Tim Anderson: Der schmutzige Krieg gegen Syrien

Tim Anderson: Der schmutzige Krieg gegen Syrien. Washington, Regime Change und Widerstand, Marburg: Liepsen 2016. 274 S., 15 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Karin Leu­ke­feld: Syri­en zwi­schen Schat­ten und Licht. Men­schen erzäh­len von ihrem zer­ris­se­nen Land, Zürich: Rot­punkt­ver­lag 2016. 334 S., 24 €

Micha­el Som­mer: Syria. Geschich­te einer zerstörten Welt, Stutt­gart: Klett-Cot­ta 2016. 216 S., 16.95 €

Nach einem syri­schen Sprich­wort hat jeder Mensch zwei Zuhau­se: Das ers­te ist sein Geburts­land, das zwei­te ist Syri­en. Die­se freund­lich-fröh­li­che Prä­mis­se müs­sen seit 2011 tau­sen­de Men­schen aus aller Welt falsch ver­stan­den haben. Nach­dem der Krieg gegen Syri­en eska­lier­te, ström­ten sie in sun­ni­tisch-waha­bi­ti­sche Ter­ror-Mili­zen wie den Isla­mi­schen Staat (IS), um ein rechtgläubiges»Kalifat« dort zu errich­ten, wo das Zusam­men­le­ben der Reli­gio­nen, Kon­fes­sio­nen, Eth­ni­en und Stäm­me eine gewach­se­ne Tra­di­ti­on verkörperte.

Gewiß: Der Zustand des gren­zen­lo­sen Frie­dens wur­de auch in der anti­ken his­to­ri­schen Land­schaft »Syri­en« – die viel grö­ßer war als der heu­ti­ge Natio­nal­staat, näm­lich Paläs­ti­na, den Liba­non, den Süd­rand der Tür­kei, Tei­le Jor­da­ni­ens umfaß­te –, nie erreicht. Aber es lohnt sich der Blick in die frü­he Geschich­te, um die Bedeu­tung die­ses Kul­tur­raums zu begrei­fen, der seit Hero­dots Zei­ten als »Levan­te« bezeich­net und heu­te meist in Ver­bin­dung mit Krieg und Leid wahr­ge­nom­men wird. Micha­el Som­mer ermög­licht dem Leser in sei­ner his­to­ri­schen Tie­fen­schau Syria, die­se Geschich­te einer zer­stör­ten Welt zu verstehen.

Der Olden­bur­ger His­to­ri­ker behan­delt die heu­te bedroh­te 2000jährige Prä­senz des Chris­ten­tums im syri­schen Raum, gewährt Ein­bli­cke in die Viel­falt der anti­ken Kult­stät­ten wie Pal­my­ra und zeich­net die Rol­le der in Syri­en inter­ve­nie­ren­den Groß­mäch­ten von einst nach. Neben die­sen his­to­ri­schen Lek­tio­nen ver­deut­licht Som­mer die Rol­le der Levan­te als »Tran­sit­re­gi­on par excel­lence«, als bestän­di­gen Kno­ten­punkt ver­fein­de­ter Impe­ri­en, reich an Han­dels­we­gen und geo­po­li­tisch bedeut­sa­men Rou­ten. Dar­an hat sich bis in unse­re Tage nichts geän­dert, auch wenn heu­te weni­ger um Sei­de als um Öl kon­kur­riert wird und die ein­fal­len­den Mäch­te nicht Rom oder Byzanz hei­ßen, son­dern ein Pot­pour­ri aus der Tür­kei, Katar, Sau­di-Ara­bi­en und ihren meist isla­mis­ti­schen Stell­ver­tre­ter­mi­li­zen dar­stel­len. Auch die west­li­chen Län­der tra­gen Ver­ant­wor­tung für die Eska­la­ti­on der Lage.

