Sezession
1. Dezember 2016

Ellen Kositza: Die Einzelfalle. Warum der Feminismus ständig die Straßenseite wechselt

Gastbeitrag

Eine Rezension von Wiggo Mann

Ellen Kositza: Die Einzelfalle. Warum der Feminismus ständig die Straßenseite wechselt, Schnellroda: Antaios 2016. 160 S., 13 €

Mithu Melanie Sanyal: Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens, Hamburg: Edition Nautilus 2016. 240 S., 16 €

»Köln, Silvester 2015«: Beiden hier zu besprechenden Büchern ist gemein, daß sie sich nicht in der Hauptsache um jene notorische Nacht drehen, daß sie die »Vorfälle« aber als einen Angelpunkt nehmen. Beide Autorinnen sind weiblich, westdeutsch sozialisiert, ähnlichen Jahrgangs, Mütter. Beide haben sich in vorangegangenen Publikationen mit der rezenten Geschlechterpolitik auseinandergesetzt. Sanyal, Kulturwissenschaftlerin, tat das eher handfest (ihr Buch Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts, 2009, wurde breit rezipiert), Kositza eher sublim; hier wäre an ihr Büchlein Gender ohne Ende (4. Auflage 2016) zu denken oder an zahlreiche Langartikel zu den Themen Feminismus, Mutterschaft und sexuelle Lebensformen.

Beide Autorinnen denken »quer« zum Mainstream, beide schreiben alert und unterhaltsam; allein die Leserichtung unterscheidet sich. Beginnen wir mit der gewohnten Ausrichtung: von links. Sanyals Buch wäre ähnlich umfangreich wie Kositzas, wenn hier nicht knapp 60 Seiten Literatur, Fußnoten und Register hinzukämen. Kositzas Buch entbehrt all dessen, was man schade finden kann, allerdings: Zumal beide Schriften dichte Essays sind und keine wissenschaftlichen Arbeiten, ist der Mehrwert gering. Sanyals Vergewaltigung weist ein deutliches Gefälle auf: Sind über die Hälfte der neunzehn Kapitel ein Lesegewinn, baut das Buch zum Ende hin ab, weil es sich ideologisch verstrickt. Durch die Richter*in, Soziolog*in und Täter*in muß man ohnehin durch, solche Sprachregelungen gehören zu den linksgestrickten Maschen. Eine Grundthese von Sanyal lautet, daß der Vergewaltigungsdiskurs »eine der letzten Bastionen und Brutzellen für Geschlechterzuschreibungen« sei. Lassen wir Sanyal ihren Spleen, daß es »Mann« und »Weib« nicht gäbe, profitieren wir dennoch von ihren Fundstücken und Analysen!

Sanyal nennt Vergewaltigung »das am meisten gegenderte Verbrechen« und meint damit, daß sich die Täter- und Opferzuschreibungen über die Jahrhunderte (sie sagt: zu Unrecht) betoniert hätten. Sie zitiert den römischen Dichter Ovid: »Sie wird vielleicht dagegen ankämpfen und Unverschämter! sagen; sie wird aber im Kampf besiegt werden wollen.« Sanyal gibt die hohe Zahl männlicher Vergewaltigungsopfer zu bedenken (rund 240000 jährlich allein in amerikanischen Gefängnissen!) und hinterfragt zugleich die These, ob Vergewaltigung wirklich deshalb als ein so schlimmes Verbrechen gelten müsse, weil dabei »Seele und Essenz der Frau« angegriffen werden. Sie argumentiert dabei vorsichtig – mit Rücksicht auf die Gefühle von Opfern, also anders als die hammerharte Antifeministin Camille Paglia, die gleichfalls vor einer Dramatisierung des Notzuchtfalles warnte –, gibt aber zu bedenken, daß betroffenen Frauen besser geholfen wäre, wenn eine Vergewaltigung nicht als Ehrverlust, sondern als »sexualisierte Gewalt« gehandelt würde. Sie kann das formidabel begründen, redet sich aber in späteren Kapiteln um Kopf und Kragen. Im Falle von »Köln« seien die Taten »rassifiziert« worden.

Nach hinten läuft das Buch aus in der Wiedergabe von Zeitungsartikeln und Stellungnahmen feministischer Denker*innnen. Das ist schade, weil beispielsweise Sanyals Darlegungen über »Schamkonzepte«, über das »Dampfkesselmodell« des 18. und 19. Jahrhunderts (heißt: Mann braucht Druckausgleich) oder über »Notzucht als Delikt gegen die Allgemeinheit« (Reichsstrafgesetzbuchvon 1871) in den vorderen Kapiteln eminent lesenswert sind. Apropos »Allgemeinheit«, ein Wort, das auch wegen seiner Doppeldeutigkeit trifft. Wer spricht noch von Allgemeinheit, wo es um Individuen geht und – im Falle von sexuell motivierten Übergriffen durch Landesfremde – um gemeine »Einzelfälle«?

Kositza hat spürbar Freude daran, in einem bittersüßen Ton den berüchtigten »Elephanten im Zimmer« zu umschreiten, zu bestaunen und zu markieren und all jene Salonteilnehmer zu bespötteln, die sich aus Gründen der Dezenz oder einer degenerierten Moralität weigern, das große Tier überhaupt wahrzunehmen. Das große Tier, es ist jene Spezies der Neuankömmlinge (wobei Kositza betont, daß nur der Name, nicht aber das Phänomen des Street harassment»neu« sei), die hier unbeweibt, jung und äußerst selbstbewußt sich derjenigen zu bemächtigen versucht, die im korangrundierten Herkunftsland als »Huren« gesehen werden. Warum schreit der Neofeminismus hysterisch auf, wenn ein Altherrenwitz gerissen wird, schweigt aber zu tätlichen Übergriffen, wenn sie von den heiligen Stieren der multikulturell erleuchteten Linken verübt werden? Ist das eine Sehschwäche (Kositza sagt: Sie sind nackt, haben aber die Augen tugendhaft verschleiert), eine Krankheit oder einfach der Abgrund? Die Autorin – offenen Auges! – neigt zu letzterer Sichtweise.

Trübsal wird dennoch nicht geblasen, sondern ein überaus flotter Marsch. Zu dieser Musik läßt Kositza die Forscherinnen der Critical whiteness und die linken Gewaltmännerversteherinnen tanzen. Sie kennt ihre Pappenheimer.

Ellen Kositzas Die Einzelfalle kann man hier bestellen, Mithu Melanie Sanyals Vergewaltigung findet sich hier.

 


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