der spä­te­ren »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung« zugrun­de gelegt wur­de, schlüpft Hubers Erzäh­lung durch sei­ne ein­fa­chen Prot­ago­nis­ten hin­durch. »Sie war 30 Jah­re alt, ver­hei­ra­tet und Mut­ter zwei­er Kin­der. Sie wohn­te in Arol­sen, beliebt als Kulis­se für Bil­der­buch­il­lus­tra­to­ren. Aber der Begriff Kulis­se bedeu­tet auch Schie­be­wand, hin­ter der ein ver­wor­re­nes Getrie­be arbei­tet. Edith Sän­ger hat­te beschlos­sen, die Wand bei­sei­te­zu­schie­ben, um auf­zu­räu­men, was sie mit sich her­um­schlepp­te. Es galt, den Gespens­tern ihres Lebens in die häss­li­che Frat­ze zu schau­en, alles beim Namen zu nen­nen, was sie quälte.«

Edith schei­tert an ihrem Tage­buch­ver­such, die unge­woll­te Schwan­ger­schaft mit dem drit­ten Kind und der stän­di­ge kal­te Streit mit dem Kriegs­heim­keh­rer an ihrer Sei­te ver­ei­teln einen Blick von außen. Den »Gespenstern«konnten weder sie noch ihre Zeit­ge­nos­sen direkt in die Frat­zen schau­en. Sie woll­ten es auch über­haupt nicht, ist Flo­ri­an Hubers Erkennt­nis: »Unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de war die Stim­mung des Vater­lan­des von Dank­bar­keit weit ent­fernt«– so daß es eben nicht nur das viel­be­schrie­be­ne Trau­ma war, son­dern schlicht eine kol­lek­ti­ve Unfä­hig­keit der Deut­schen, die »Opfer«, die die Män­ner im Krieg gebracht hat­ten, nicht die »Opfer«, die sie gewor­den waren, über­haupt noch erken­nen zu kön­nen. Und so schwie­gen sie. Ein in sich abge­schlos­se­nes Kapi­tel – das groß­ar­ti­ge Ves­per, Ens­s­lin, Baa­der. Ur-sze­nen des deut­schen Ter­ro­ris­mus von Gerd Koe­nen (2003) lie­fer­te hier das Mate­ri­al – namens »Auf­stand im Land der Angepassten«handelt lapi­dar von »einer Facet­te einer weit­ver­brei­te­ten Unru­he, die hin­ter der kon­for­mis­ti­schen Fas­sa­de der Gesell­schaft immer wie­der zum Aus­bruch kam«.

Die Rede ist vom Lip­polds­berg, wo Hans Grimm (Volk ohne Raum) ab 1949 wie­der die­je­ni­gen sam­mel­te, die aus geis­tes-aris­to­kra­ti­schen Grün­den NS-Dich­ter und ‑Den­ker gewor­den waren. Deren Kin­der, Bern­ward Ves­per war einer von ihnen, erfuh­ren hier den Geist eines Auf­stands gegen die neu­ge­grün­de­te Bun­des­re­pu­blik. Grimm bezeich­ne­te die Angepaßt­heit, den Kon­su­mis­mus, das Geist­lo­se und Unpo­li­ti­sche der Deut­schen in den 50er Jah­ren als »Ohne-mich-Stand­punkt«, dem jed­we­der Opfer­wil­le und jed­we­des Pathos aberzo­gen wor­den waren. Huber über­nimmt dies, ohne zu richten.

Die Fami­li­en­per­spek­ti­ve ein­zu­neh­men, ist das Ver­dienst die­ses Buches. Wenn ich es ver­glei­che mit Melit­ta Masch­manns Fazit. Kein Recht­fer­ti­gungs­ver­such (1963), die als BDM-Füh­re­rin ein­drucks­voll Rechen­schaft ablegt über ihre Über­zeu­gun­gen und deren Ver­rat, ist Huber zu sys­te­misch-aus­glei­chend. Masch­mann bleibt die Indi­vi­du­al­per­spek­ti­ve, die Ich-Erzäh­le­rin gehör­te nach 1945 nicht mehr zu einem Wir. Wenn ich es ver­glei­che mit Sophie Dan­nen­bergs Roman Das blei­che Herz der Revo­lu­ti­on(2004), das die lite­ra­risch extrem poin­tier­te Enkel­per­spek­ti­ve der Kin­der der 68er auf die Nach­kriegs­zeit ein­nimmt, dann ist Huber zu freund­lich. Aber er hat sich ja auch jeg­li­cher Schuld­zu­wei­sung entschlagen.

»Zu allen Geschich­ten gehört eine Unter­sei­te«, schreibt
Flo­ri­an Huber. Zu allen Unter­sei­ten gehö­ren aller­dings auch erst ein­mal Geschich­ten. Die­sen Merk­satz lie­ße ich den Münch­ner Grü­nen gern zukom­men, als nach­drück­li­che Lese­emp­feh­lung für Hin­ter den Türen war­ten die Gespenster.

Flo­ri­an Hubers Hin­ter den Türen war­ten die Gespens­ter kann man hier bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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