Sie, die seit 2011 erfolg­los am Regime chan­ge arbei­ten, haben mit ihren Inter­ven­tio­nen zuguns­ten »mode­ra­ter Rebel­len« zum Tod bald einer hal­ben Mil­li­on Syrer und dem Zer­fall der syri­schen Nati­on bei­getra­gen. Dies wird in Tim Ander­sons Arbeit Der schmut­ze Krieg gegen Syri­en belegt. Der aus­tra­li­sche poli­ti­sche Öko­nom sam­melt Fak­ten zu den man­nig­fal­ti­gen Wur­zeln des Kon­flikts und kom­bi­niert die­se mit einer Ein­füh­rung in US-Plä­ne eines »Neu­en Mitt­le­ren Ostens«. Die klug aus­ge­wähl­ten Kapi­tel­su­jets ori­en­tie­ren sich an den gän­gi­gen Nar­ra­ti­ven der west­li­chen Main­stream-Medi­en. Punkt für Punkt wider­legt Ander­son so die anti­sy­ri­schen (und anti­rus­si­schen, antiira­ni­schen) Pro­pa­gan­da­my­then, die im säku­la­ren Prä­si­den­ten Baschar al-Assad einen »Schläch­ter« sehen, wäh­rend isla­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten als »Befrei­er« eti­ket­tiert wer­den. Ander­sons Stu­die ist – bei aller sach­li­chen Ana­ly­se – par­tei­isch geschrie­ben. Das liegt auch dar­an, daß er mit Syrern ver­schie­de­ner Kon­fes­sio­nen sprach, die ihm Ein­bli­cke gewähr­ten, die Home-Office-Jour­na­lis­ten des west­li­chen Haupt­stroms ver­wehrt blei­ben. Ohne­hin sind nur noch eine Hand­voll west­li­cher Jour­na­lis­ten in Syrien.

Zu ihnen zählt Karin Leu­ke­feld, die mit Flä­chen­brand (Köln 2015) und regel­mä­ßi­gen Berich­ten in klei­ne­ren Peri­odi­ka unter Beweis gestellt hat, daß sie Syri­ens viel­fäl­ti­ge Wider­sprü­che wie kaum eine zwei­te Per­son in Deutsch­land kennt. In Syri­en zwi­schen Schat­ten und Licht gelingt ihr nun der gro­ße Wurf: ein Syri­en-Lese­buch, das zum einen die Geschich­te des Lan­des von 1916 bis 2016 schreibt und zum ande­ren zahl­rei­che Syrer selbst zu Wort kom­men läßt. Zumin­dest für eine links sozia­li­sier­te Jour­na­lis­tin ist es erstaun­lich, daß sie die Anhän­ger der oppo­si­tio­nel­len – im Krieg aber an der Sei­te Assads ste­hen­den – Syri­schen Sozi­al­na­tio­na­lis­ti­schen Par­tei (SSNP) posi­tiv würdigt.

Deren Traum von »Groß­sy­ri­en« (Bilad ash-Sham), das die ein­gangs genann­ten Gebie­te des anti­ken Syri­ens umfas­sen soll und eine gesamt­sy­ri­sche Gro­ße Erzäh­lung in den Vor­der­grund stellt, erfährt der­zeit Zustim­mung in jenen Tei­len der syri­schen Jugend, denen die fol­gen­rei­che reli­giö­se Pola­ri­sie­rung ihres Lan­des zuwi­der ist. Die wach­sen­den Zah­len in Par­tei und Miliz lie­ßen das ein­fluß­rei­che US-Maga­zin For­eign Poli­cy bereits von der SSNP als kom­men­dem Fak­tor berich­ten. In der Tat ist es mög­lich, daß die syri­sche Regie­rung nach einem Neu­be­ginn, der den reli­giö­sen wie eth­ni­schen Ant­ago­nis­men ein mög­lichst aus­glei­chen­des Ende set­zen müß­te, auf die inte­gra­ti­ven Ideen der säku­la­ren Sozi­al­na­tio­na­len zurück­grei­fen wird. Leu­ke­feld stellt die­se – eben­so wie Model­le und Hoff­nun­gen ande­rer gesell­schaft­li­cher Grup­pen – ein­drucks­voll vor.

Alle genann­ten Bücher kann man hier bestel­len:

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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