Sezession
1. Dezember 2016

Gerhard Unterthurner/Andreas Hetzel (Hrsg.): Postdemokratie und die Verleugnung des Politischen

Gastbeitrag

Eine Rezension von Felix Dirsch 

Gerhard Unterthurner/Andreas Hetzel (Hrsg.): Postdemokratie und die Verleugnung des Politischen, Baden-Baden: Nomos 2016. 210 S., 39 €

Zu den großen Erzählungen in unserer angeblich narrationslosen Epoche gehört die Postdemokratie. In Kern dieser zeitsignaturischen Diagnose steht die Erkenntnis, daß der an ein bestimmtes Territorium gebundene, politisch organisierte Demosauf globale Strömungen (Umwelt, Finanzen, Migration und so fort) immer weniger Einfluß nehmen kann. Neoliberale Deregulierung, mediale Inszenierung der Politik und Demokratie als rein formal-technizistische Angelegenheit – das prägt maßgeblich die Stimmungslagen der unmittelbaren Gegenwart.

Die Aufsätze des von Unter-thurner und Hetzel herausgegebenen Sammelbandes sind mehr als bloße Kommentars-kommentare zu häufig untersuchten Phänomenen. Von den Beiträgen ist besonders der von Lea Klasen und Lisa Mattutat hervorzuheben, der die Theorie Jacques Rancières zu den aktuellen Debatten würdigt, weiter der Text von Oliver Marchat. Er sieht momentan eine vorherrschende »leere Nacht des Sozialismus«. Die führenden Vertreter der Linken wie Badiou, Žižek, ein obskures »Unsichtbares Komitee« und so fort ermangeln Marchat zufolge einer realistischen Urteilskraft und faseln öfters von einer »Neuen Ordnung«, die freilich die Abschaffung der alten voraussetzt. Jedoch können fundamentale Umwälzungen heute, in Zeiten relativ »kristalliner« Verhältnisse, weniger denn je glaubwürdig begründet werden. Seit Jahrzehnten wird in linken Kreisen darüber diskutiert, wer denn das Subjekt der Veränderungen sein soll, Arbeiter oder Intellektuelle?

Die wissensbasierte Gesellschaft birgt weniger Potenzial zum Aufruhr als diejenige, die von der Maschinenwelt des 19. Jahrhunderts dominiert wurde. Ob es heute noch die Möglichkeit gibt, wie es einst der Filmemacher Jean-Loc Godard postulierte, Theorie politisch zu betreiben, kann auch der weiterführende Essay von Marchat nicht beantworten. Herauszustellen sind zudem die Überlegungen von Felix Trautmann, der das »Verschwinden des Erscheinens« analysiert. Die Wichtigkeit des Themas leuchtet angesichts der zunehmenden Abstraktheit des Alltags unmittelbar ein.

Wenig erstaunlich für einen in akademischen Bahnen konzipierten Band ist die Ausblendung zentraler Grundkonflikte, etwa zwischen denjenigen, die für den Erhalt einer wenigstens relativen ethnokulturellen Homogenität eintreten und denen, die die multikulturelle Auflösung des Gemeinwesens vorantreiben wollen. Lieber wird über angebliche Konfliktscheu lamentiert, die bei genauerem Hinsehen mehr und mehr verschwindet.

Gerhard Unterthurners und Andreas Hetzels Postdemokratie und die Verleugnung des Politischen kann man hier bestellen.

 


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