Sezession
1. Februar 2017

E.M. Forster: Die Maschine steht still

Ellen Kositza

E.M. Forster: Die Maschine steht still, aus dem Englischen von Gregor Runge. Hamburg: Hoffmann und Campe 2016. 80 S., 15 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Erstens ist dies ein außergewöhnlich schönes Büchlein, zweitens ein prophetisches. Dies reicht hin, um einen Makel wettzumachen: Der belletristische Wert dieser ungeheuerlichen Dystopie ist sekundär. Die Maschine steht still ist nicht gerade das, was man einen Pageturner nennt. Die kurze Geschichte ist überaus hölzern fabuliert. Eminent lesenswert ist Edward Morgan Forsters Erzählung also aufgrund ihrer prognostischen Strahlkraft.

Forster, 1879 in London geboren, ein heimlicher Homosexueller und bekennender Anti-Royalist, war seinerzeit eine anerkannte Größe im Literaturbetrieb der Insel. Was er hier (1909) erzählt, hat es in sich: Vashti lebt in ihrer unterirdischen Zimmerwabe. Eigentlich möchte sie einen Vortrag für ihre globale Gemeinde vorbereiten, da stört sie ein Anruf (eine Art Skype-Funktion; sie sieht ihren Gesprächspartner auf dem Bildschirm!) von Kuno. Er ist eines ihrer Kinder. Sie hat ihn seit seiner ordnungsgemäßen Verschickung an ein Kinderheim selten gesehen. »›Pflichten, elterliche‹, hieß es im Buch der MASCHINE, ›enden mit der Geburt. § 422327483.‹«

Vashti ist genervt. Sie war gerade »wiederholt gestört worden. Sie hatte abertausende Bekannte. In gewissen Bereichen konnte die menschliche Kommunikation erhebliche Fortschritte verzeichnen.«Vashti tippt »an den Lichtapparat« und herrscht den Sohn an: »Mach schnell!« Kuno zögert: »Obwohl ich auf dieser Scheibe etwas sehe, das dir ähnlich ist, sehe ich dich nicht.«Er möchte Aug in Aug mit seiner Mutter sprechen. Es sei dringend und nicht für Mithörer gedacht: »Durch die MASCHINE erfährst du kein Wort von mir.« Kuno ist einer jener wenigen, die der »Maschine« mißtrauen. Die ganze Menschenwelt betet sie an – spielt sich doch das gesamte Leben auf der »optischen Scheibe« als dem Organ des omnipräsenten, unpersonalen Machthabers ab. Kuno ahnt, daß es ein Ende haben wird mit der »Maschine« und dem ebenso verehrten »Korrekturapparat«.

Draußen sollen noch echte Menschen leben! Sie»verbergen sich im Nebel und im Farn, bis unsere Kultur zum Stillstand kommt.«Was hingegen ein Gerücht sein könnte.

E.M. Forsters Die Maschine steht still kann man hier bestellen.

 

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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