M. Cioran: Apologie der Barbarei. Frühe Aufsätze 1932–1941

M. Cioran: Apologie der Barbarei. Frühe Aufsätze 1932–1941, Wien: Karolinger 2016. 136 S., 19.90 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Such­te man bei der hier bespro­che­nen Cod­rea­nu-Bio­gra­phie einen Makel, so wäre es die Ver­nach­läs­si­gung des Aspekts der Intel­lek­tu­el­len im Umfeld des Ca˘pitans und sei­ner Eiser­nen Gar­de. Kon­kret ver­mißt wird der Name E.M. Cior­an. Der rumä­ni­sche Phi­lo­soph und Apho­ris­ti­ker, des­sen Pes­si­mis­mus so durch­drin­gend, des­sen Nihi­lis­mus so erschla­gend war, gilt als eine der unum­strit­te­nen Geis­tes­grö­ßen des 20. Jahr­hun­derts. Und: Cior­an war über Jah­re hin­weg Anhän­ger der Legio­nä­re um Cod­rea­nu. Sein Gesamt­werk liegt im Deut­schen bei­na­he voll­stän­dig vor; 2011 ver­leg­te Suhr­kamp zudem eine Antho­lo­gie (Über Deutsch­land), die den »brau­nen Fleck« auf Ciorans Wes­te vor­zei­gen soll­te. Doch auch in die­sem Band fehl­te die Essenz des­sen, was Cior­an zumin­dest tem­po­rär zu einem Sym­pa­thi­san­ten Cod­rea­nus und sei­ner Legio­nä­re mach­te. Der Wie­ner Ver­lag Karo­lin­ger hat nun – ori­en­tiert an der Struk­tur einer fran­zö­si­schen Edi­ti­on von 2015 – knapp 30 Arti­kel zusam­men­ge­tra­gen und aus dem Rumä­ni­schen über­tra­gen, die die Apo­lo­gie der Bar­ba­rei mit jeder geschrie­be­nen Zei­le betreiben.

Die Radi­ka­li­tät des Den­kens, die der Leser ohne­hin erwar­te­te – sie über­trifft alles. Cior­an preist die Bar­ba­rei als Aus­weg aus der Deka­denz der moder­nen Gesell­schaf­ten. Wes­halb sol­le man den Nie­der­gang des Bestehen­den ver­zö­gern, wenn man durch eine wah­re Explo­si­on von Kräf­ten und Ener­gien das »apo­ka­lyp­ti­sche Phä­no­men der Bar­ba­rei« her­bei­füh­ren könn­te? Die Auf­ga­be der Jugend sei die Akze­le­ra­ti­on des unver­meid­li­chen Zusam­men­bruchs der bestehen­den Ver­hält­nis­se. Man dür­fe sich nicht vor dem Cha­os fürch­ten, son­dern müs­se des­sen Frucht­bar­keit als Chan­ce für einen tota­len Neu­an­fang begreifen.

Neben die­ser Affir­ma­ti­on des unver­söhn­li­chen Bruchs ver­sucht Cior­an die Erschei­nun­gen des deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus und des ita­lie­ni­schen Faschis­mus in einen Zusam­men­hang zum rumä­ni­schen Dasein zu stel­len. Er lei­det am Rumä­ni­en sei­ner Zeit, schilt sei­ne Lands­leu­te der Geschichts­lo­sig­keit, der Schwä­che, der Unter­wür­fig­keit. In Ber­lin, wo er von 1933 bis 1935 als Sti­pen­di­at lebt, lernt er den Natio­nal­so­zia­lis­mus ken­nen und for­dert eine dezi­diert rumä­ni­sche Ent­spre­chung auch für sei­ne Hei­mat. Ciorans Zunei­gung ist dabei aus der Not gebo­ren: Rumä­ni­en brau­che ein straf­fes Regi­ment zur Wie­der­auf­rich­tung. Die Dik­ta­tur wird als ein­zi­ge Opti­on genannt, um den Lebens­nerv einer dar­ben­den Nati­on zu ret­ten, um die Jugend zu »for­men« und zu neu­en Lei­den­schaf­ten zu ani­mie­ren. Genau das habe sich in Hit­lers Deutsch­land voll­zo­gen, wenn­gleich man nicht von einer »Revo­lu­ti­on« spre­chen kön­ne, da Hit­ler die sozia­len Struk­tu­ren nicht ver­än­dert habe und im Tra­di­tio­na­lis­mus ver­har­re. Ohne­hin ist Ciorans Hit­ler-Bild ambi­va­lent: einer­seits die Orga­ni­sa­ti­on der Jugend, der Auf­bruch einer Nati­on. Ande­rer­seits wer­tet er Hit­lers Bewe­gung als »Atten­tat auf die Kul­tur«, nennt die Vor­stel­lung einer Blut-und-Ras­sen-Soli­da­ri­tät illu­sio­när und gefährlich.

Den­noch: Cior­an for­dert die bar­ba­ri­sche Roß­kur für Rumä­ni­en, den Kampf gegen die Demo­kra­tie (»die Schan­de der Gegen­wart«) im Inne­ren – inklu­si­ve Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger für Poli­ti­ker – wie auch gegen die natür­li­chen Fein­de (Ungarn) im Äuße­ren. Ein Land, meint Cior­an in bezug auf die Not­wen­dig­keit einer aggres­si­ven Neu­aus­rich­tung der Außen­po­li­tik, »hat nur Wert, wenn es für die ande­ren zum Pro­blem wird«. Die­se inne­re und äuße­re Auf­rüs­tung Rumä­ni­ens trau­te Cior­an nur Cod­rea­nu zu. Nur er habe den Rumä­nen über­haupt einen Sinn, einen Daseins­zweck gege­ben. Und als Cod­rea­nu ermor­det wur­de, schreibt Cior­an 1940, habe nicht nur er sich ein­sam gefühlt, son­dern ganz Rumänien.

Deut­lich wird in jedem der Tex­te: Der jun­ge Cior­an war kein harm­lo­ser Den­ker, und Gren­zen des Sag­ba­ren reiz­te er nicht aus, er spreng­te sie alle.

M. Ciorans Apo­lo­gie der Bar­ba­rei kann man hier bestel­len.

 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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