1. Oktober 2016

Helmut Roewer: Unterwegs zur Weltherrschaft. Warum England den Ersten Weltkrieg auslöste und Amerika ihn gewann

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Eine Rezension von Lore Waldvogel

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Helmut Roewer: Unterwegs zur Weltherrschaft. Warum England den Ersten Weltkrieg auslöste und Amerika ihn gewann, Zürich: Scidinge Hall 2016. 363 S., 24.95 €

Das sukzessiv instabiler werdende Lügengebäude von der Schuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg erhält mit dem neuen Werk des Geheimdiensthistorikers Helmut Roewer einen weiteren, ernstzunehmenden Riß. Mit flotter Feder zeichnet der Autor die Entwicklungen nach, die zum Ersten Weltkrieg führten, und deckt eine groteske Propagandalüge nach der anderen auf. Die Lektüre ist ausgesprochen amüsant, die ganze Geschichte samt ihrer Folgen aber so tragisch, daß einem das Lachen im Hals steckenbleibt.

Nach Roewer war der Erste Weltkrieg ein von langer Hand geplanter Vernichtungsschlag gegen Deutschland, der durchaus zu verhindern gewesen wäre. Zu verantworten hat ihn vor allem eine arrogante Clique aus der englischen Upperclass. Das Motiv: Ausschaltung der Konkurrenz. Dabei ging es nicht nur um die Vernichtung eines wirtschaftlich erfolgreichen und technologisch überlegenen Deutschlands, sondern auch um das Ersticken einer Weltanschauung, die nicht mit Raffgier, sondern mit dem, was man wohl heute Nachhaltigkeit nennen würde, zum Ziel gelangte. So zumindest sah das damals der deutsche Kaiser: »Der Krieg ist der Kampf zwischen zwei Weltanschauungen: der germanisch-deutschen für Sitte, Recht, Treue und Glauben, wahre Humanität und echte Freiheit, gegen die angelsächsische, Mammondienst, Geldmacht, Genuß, Landgier, Lüge, Verrat, Trug und nicht zuletzt Meuchelmord! Diese beiden Weltanschauungen können sich nicht versöhnen oder vertragen (…)« (Kaiser Wilhelm II., Brief an Chamberlain vom 15. Januar 1917).

Roewers versucht, die historischen Vorgänge klar und verständlich zu umreißen und damit der Sichtweise unserer Vorfahren Gehör zu verschaffen, die der Eroberungssucht bezichtigt und als »German menace« diffamiert wurden. Anders als heute war »das perfide Albion« vielen Deutschen damals ein Begriff. »Heute, hundert Jahre nach den Ereignissen, wird es Zeit, die Kirche wieder ins Dorf zu rücken. Man nehme einmal Photoalben aus jenen Tagen zur Hand. Da kann man sie sehen, die Deutschen. (…) Nein, das ist kein Volk, das auszog, die Welt zu erobern. Vergeßt es.« Damit schreibt Roewer natürlich vor allem gegen den Mythos vom deutschen »Griff nach der Weltmacht« an, der maßgeblich von Fritz Fischer erfunden und von interessierten Kreisen so lange wiederholt wurde, bis er zum Dogma gerann. Seit der Veröffentlichung von Christopher Clarke (Die Schlafwandler, 2013) ist dieser Glaubenssatz nun auch in der Mitte der Gesellschaft gehörig ins Wanken geraten. Es ist Roewer und seiner Botschaft sehr zu wünschen, daß ihm diese ideologische Öffnung in Deutschland eine breitere Leserschaft verschafft, als dies noch vor fünf Jahren möglich gewesen wäre.

Roewers unakademischer Stil mag auf manchen Leser zunächst unseriös wirken, ist in den Augen der Rezensentin aber eine willkommene Abwechslung zu trockeneren Darstellungen und der Beweis, daß man komplexe historische Vorgänge auch unterhaltsam und in verständlicher Sprache schildern kann. Es ist das Werk eines Mannes, dessen eigene Geheimdiensttätigkeit sein Denken stark geprägt haben muß: Ein Reiz dieses Buches liegt auch darin, daß der Autor mit kriminalistischem Geschick entlegenen Quellen nachspürt, wie den Briefen von Geliebten besagter Kreise: »Jahrzehnte blieben die Aktionen der Hauptbeteiligten an der Auslösung des Ersten Weltkriegs verborgen, weil die Akteure ihre Spuren tilgen konnten. Doch sie hatten nicht mit ihren Geliebten gerechnet. Frances Stevenson führte Tagebuch über Lloyd Georges Mitteilungen und Venetia Stanley hob Hunderte Briefe von H.H. Asquith auf, während er ihre Antworten vernichtete.«

Roewer reiste nach England, um diese und andere Dokumente ausfindig zu machen. Sie erwiesen sich als Fundgrube, die die schlimmsten Befürchtungen bestätigte: Der Krieg war eben doch von langer Hand geplant – aber nicht von Deutschland. Ebenso erhellend wie der Blick auf England sind die Kapitel über die Rolle Amerikas und das Versagen der deutschen Führung.

Helmut Roewers Unterwegs zur Weltherrschaft kann man hier bestellen.

 

 


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