Ferdinand Knauß: Wachstum über Alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde

Ferdinand Knauß: Wachstum über Alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde, München: oekom 2016. 192 S., 24.95 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

So sehr die ille­ga­le Mas­sen­ein­wan­de­rung, der Deutsch­land seit 2015 aus­ge­setzt ist, das Land in Befür­wor­ter und Kri­ti­ker spal­tet, so herrscht doch in einem von der Lin­ken bis zur AfD eine grund­sätz­li­che Einig­keit: Ein­wan­de­rung sei not­wen­dig. Ohne Ein­wan­de­rung sei kein Wirt­schafts­wachs­tum zu rea­li­sie­ren, weil unse­re Gesell­schaft alte­re und immer weni­ger Arbeits­kräf­te her­vor­brin­ge. Gestrit­ten wird ledig­lich über die Fra­ge, ob und wie Immi­gra­ti­on regu­liert wer­den solle.

Daß ein Volk sei­ne Iden­ti­tät, sei­nen Cha­rak­ter und sei­ne Kin­der einem Ding opfert, das als Wirt­schaft­wachs­tum bezeich­net wird, ist erklä­rungs­be­dürf­tig. Der His­to­ri­ker und Wirt­schafts­jour­na­list (Wirt­schafts­wo­che) Fer­di­nand Knauß (Jg. 1973) ver­sucht weni­ger die Erklä­rung für die­ses Phä­no­men zu lie­fern als über­haupt erst ein­mal zu beleuch­ten, wie das Wirt­schafts­wachs­tum, von dem vor dem Ers­ten Welt­krieg noch nir­gends die Rede war, zu einer so mäch­ti­gen Vor­stel­lung wer­den konn­te, die jede ande­re aus­sticht. Die zen­tra­le Moti­va­ti­on derer, »die das Wachs­tums­pa­ra­dig­ma in die Welt setz­ten«, war von Anfang an: »Die Wachs­tums­wirt­schaft als gemein­sa­mes Mit­tel, um alles Betei­lig­ten zu Gewin­nern zu machen, indem alle mehr bekom­men und Ver­tei­lungs­kon­flik­te ent­schärft werden.«

Sei­nen Anfang nahm das Para­dig­ma mit der Erfin­dung des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts als volks­wirt­schaft­li­cher Gesamt­rech­nung aus Sicht der Pro­duk­ti­on, die zuerst in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ange­wandt und nach 1945 auf die gesam­te west­li­che Welt aus­ge­dehnt wur­de. Die Rede vom Wachs­tum war in Deutsch­land zuerst nach dem Ers­ten Welt­krieg zu ver­neh­men, als Infla­ti­on und Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen die Fra­ge nach der Leis­tungs­fä­hig­keit Deutsch­lands auf­war­fen. Nach­dem der Begriff des Wachs­tums eta­bliert war, galt er als siche­rer Grad­mes­ser für den Erfolg von Poli­tik. Dabei spiel­te die Pres­se eine ent­schei­den­de Rol­le, die die von halb­staat­li­chen Insti­tu­ten zuneh­mend zur Ver­fü­gung gestell­ten Zah­len ger­ne auf­nahm und verbreitete.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg stand der Durch­set­zung des Wachs­tums­pa­ra­dig­mas nichts mehr im Wege, zumal sich die Pres­se als wil­li­ger Mul­ti­pli­ka­tor anbot. Knauß unter­sucht anhand von FAZ, Spie­gel und Zeit, wie sich der Begriff immer mehr eta­blier­te und wel­che unkri­ti­sche Rol­le die Pres­se dabei spiel­te. Des­sen Erfolgs­lauf konn­ten auch Ölkri­se und die dar­aus resul­tie­ren­de Wachs­tums­kri­tik nicht auf­hal­ten, nicht ein­mal ent­schei­dend ver­zö­gern. In drei Inter­views mit Wirt­schafts­jour­na­lis­ten, die ihr Geld mitt­ler­wei­le alle unab­hän­gig von der Main­stream­pres­se ver­die­nen, wird deut­lich, daß die­ser Begriff nicht ein­mal intern hin­ter­fragt wur­de, so daß mit Tho­mas Kuhn wirk­lich von einem ech­ten Para­dig­ma gespro­chen wer­den kann.

Knauß sieht nahe­lie­gen­de Grün­de für die­se frei­wil­li­ge Gleich­schal­tung der Pres­se in bezug auf das Wachs­tums­pa­ra­dig­ma. Zum einen pro­fi­tier­te man vom Brut­to­so­zi­al­pro­dukt, weil es die zuvor eher rand­stän­di­gen Wirt­schafts­jour­na­lis­ten zu wich­ti­gen Mei­nungs­ma­chern erhob, zum ande­ren haben sich die­se Autoren in die Gefan­gen­schaft der Stan­dard­öko­no­mie bege­ben, aus der sie nur wie­der her­aus­fin­den kön­nen, wenn sie den Blick dafür gewin­nen, daß es sich auch bei der Wirt­schaft und ihrer Bewer­tung um his­to­ri­sche Phä­no­me­ne han­delt, die in zahl­lo­se ande­re Bedin­gungs­zu­sam­men­hän­ge ein­ge­bet­tet sind. Knauß hat als Ver­tre­ter sei­ner Zunft einen muti­gen Schritt in die­se Rich­tung unternommen.

Fer­di­nand Knauß Wachs­tum über Alles? kann man hier bestel­len.

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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