Charles Péguy: Das Geld.

Charles Péguy: Das Geld. Deutsch von Alexander Pschera, Berlin: Matthes & Seitz Berlin 2017. 137 S., 12 €

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Charles Péguy (1873–1914) war Sozia­list, »Drey­fu­sard«, Publi­zist, Pole­mi­ker, Dich­ter, Natio­na­list und gläu­bi­ger Katho­lik. Er fiel als Frei­wil­li­ger am 5. Sep­tem­ber 1914, am Vor­abend der Mar­ne-Schlacht. Sei­ne zwi­schen 1900 und 1914 erschie­ne­ne Zeit­schrift Cahiers de la Quin­zai­ne, zu deren Bei­trä­gern Köp­fe wie Romain Rol­land, Juli­en Ben­da, Ana­to­le Fran­ce, Geor­ges Sorel und Dani­el Halé­vy zähl­ten, gilt als eine der bedeu­tends­ten Her­vor­brin­gun­gen des Geis­tes­le­bens die­ser Epo­che. In Deutsch­land ist Péguy heu­te so gut wie ver­ges­sen, zumal sein Pro­sa­werk im Gegen­satz zu sei­nen volu­mi­nö­sen Vers­dich­tun­gen nur bruch­stück­haft über­setzt wurde.

Das hat ver­schie­de­ne Grün­de. Hans Urs von Bal­tha­sar schrieb, das »unge­heu­re« Pro­sa­werk Péguys sei »selbst für Fran­zo­sen ein Urwald«: »Vie­les dar­aus, und eini­ges vom Schöns­ten, wird immer unüber­setz­bar blei­ben. Man­ches ist Gestrüpp und wür­de eine Über­tra­gung nicht recht­fer­ti­gen. Sehr vie­les ist lei­den­schaft­li­che, zeit­ge­bun­de­ne poli­ti­sche Dis­kus­si­on und Pole­mik und setzt, um ver­stan­den zu wer­den, bereits ein his­to­ri­sches Stu­di­um vor­aus.« Hin­zu kommt der eigen­tüm­li­che, in Ara­bes­ken und »Lita­nei­en« aus­ufern­de Stil des Autors, der dem Leser oft viel abver­langt. Wenn sie aber ihre Wir­kung ent­fal­tet, hat Péguys Pro­sa eine bewe­gen­de sug­ges­ti­ve Kraft.

Alex­an­der Psche­ra hat sich die­ser schwie­ri­gen Auf­ga­be, Péguy zu über­set­zen, gestellt und sie mit Bra­vour gemeis­tert. Auch der Essay »Das Geld« (1913) ist ein merk­wür­di­ger lite­ra­ri­scher Hybrid: Er beginnt als Ein­lei­tung zu einer Abhand­lung über das fran­zö­si­sche Grund­schul­we­sen, ver­liert sich rasch in auto­bio­gra­phi­schen Erin­ne­run­gen und mün­det schließ­lich in eine »poe­ti­sche Lebens­phi­lo­so­phie in nuce« (Psche­ra). Er ent­hält meh­re­re von Péguys berühm­ten und viel­zi­tier­ten Sen­ten­zen, etwa: »Der Moder­nis­mus besteht dar­in, nicht zu glau­ben, was man glaubt.« – »Jeder hat eine Meta­phy­sik. Offen­kun­dig oder ver­steckt. Oder man lebt nicht.« – »Die Welt hat sich seit Jesus Chris­tus weni­ger ver­än­dert als in den letz­ten drei­ßig Jahren.«

Letz­te­rer Satz ist eine Kern­the­se des Essays, der in ers­ter Linie eine lei­den­schaft­li­che Ankla­ge gegen die »moder­ne Welt« des kapi­ta­lis­ti­schen Bür­ger­tums ist, das die Welt des »alten Frank­reichs«, die der Autor noch in sei­ner Kind­heit ken­nen­ge­lernt hat­te, zunich­te gemacht und unter die Vor­herr­schaft des Gel­des stell­te. Péguy, Sohn eines Schrei­ners und einer Stuhl­flech­te­rin, sieht die­ses alte Frank­reich, das fran­zö­si­sche Volk schlecht­hin, ver­kör­pert in den ein­fa­chen Men­schen, den Arbei­tern und Bau­ern, die sich in einer seit der Anti­ke unun­ter­bro­che­nen jahr­tau­sen­de­al­ten Tra­di­ti­on in eine from­me und arbeit­sa­me »Armut« füg­ten, in jene »dum­me Moral«, die das täg­li­che Brot sicher­te und ein zufrie­de­nes Leben ermöglichte.

