1. April 2017

Tuvia Tenenbom: Allein unter Flüchtlingen

Gastbeitrag

Eine Rezension von Christian Marschall

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Tuvia Tenenbom: Allein unter Flüchtlingen, Berlin: Suhrkamp 2017. 324 S., 13.95

Einen Typen wie Tuvia Tenenbom hält sich ein linksliberaler Elitenverlag wie Suhrkamp nicht aus Überzeugung oder Leidenschaft. Man müßte länger nachdenken, ob man im Portfolio noch einen weiteren Autoren findet, auf den das (zugegeben etwas abgegriffene) Attribut »politisch unkorrekt«zuträfe. Tenenboms Bücher sind garantierte Verkaufsschlager. Allein unter Deutschen, … unter Juden, ... unter Amerikanernund nun eben Allein unter Flüchtlingen.

Der gebürtige Israeli mit deutschen und polnischen Wurzeln begibt sich auf seinen Reportagereisen unter Gruppen, die irgendwie »umstritten«sind. Nicht als Einzelmenschen, sondern als vages Kollektiv. Was wäre daran die verkaufsfödernde Masche? Es gibt keine Masche! Tenenbom (Jahrgang 1957) ist, wie man es in seiner Wahlheimat New York ausdrücken würde, einfach straight. 

Heißt: Er geht nicht wie der übliche Knecht der Lückenpresse mit einem vorgefertigten Bild, einer »Meinung«, auf die Leute zu, über die er berichten will. Er stellt denen, die ihn interessieren, sehr simple Fragen. Wer bist du, was machst du hier, was gefällt dir, was nicht, wovon träumst du so? Tenenbom kommt mit Dutzenden Flüchtlingen (und: offenkundigen »Flüchtlingen«) ins Gespräch (mit Schlitzohren, mit Herzensguten, mit Kranken und Scheinkranken); mit solchen, die ganz gut untergekommen sind und anderen, die über Monate unter bemitleidenswertesten Zuständen zusammengepfercht sind wie Vieh.

Des weiteren spricht Tenebom, dieser gemütlich-naiv wirkende hellblonde Koloß mit pinkem Brillengestell, mit Gregor Gysi (»ein echter Schatz!«), mit Jürgen Todenhöfer (»dermaßen selbstverliebt«) und mit Kardinal Marx, der sich Fragen zur AfD streng verbittet und als großer Druckser wirkt. Zwei Antifa-Leute und ihr geflüchteter Zögling machen einen Gesprächsrückzieher – es gibt da ein ideologisches Problem mit Teneboms Heimat. Mit SPD-Minister Ralf Jäger kommt gar kein Gespräch zustande (»Der Mann muß extrem nervös sein«, beobachtet Tenenbom), und auch Alexander Thal, Sprecher des Flüchtlingsrats, hält einfache Fragen (»Wenn die Deutschen so schlimm sind, warum haben sie dann so viele Flüchtlinge ins Land gelassen?«) für so »schwierig«, daß er ein paar Tage Bedenkzeit erbittet (wohl gemeint: Jahre).

Zahlreiche Antworten von Volker Beck wiederum mußten kurz vor Drucklegung geschwärzt werden. Der Reporter hat sich auch mit Leuten getroffen, denen die deutsche Qualitätspresse selten unvoreingenommen begegnet: Mit Frauke Petry (»ich mag diese Lady«), Lutz Bachmann (»der Mann hat Witz«), Akif Pirinçci (»ein freier Geist«) und Götz Kubitschek (Kapitel: Der Untote). Ferner erfahren wir, warum der AfD-Rechte Hans-Thomas Tillschneider in einigen Punkten irrt und warum Frau Petry so vehement gegen das Ehepaar Kositza/Kubitschek ist. Unterhaltsam ist das durchweg – seicht nie.

Tuvia Tenenboms Allein unter Flüchtlingen kann man hier bestellen


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