Stefan Horlacher/Bettina Jansen/Wieland Schwanebeck (Hrsg.): Männlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch

von Siegfried Gerlich --- Stefan Horlacher/Bettina Jansen/Wieland Schwanebeck (Hrsg.): Männlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart: Metzler 2016. 382 S., 69.95 €

 Gastbeitrag

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Titel­ge­bung und Inhalts­ver­zeich­nis die­ses in der renom­mier­ten Metz­ler-Rei­he erschie­ne­nen Kom­pen­di­ums ver­spre­chen einen reprä­sen­ta­ti­ven Über­blick über wis­sen­schaft­li­che Ansät­ze und Anstren­gun­gen, der Kon­sti­tu­ti­on von »Männ­lich­keit« auf die Spur zu kom­men. Und wirk­lich bemüht das Autoren­kol­lek­tiv nicht nur diver­se Fächer wie Sozio­lo­gie, Eth­no­lo­gie, Geschich­te, Lin­gu­is­tik, Päd­ago­gik und Phi­lo­so­phie, um der rekla­mier­ten Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät gerecht zu wer­den, son­dern bie­tet zudem ein zwi­schen Län­dern dif­fe­ren­zie­ren­des Res­u­mé der aktu­el­len Forschungslage.

Aller­dings ver­rät schon die Arro­ganz, mit der ost­eu­ro­päi­sche und rus­si­sche Stu­di­en als »bio­lo­gis­tisch« dif­fa­miert wer­den, daß die­se »Männ­lich­keits­for­schung« mit soli­der For­schung weit weni­ger gemein hat als mit einer sek­tie­re­ri­schen Geschlech­ter­ideo­lo­gie, die nach ihrer west­li­chen Erfolgs­ge­schich­te end­lich eine glo­ba­le Vor­herr­schaft anstrebt. Erklär­ter­ma­ßen rich­tet sich die­ses Hand­buch denn auch gegen eine »popu­lis­ti­sche Männ­lich­keits­de­bat­te«, wie sie hier­zu­lan­de von »weit rechts« ste­hen­den Autoren wie Arne Hoff­mann oder Akif Pirin­çci geführt wer­de. Nach Maß­ga­be der angel­säch­si­schen »Men’s« und»Masculinity Stu­dies«, die das geschlech­ter­de­mo­kra­ti­sche Defi­zit der frau­en­po­li­tisch domi­nier­ten »Gen­der Stu­dies« durch eine Dekon­struk­ti­on auch von »Männ­lich­keits­bil­dern« zu besei­ti­gen suchen, gilt es in letz­ter Kon­se­quenz, »Männ­lich­keit als for­schungs­lei­ten­den Begriff zu verabschieden«.

Die so dok­tri­när wie red­un­dant zitier­ten Refe­renz­theo­re­ti­ker die­ses Sam­mel­wer­kes sind erwar­tungs­ge­mäß der Dis­kurs­ana­ly­ti­ker Michel Fou­cault und die Gen­der­phi­lo­so­phin Judith But­ler, die in ihrem post­mo­der­nen Wahr­heits­re­la­ti­vis­mus und Wis­sen­schafts­skep­ti­zis­mus stets ver­tre­ten haben, daß selbst metho­disch kon­trol­lier­te For­schun­gen zu Geschlechts­iden­ti­tä­ten und ‑dif­fe­ren­zen nichts als trü­ge­ri­sche For­men dis­kri­mi­nie­ren­den »Macht-Wis­sens« dar­stel­len. In die­sem Sin­ne beken­nen sich die Her­aus­ge­ber zu dem kon­struk­ti­vis­ti­schen Dog­ma, »Männ­lich­keit« sei im wesent­li­chen ein sozio­kul­tu­rel­les »Nar­ra­tiv« – und ver­ban­nen human­bio­lo­gi­sche Erkennt­nis­se ohne viel Feder­le­sens in die Vor­höl­le eines geschlech­ter­po­li­tisch unkor­rek­ten »Essen­tia­lis­mus«. Man staunt nicht schlecht über die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der hier gan­ze wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­pli­nen von größ­ter the­ma­ti­scher Rele­vanz wie Evo­lu­ti­ons­theo­rie, Sozio­bio­lo­gie, Human­etho­lo­gie, Hor­mon- und Hirn­for­schung zumin­dest mar­gi­na­li­siert, wenn nicht voll­stän­dig igno­riert wer­den. So kon­se­quent etwa natur­wis­sen­schaft­lich pro­fi­lier­te Geschlech­ter­for­sche­rin­nen wie Sus­an Pin­ker oder Doris Bischof-Köh­ler, die in den letz­ten Deka­den fri­schen Wind in eine selbst­re­fe­ren­ti­ell und ste­ril gewor­de­ne Gen­der­de­bat­te gebracht haben, aus die­ser »Sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty« aus­ge­schlos­sen wer­den, so pene­trant ergrei­fen wis­sen­schaft­lich unbe­darf­te Ideo­lo­gen das Wort, um bei­lei­be nicht nur sozia­le Geschlech­ter­rol­len, son­dern noch den bio­lo­gi­schen Geschlechts­di­mor­phis­mus selbst zu einem »binä­ren Kon­strukt« des »bür­ger­li­chen Zeit­al­ters« zu fiktionalisieren.

