Helmut Roewer: Unterwegs zur Weltherrschaft. Warum England den Ersten Weltkrieg auslöste und Amerika ihn gewann

Eine Rezension von Lore Waldvogel

 Gastbeitrag

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Hel­mut Roewer: Unter­wegs zur Welt­herr­schaft. War­um Eng­land den Ers­ten Welt­krieg auslöste und Ame­ri­ka ihn gewann, Zürich: Sci­din­ge Hall 2016. 363 S., 24.95 €

Das suk­zes­siv insta­bi­ler wer­den­de Lügen­ge­bäu­de von der Schuld Deutsch­lands am Ers­ten Welt­krieg erhält mit dem neu­en Werk des Geheim­dienst­his­to­ri­kers Hel­mut Roewer einen wei­te­ren, ernst­zu­neh­men­den Riß. Mit flot­ter Feder zeich­net der Autor die Ent­wick­lun­gen nach, die zum Ers­ten Welt­krieg führ­ten, und deckt eine gro­tes­ke Pro­pa­gan­da­lü­ge nach der ande­ren auf. Die Lek­tü­re ist aus­ge­spro­chen amü­sant, die gan­ze Geschich­te samt ihrer Fol­gen aber so tra­gisch, daß einem das Lachen im Hals steckenbleibt.

Nach Roewer war der Ers­te Welt­krieg ein von lan­ger Hand geplan­ter Ver­nich­tungs­schlag gegen Deutsch­land, der durch­aus zu ver­hin­dern gewe­sen wäre. Zu ver­ant­wor­ten hat ihn vor allem eine arro­gan­te Cli­que aus der eng­li­schen Upper­class. Das Motiv: Aus­schal­tung der Kon­kur­renz. Dabei ging es nicht nur um die Ver­nich­tung eines wirt­schaft­lich erfolg­rei­chen und tech­no­lo­gisch über­le­ge­nen Deutsch­lands, son­dern auch um das Ersti­cken einer Welt­an­schau­ung, die nicht mit Raff­gier, son­dern mit dem, was man wohl heu­te Nach­hal­tig­keit nen­nen wür­de, zum Ziel gelang­te. So zumin­dest sah das damals der deut­sche Kai­ser: »Der Krieg ist der Kampf zwi­schen zwei Welt­an­schau­un­gen: der ger­ma­nisch-deut­schen für Sit­te, Recht, Treue und Glau­ben, wah­re Huma­ni­tät und ech­te Frei­heit, gegen die angel­säch­si­sche, Mam­mon­dienst, Geld­macht, Genuß, Land­gier, Lüge, Ver­rat, Trug und nicht zuletzt Meu­chel­mord! Die­se bei­den Welt­an­schau­un­gen kön­nen sich nicht ver­söh­nen oder ver­tra­gen (…)« (Kai­ser Wil­helm II., Brief an Cham­ber­lain vom 15. Janu­ar 1917).

Roewers ver­sucht, die his­to­ri­schen Vor­gän­ge klar und ver­ständ­lich zu umrei­ßen und damit der Sicht­wei­se unse­rer Vor­fah­ren Gehör zu ver­schaf­fen, die der Erobe­rungs­sucht bezich­tigt und als »Ger­man menace« dif­fa­miert wur­den. Anders als heu­te war »das per­fi­de Albi­on« vie­len Deut­schen damals ein Begriff. »Heu­te, hun­dert Jah­re nach den Ereig­nis­sen, wird es Zeit, die Kir­che wie­der ins Dorf zu rücken. Man neh­me ein­mal Pho­to­al­ben aus jenen Tagen zur Hand. Da kann man sie sehen, die Deut­schen. (…) Nein, das ist kein Volk, das aus­zog, die Welt zu erobern. Ver­geßt es.« Damit schreibt Roewer natür­lich vor allem gegen den Mythos vom deut­schen »Griff nach der Welt­macht« an, der maß­geb­lich von Fritz Fischer erfun­den und von inter­es­sier­ten Krei­sen so lan­ge wie­der­holt wur­de, bis er zum Dog­ma gerann. Seit der Ver­öf­fent­li­chung von Chris­to­pher Clar­ke (Die Schlaf­wand­ler, 2013) ist die­ser Glau­bens­satz nun auch in der Mit­te der Gesell­schaft gehö­rig ins Wan­ken gera­ten. Es ist Roewer und sei­ner Bot­schaft sehr zu wün­schen, daß ihm die­se ideo­lo­gi­sche Öff­nung in Deutsch­land eine brei­te­re Leser­schaft ver­schafft, als dies noch vor fünf Jah­ren mög­lich gewe­sen wäre.

Roewers unaka­de­mi­scher Stil mag auf man­chen Leser zunächst unse­ri­ös wir­ken, ist in den Augen der Rezen­sen­tin aber eine will­kom­me­ne Abwechs­lung zu tro­cke­ne­ren Dar­stel­lun­gen und der Beweis, daß man kom­ple­xe his­to­ri­sche Vor­gän­ge auch unter­halt­sam und in ver­ständ­li­cher Spra­che schil­dern kann. Es ist das Werk eines Man­nes, des­sen eige­ne Geheim­dienst­tä­tig­keit sein Den­ken stark geprägt haben muß: Ein Reiz die­ses Buches liegt auch dar­in, daß der Autor mit kri­mi­na­lis­ti­schem Geschick ent­le­ge­nen Quel­len nach­spürt, wie den Brie­fen von Gelieb­ten besag­ter Krei­se: »Jahr­zehn­te blie­ben die Aktio­nen der Haupt­be­tei­lig­ten an der Aus­lö­sung des Ers­ten Welt­kriegs ver­bor­gen, weil die Akteu­re ihre Spu­ren til­gen konn­ten. Doch sie hat­ten nicht mit ihren Gelieb­ten gerech­net. Fran­ces Ste­ven­son führ­te Tage­buch über Lloyd Geor­ges Mit­tei­lun­gen und Vene­tia Stan­ley hob Hun­der­te Brie­fe von H.H. Asquith auf, wäh­rend er ihre Ant­wor­ten vernichtete.«

Roewer reis­te nach Eng­land, um die­se und ande­re Doku­men­te aus­fin­dig zu machen. Sie erwie­sen sich als Fund­gru­be, die die schlimms­ten Befürch­tun­gen bestä­tig­te: Der Krieg war eben doch von lan­ger Hand geplant – aber nicht von Deutsch­land. Eben­so erhel­lend wie der Blick auf Eng­land sind die Kapi­tel über die Rol­le Ame­ri­kas und das Ver­sa­gen der deut­schen Führung.

Hel­mut Roewers Unter­wegs zur Welt­herr­schaft kann man hier bestel­len.

 

 

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