Eine Moral, die sich für Péguy vor allem im Ethos einer – um es im Anschluß an Marx zu sagen – »unent­frem­de­ten« Arbeit mani­fes­tiert, die ihren Wert in sich selbst und nicht im Mehr­wert der kapi­ta­lis­ti­schen Berei­che­rung hat, in der Wür­de und Ehre »des gut gemach­ten Werks«, sei dies ein mit Stroh bespann­ter Stuhl oder die Kathe­dra­le von Char­tres: »Die Arbeit war ihre urei­gens­te Freu­de, die tief­rei­chen­de Wur­zel ihres Daseins.« Die­se Freu­de und Ehre der Arbeit steht im Zen­trum von Péguys ver­klä­ren­der Apo­lo­gie eines ver­wur­zel­ten, tra­di­tio­nel­len, aske­ti­schen Lebens: »Alles war Erhe­bung, eine inne­re, und Gebet, den gan­zen Tag, der Schlaf und das Wachen, die Arbeit und die sel­te­ne Ruhe, das Bett und der Tisch, die Sup­pe und das Rind, das Haus und der Gar­ten, die Tür und die Stra­ße, der Hof und die Tür­schwel­le, und die Tel­ler auf dem Tisch.«

Der Bruch mit der Welt der Tra­di­ti­on und des alten Frank­reich setzt für Péguy also nicht etwa 1789 ein, son­dern erst mit Ende des 19. Jahr­hun­derts, mit der zuneh­men­den Herr­schaft des Öko­no­mis­ti­schen, des Glau­bens »an die Öko­no­mie als Total-Reme­di­um« (so Peter Traw­ny im Nach­wort ), vor­an­ge­trie­ben von der mam­mo­nis­ti­schen Bour­geoi­sie, von der »alle Ver­ir­run­gen, alle Ver­bre­chen« aus­ge­hen. Sie hat es geschafft, das fran­zö­si­sche Volk zu infi­zie­ren und es damit sei­nes Volks­tums, sei­nes »Wesens«, sozu­sa­gen sei­ner See­le zu berau­ben: »Es ist genau das Pro­blem der Ent­christ­li­chung Frankreichs.«

Mit­hin beschrieb Péguy ein und den­sel­ben Pro­zeß, den Pier Pao­lo Paso­li­ni in den sech­zi­ger Jah­ren als »anthro­po­lo­gi­schen Geno­zid« anpran­ger­te. »Wenn man heu­te vom ›Volk‹ spricht«, so Péguy 1913, »dann macht man Lite­ra­tur, sogar eine der nied­rigs­ten: Wahl­kampf­li­te­ra­tur, poli­ti­sche Lite­ra­tur, par­la­men­ta­ri­sche Lite­ra­tur. Das ›Volk‹ gibt es nicht mehr. Jeder ist bür­ger­lich gewor­den. Denn jeder liest sei­ne Zeitung.«

Sein uner­bitt­li­ches Ver­dikt trifft dabei die Lin­ke eben­so wie die Rech­te: Den Sozia­lis­mus betrach­te­te Péguy als bür­ger­li­che Intel­lek­tu­el­len­ver­an­stal­tung, die die Arbei­ter zutiefst kor­rum­piert habe, wäh­rend die »Ver­tei­di­ger des Thro­nes und Altars« vom Schla­ge eines »Mon­sieur Mau­rras« nichts wei­ter als ver­kapp­te Moder­ne und »nicht ein­mal im Ansatz« authen­ti­sche Män­ner des »alten Frank­reich« seien.

Charles Péguys Das Geld kann man hier bestel­len.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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