Über evol­vier­te Erb­ko­or­di­na­ten, die der kul­tu­rel­len Varia­bi­li­tät männ­li­cher Wesens­zü­ge alle­mal Gren­zen set­zen, ist in die­sem Band nur am Ran­de etwas zu erfah­ren. Was die mit Psy­cho­lo­gie und Psy­cho­ana­ly­se befaß­ten Bei­trä­ge über Gene­se und Struk­tur von Männ­lich­keit zu berich­ten wis­sen, läßt immer­hin auf gewis­se anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­ten schlie­ßen. Und der kom­pri­mier­te Bei­trag zur Human­bio­lo­gie und ‑medi­zin getraut sich als Ergeb­nis neu­es­ter Stu­di­en sogar zu ver­mel­den, daß geschlech­ter­ty­pi­sche Ver­hal­tenspro­fi­le sich »wei­test­ge­hend unab­hän­gig vom kul­tu­rel­len Hin­ter­grund« her­aus­bil­den. Dem­ge­gen­über las­sen zeit­ge­nös­si­sche Kri­sen­er­fah­run­gen viel­fäl­tig sich auf­lö­sen­der »Männ­lich­kei­ten«, wie sie vor­nehm­lich in ästhe­ti­schen Medi­en reflek­tiert wer­den, gewiß eine höhe­re kul­tu­rel­le Bedingt­heit ver­mu­ten; nicht von unge­fähr stel­len gera­de die von der Lite­ra­tur- und Kunst­ge­schich­te sowie der Foto­gra­fie- und Film­ge­schich­te ent­wor­fe­nen Gen­der-Pan­ora­men eine kul­tu­rel­le Berei­che­rung die­ser Publi­ka­ti­on dar.

Ins­ge­samt jedoch bleibt die als Novi­tät prä­sen­tier­te Männ­lich­keits­for­schung einem ana­chro­nis­tisch-beha­vio­ris­ti­schen Bild vom Men­schen ver­haf­tet, der auch als Geschlechts­we­sen zu einer belie­big kon­di­tio­nier­ba­ren Tabu­la rasa ent­na­tu­ra­li­siert wird. Letzt­lich pro­pa­giert die­ser Glau­be an eine Crea­tio ex nihi­lo des »Man­nes« nur eine kul­tu­ra­lis­ti­sche Vari­an­te des Krea­tio­nis­mus, wel­che mit dem theo­lo­gi­schen Ori­gi­nal ein tief­sit­zen­des Res­sen­ti­ment gegen die Dar­win­sche Evo­lu­ti­ons­leh­re und die moder­nen Natur­wis­sen­schaf­ten über­haupt ver­bin­det. Und frei­lich ist es die­ser gegen alles Ein­ge­den­ken der Natur im Men­schen ver­här­te­ten Dok­trin geschul­det, daß die inter­dis­zi­pli­nä­re Chan­ce, Bio- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten gleich­ge­wich­tig in die Waag­scha­le zu wer­fen, um natür­li­chen Dis­po­si­tio­nen und sozia­len Kon­struk­tio­nen von »Männ­lich­keit« glei­cher­ma­ßen Rech­nung zu tra­gen, in die­sem Hand­buch gran­di­os ver­spielt wurde.

Das Hand­buch kann man hier bestel­len.

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