Sezession
1. Oktober 2016

Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus.

Benedikt Kaiser

Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß.Kritische Neuausgabe mit Essays von Dietmar Dath und Christoph Türcke, hrsg. von Wladislaw Hedeler und Volker Külow, Berlin: Verlag 8. Mai 2016. 358 S., 24.90 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

»Es gibt«, schrieb Georges Labica einmal, »bestimmte Begriffe, die von ihrem Vermögen, die Realität zu erfassen, nichts an Klarheit eingebüßt haben. Imperialismus ist einer davon«, und man habe, fuhr der französische Philosoph fort, in der gegenwärtigen Phase der liberalkapitalistischen Globalisierung Lenins »neuen Imperialismus« in einem höheren Entwicklungsstadium erreicht. Labica, der Lenin im Kontext ebenjener Globalisierung neu interpretierte, bezog sich auf Lenins Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus(1917).

Allerdings gibt es in Deutschland immer weniger Linke, die diesen Befund teilen, die sich also der neoliberalen Entkernung ihrer Programmatik verweigern konnten. Die marxistische Tageszeitung junge Welt (jW) legt in ihrem Verlag gegen diesen Trend eine kritische Neuausgabe von Lenins Opus magnum vor. Sie enthält neben der Schlüsselschrift des Antiimperialismus selbst weitere Texte Lenins und eine erhellende Werkgeschichte aus den Federn Volker Külows und Wladislaw Hedelers, seines Zeichens Autor der bemerkenswerten Bucharin-Biographie (Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2015).

Eingeleitet wird die mehrjährige Fleißarbeit des Verlags indes durch zwei Essays: Dietmar Dath, FAZ-Feuilletonist, plädiert in seinem Beitrag »Text und Tat« für eine an Lenin ausgerichtete Reaktivierung antiimperialistischer Theorie und Praxis, während Christoph Türcke (vgl. Sezession 72) in »Deregulierter Imperialismus« Lenins Thesen an der Gegenwart des zeitgenössischen Kapitalismus und seiner geopolitischen wie -ökonomischen Verwerfungen prüft.

Von Lenin – der selbst eine sinistere Rolle als Vorgänger des Gewaltherrschers Stalins spielte – stammt die Erkenntnis, daß Imperialismus Gewaltpolitik zur Erweiterung der Hegemonie kapitalistischer Großmächte ist, wobei die imperialistische Phase des Kapitalismus mit der »Herrschaft der Monopole« und der Kapitalspekulation verbunden ist. Nicht zuletzt angesichts dieser Prämissen und der mittlerweile »gigantischen Ausmaße des in wenigen Händen konzentrierten Finanzkapitals« (Lenin) wird deutlich, daß auch in unseren Tagen die Problemstellung unverändert ist und Georges Labica recht hatte. Für Konservative könnte es sich in Anbetracht der perpetuierten Krisensituation des Kapitalismus fürderhin lohnen, bei Lenin statt bei Hayek in die Schule zu gehen.

Die Neuausgabe von Lenins Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus kann man hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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