Eugen Ruge: Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel

Eugen Ruge: Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel, Roman, Reinbek: Rowohlt 2016. 320 S., 22.95 €

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Zukunfts­ro­ma­ne bie­ten eine Ver­mu­tung dar­über an, wo wir ein­mal enden könn­ten. Eugen Ruges Fol­lower spielt im Jahr 2055 und ent­wirft ein plau­si­bles Sze­na­rio. Die Unter­wer­fung des Ein­zel­nen durch ein lücken­lo­ses Kommunikations‑, Selb­st­op­ti­mie­rungs- und Bedarfs­we­ckungs­an­ge­bot ist abge­schlos­sen, das Vir­tu­el­le domi­niert das Rea­le, aber im Grun­de sind die­se Gegen­sät­ze bereits obso­let: Zu ver­mu­ten, es gäbe unter der Ober­flä­che (dem Daten­strom, dem Con­tent) etwas wie ein Eigent­li­ches, ist ein ver­al­te­tes Unter­schei­dungs­kri­te­ri­um, ein Ord­nungs­wunsch von vor­ges­tern. Ruges Haupt­fi­gur Nio Schulz sind Ver­hal­tens­wei­sen, Abhän­gig­kei­ten und Sprach­sen­si­bi­li­tä­ten in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen, deren Vor­drin­gen wir heu­te bereits wahr­neh­men können.

Nio fin­det sich nur dann zurecht, wenn er mit­hil­fe sei­ner Inter­net­bril­le und sei­nen Ohren­stöp­seln wie eine Koor­di­na­te im Netz ver­or­tet wor­den ist. Nun weiß er wie­der, daß er einen Ter­min mit den Chi­ne­sen haben wird, um ihr Inter­es­se an einem Pro­dukt zu wecken, das Markt­an­tei­le erobern soll, obwohl die­je­ni­gen, die die­sen Markt bil­den, bis­her nicht wis­sen, daß sie es brau­chen oder ver­mis­sen könn­ten. Nio ist unter Druck, sein letz­tes Pro­jekt war ein Flop. Er möch­te die Stun­den bis zum Mee­ting opti­mal und opti­mie­rend ver­brin­gen, bei­spiels­wei­se ein Dos­sier lesen. Aber stän­dig len­ken ihn Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fet­zen ab, ver­faßt von Leu­ten, deren Fol­lower er ist. Die Welt­bank kämpft gegen Fake Newsan, deren Aus­wir­kun­gen auf fal­len­de Kur­se sehr real sind; eine jun­ge Frau läßt einen Kuchen anbren­nen, ver­zwei­felt, droht Selbst­mord an und bleibt selbst damit ein Icon unter vielen.

Nio kann sich nicht kon­zen­trie­ren, er wird vom Nach­rich­ten­strom mit­ge­spült. Das ist auch for­mal stim­mig gelöst: Ruges Roman besteht – der Unter­ti­tel ver­spricht es – in sei­nem Haupt­strang tat­säch­lich nur aus vier­zehn dahin­plät­schern­den Sät­zen. Nio jeden­falls kann nicht abschal­ten, er war­tet auf den Anruf sei­ner Part­ne­rin, die er nur alle paar Wochen trifft, weil bei­de so mobil sind. Beim letz­ten Date hat er sie sexu­ell ent­täuscht. Nun über­rascht sie ihn mit dem Vor­schlag, eine Fami­lie zu grün­den und dabei auf Leih­mut­ter (Ukrai­ne­rin­nen sind die teu­ers­ten) und Spen­der­sa­men (nepa­le­si­scher Ein­schlag ist der letz­te Schrei) zu verzichten.

Man kön­ne es auf die her­kömm­li­che Metho­de ver­su­chen, mit einer Zeu­gung mit­tels Bei­schlafs, und sie stützt die­sen gewag­ten Vor­schlag mit einem Ver­weis dar­auf, daß es den Ansatz eines Trends hin zu soviel Direkt­heit gebe. Kurz: Der natür­li­che Wunsch eines Paa­res ist modisch abge­si­chert. Es besteht kein Zwei­fel, daß Ruge sich schüt­telt beim Gedan­ken dar­an, wie weit es mit uns gekom­men ist und wo es mit uns enden könn­te. Man weiß das spä­tes­tens dort, wo Ruge sei­nem in Echt­zeit ablau­fen­den Roman das Kapi­tel »Gene­sis / Kurz­fas­sung« ein­schiebt. Die­ser Ein­schub ist der Bericht davon und die Fra­ge danach, wie es über­haupt mög­lich war, daß bis zu Nio eine Linie an Vor­fah­ren nicht abriß, son­dern sich durch­hielt – trotz Hun­ger, Krank­heit, Seu­che, Krieg. Die­se Vor­fah­ren wühl­ten sich um 1850 aus der Hilf­lo­sig­keit her­aus, von sie­ben Kin­dern fünf oder sechs weg­ster­ben sehen zu müs­sen. Auch nach zwei Welt­krie­gen pflanz­te sich die Fami­lie fort.

Irgend­wann kam die Genera­tio­nen­fol­ge bei Fol­lower Nio an, der nun wahr­lich alles besitzt, um ein, zwei Kin­der zu bebrü­ten. Doch er kriegt das nicht mehr hin, er gibt nicht mehr wei­ter, was sich über Jahr­tau­sen­de durch­biß und ihn form­te: Irgend­wann muß der Faden reißen.

Eugen Ruges Fol­lower kann man hier bestel­len .

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)