Sezession
1. Februar 2017

Horst Bredekamp: Der Behemoth. Metamorphosen des Anti-Leviathan

Gastbeitrag

Eine Rezension von Konrad Gill

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Horst Bredekamp: Der Behemoth. Metamorphosen des Anti-Leviathan (= Carl-Schmitt-Vorlesungen,Band 1), Berlin: Duncker & Humblot 2016. 117 S., 24.90 €

Mit Carl Schmitt, dem in Deutschland immer noch weithin verfemten, läßt sich nach wie vor verläßlich Aufmerksamkeit erringen und damit Geld verdienen. Solange sich immer neue Generationen von in der spätbundesrepublikanischen »Scientific community« sozialisierten Nachwuchsdenunzianten an seiner Brillanz die Zähne ausbeißen, wird das auch so bleiben. Die mit dem vorliegenden schmalen Büchlein (preislich trotz opulenter Bebilderung sehr ambitioniert) begonnene Schriftenreihe reitet auf der Bugwelle der anhaltenden Faszination und bietet in ihrem ersten Band eine Bild- und Deutungsgeschichte des Behemoth, also der dem Leviathan parallelisierten monströsen Nilpferd-Figur, die in der Bibel nur einmal, dafür aber ausführlich beschrieben wird (Hiob 40,15–24). Luther war sie sinnbildlich »die Gewalt und Macht des Teufels und seines Gesinds«; ob die Bibelstelle wirklich eine symbolische Lesung herausfordert, ist fraglich.

Bredekamp folgt dem Gang der Interpretationen von Hobbes, der den Behemoth als die unkontrollierbare Gewalt des Bürgerkriegs im Gegensatz zur kontrollierten Gewalt staatlicher Souveränität (Leviathan) verstand, bis in die Gegenwart, wo jüngst (2014/2015) Filmregisseure das tellurische Monstrum nicht nur als Gegenmacht zum Meeresungeheuer Leviathan (Land gegen Meer) präsentierten, sondern auch als sich selbst zerstörendes Produkt der Implosion staatlicher Macht.

Mit dem Thema dieses bebilderten Essays hat der Autor sich schon mehrfach befaßt, die wesentlichen Gedanken (und Formulierungen) finden sich bereits u.a. in einem Aufsatz für die Zeitschrift Leviathanaus dem Jahr 2009, ohne daß dies aus dem bibliographischen Anhang deutlich würde. Für die vorliegende Fassung wurde der Text sichtlich aktualisiert und ausgeweitet. Der an Schmitts staatsrechtlichem Denken und dessen geistigem Umfeld interessierte Leser kann im entscheidenden vierten Kapitel (Fußnoten!) manchen nützlichen Hinweis finden. Anregend (erneut) zu lesen ist, wie Bredekamp herausarbeitet, daß Schmitt durch die Schlußvignette seines Buches Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes (1938) dessen Fazit gut versteckt ins Gegenteil verkehrte. Im übrigen, eher symbolhistorisch orientierten Text seien Hinweise auf den Antiimperialisten Thomas Blake und auf Steinfiguren an der Kathedrale von Santiago de Compostela hervorgehoben. Diese thematischen Ellipsen zeigen jedoch nur, daß der Behemoth und seine Bezüge zu Schmitt allein selbst für eine so schmale Buchpublikation wenig ergiebig waren.

Es wird sich zeigen, ob die Reihe der Carl-Schmitt-Vorlesungen sich über künftige Jahre hinweg zum überflüssigen Regalmeterverbraucher oder zur substantiellen Bereicherung der Schmitt-Forschung entwickelt. Nach Bredekamps Bändchen ist noch alles möglich. Entscheidend wird der Mut der herausgebenden Carl-Schmitt-Gesellschaft sein, den behaglichen, ungefährlichen Bereich zu verlassen, den ihre Jahresgaben mit Themen wie »Carl Schmitt privat in Berlin. Adressen, Wohnungen, [sic!] und Gäste« vorgeben. Die Vorlesung des Jahres 2016 (Baberowski: »Die russische Revolution und die Ursprünge der souveränen Diktatur«) dürfte zumindest ein Ausweichen in die ungefährlichen Bereiche der Symbolkunde und Kulturgeschichte nicht mehr zulassen.

Horst Bredekamps Der Behemoth kann man hier bestellen. 

 

 


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