Alexander Ulfig: Wege aus der Beliebigkeit. Alternativen zu Nihilismus, Postmoderne und Gender-Mainstreaming

Alexander Ulfig: Wege aus der Beliebigkeit. Alternativen zu Nihilismus, Postmoderne und Gender-Mainstreaming, Baden-Baden: Deutscher Wissenschaftsverlag 2016. 141  S., 24.95 €

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

»Freun­de des Men­schen­ge­schlechts und des­sen, was ihm am hei­ligs­ten ist! Nehmt an, was euch nach sorg­fäl­ti­ger Prü­fung am glaub­wür­digs­ten scheint, es mögen Fac­ta, es mögen Ver­nunft­grün­de sein; nur strei­tet der Ver­nunft nicht das, was sie zum höchs­ten Gut auf Erden macht, näm­lich das Vor­recht ab, der letz­te Pro­bier­stein der Wahr­heit zu sein. Wid­ri­gen­falls wer­det ihr, die­ser Frei­heit unwür­dig, sie ein­bü­ßen, und die­ses Unglück noch dazu dem übri­gen schuld­lo­sen Tei­le über den Hals zie­hen, der sonst wohl gesinnt gewe­sen wäre, sich sei­ner Frei­heit gesetz­mä­ßig und dadurch auch zweck­mä­ßig zum Welt­bes­ten zu bedienen!«

Phi­lo­so­phi­sche Grund­li­ni­en zie­hen zu kön­nen, ist eine Kunst gemäß Kants Fra­ge von 1786, »Was heißt, sich im Den­ken ori­en­tie­ren?«, die im oben­ste­hen­den Schluß­satz endet. Der pro­mo­vier­te Phi­lo­soph Alex­an­der Ulfig (gebo­ren 1962 in Kat­to­witz) tut in sei­nem aktu­el­len Buch nichts ande­res, als Grund­li­ni­en zu zie­hen. Als Autor meh­re­rer phi­lo­so­phie­ge­schicht­li­cher Über­blicks­wer­ke ist das wohl die natür­li­che Wuchs­rich­tung sei­ner Feder, indes ist es für eini­ger­ma­ßen bewan­der­te Leser uner­freu­lich. »Eini­ger­ma­ßen bewandert«heißt nicht, mit allen Was­sern der Theo­rie gewa­sche­ner Post­mo­der­nist zu sein, son­dern so vor­ge­bil­det, daß er nicht mit Sät­zen wie »Ende des 19. Jahr­hun­derts ver­kün­de­te der Phi­lo­soph Fried­rich Nietz­sche die Auf­lö­sung von zen­tra­len Wer­ten der west­li­chen Zivilisation«oder »Eine wich­ti­ge Rol­le spiel­te dabei die anti­au­to­ri­tä­re Stu­den­ten­be­we­gung. Sie wird auch als Die 68er bezeichnet«irgendwo abge­holt wer­den möchte.

Ulfig zeich­net fol­gen­de Grund­li­nie: Nietz­sches »Umwer­tung aller Werte«beeinflußte Marx und Fou­cault, und die­se beein­fluß­ten die gegen­wär­ti­ge ideo­lo­gi­sche Lin­ke, wel­che den poli­ti­schen Main­stream bil­det und so kon­kre­te Geset­ze macht (bei­spiels­wei­se Frau­en­quo­ten), die sich auf Nietz­sches Ver­rat an den Idea­len von Huma­nis­mus und Auf­klä­rung zurück­be­zie­hen las­sen. Ulfigs Nietz­sche-Les­art ist grob ver­kür­zend, wenn er behaup­tet: »Mit sei­ner ›Ethik der Vor­nehm­heit‹ legi­ti­miert Nietz­sche die Schaf­fung von Pri­vi­le­gi­en und Son­der­rech­ten für aus­er­wähl­te Grup­pen, Skru­pel­lo­sig­keit beim Durch­set­zen eige­ner Inter­es­sen und Willkür«.

Haben wir immer schon heim­lich ver­mu­tet: Die Frau­en­quo­ten­lob­by ist von »Über­men­schen« unter­wan­dert … Das Haupt­pro­blem sei­nes Ansat­zes ist, daß er der »post­mo­der­nen Beliebigkeit«ihre Holz­schnitt­ar­tig­keit getrost las­sen kann (allein ein Kapi­tel über »Para­dig­ma und Inkom­men­sura­bi­li­tät«, ver­faßt gemein­sam mit einem Kol­le­gen, geht tie­fer), weil er ihr ohne­hin nur das ent­ge­gen­set­zen will, was ihre his­to­ri­schen Geg­ner waren: Huma­nis­mus, Auf­klä­rung, Men­schen­rechts­uni­ver­sa­lis­mus (der sich übri­gens nicht so ein­fach gegen Fou­caults Emblem vom »Ende des Menschen«halten läßt).

Mit Kant kön­nen wir Nihi­lis­mus, Dekon­struk­ti­on, Par­ti­ku­la­ris­mus und post­mo­der­ner Ver­nunft­kri­tik metho­disch wun­der­bar wider­ste­hen, »der letz­te Pro­bier­stein der Wahrheit«ist nun ein­mal die Ver­nunft. Soweit, so modern. Nur hat der Autor offen­sicht­lich aus sei­ner Lek­tü­re der Linie Nietz­sche-Marx-Freud-Fou­cault nicht ent­nom­men, daß die­se Ver­däch­ti­gen auch in ihrer Alles­zer­mal­mer­tä­tig­keit his­to­risch einen unbe­stech­li­chen Blick auf die Vor­aus­set­zun­gen von Ulfigs Men­schen­rechts­uni­ver­sa­lis­mus gewor­fen haben. Daß sich die »Freun­de des Menschengeschlechts«ihrer »Frei­heit gesetz­mä­ßig und dadurch auch zweck­mä­ßig zum Welt­bes­ten zu bedienen«haben, kün­det dann doch von einer Fou­cault­schen »Macht«des Uni­ver­sa­lis­mus. Aus der post­mo­der­nen »Beliebigkeit«führen kei­ne gang­ba­ren Wege zurück in die auf­klä­re­ri­sche Moderne.

Ent­we­der müs­sen wir wei­ter zurück­ge­hen, oder, wahr­schein­li­cher: das west­li­che Anything goes wird nicht phi­lo­so­phisch, son­dern krie­ge­risch widerlegt.

Alex­an­der Ulfigs Wege aus der Belie­big­keit kann man hier bestel­len.

 

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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