Theodore Dalrymple: Der Untergang Europas

Theodore Dalrymple: Der Untergang Europas. Literatur und Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft, Ideologie und Psychopathologie. Übersetzt von David Schah, Düsseldorf: Lichtschlag 2016, 108 S., 15.90 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die Rede davon, daß »frü­her alles bes­ser« gewe­sen sei: Für Fort­schritts­gläu­bi­ge ist das ein ermü­den­der Topos unver­bes­ser­li­cher Kon­ser­va­ti­ver. Die Alten kom­men mit dem Wan­del nicht klar, man kennt ja die uralten Sokra­tes-Text­stel­len über die ver­dor­be­ne Jugend, den Ver­lust der Manie­ren und­so­wei­ter. Aller­dings müß­te einer mal zäh­len, wie­viel »Ver­falls­kla­gen« heu­te ver­öf­fent­licht wer­den im Gegen­satz zu vor­an­ge­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten! Soviel Sit­ten­ver­fall wur­de sel­ten gewit­tert, geahnt, emp­fun­den. Soviel Miß­stands­li­te­ra­tur! Ist nicht lang­sam alles gesagt?

Nun, gewiß nicht so pro­fund, so nach­denk­lich und so elo­quent wie von Theo­do­re Dal­rymp­le in die­ser Samm­lung von acht Auf­sät­zen. Gewiß, ein Para­dox: aus dem Unter­gang Nek­tar zu sau­gen – allein, hier ist es der Fall. Dal­rymp­le ist das Pseu-donym des bri­ti­schen Psych­ia­ters Antho­ny Dani­els, Jahr­gang 1949. Der preis­ge­krön­te Essay­ist kennt die Welt (er war in Nord­ko­rea, in Libe­ria, er war Zaun­gast in mit­tel-ame­ri­ka­ni­schen Gue­ril­la­kämp­fen, arbei­te­te in Sim­bab­we und Tan­sa­nia), und er kennt ihre Bewoh­ner. Mit sol­cher Lebens- und Berufs­er­fah­rung taugt man kaum zum Opti­mis­ten. Nichts­des­to­we­ni­ger füllt dem Mis­an­thro­pen Dal­rymp­le nicht schwar­ze Gal­le die Feder, hier wird der nüch­ter­ne Blick eines über­aus bele­se­nen Tat­men­schen Wort. Zugleich hält der Autor (Sohn eines Kom­mu­nis­ten und einer deut­schen Jüdin) in jeder Hin­sicht maß: Er gei­ßelt die Über­frem­dung, ohne sich in natio­na­lis­ti­sche Gefil­de zu ver­ir­ren; er pran­gert die Sün­den des Wohl­fahrt­staa­tes an, ohne liber­tä­re Kon­sum­geil­heit aus den Augen zu ver­lie­ren, er ver­ach­tet Marx, schätzt aber Tur­gen­jew. Schwer zu sagen, wel­chen die­ser alle­samt her­vor­ra­gen­den Auf­sät­ze man am meis­ten rüh­men soll­te: Ist es der über den bri­ti­schen Natio­nal­cha­rak­ter? Ist es der über »Die Kul­tur der Unter­schicht«, in dem der Autor aus kli­ni­scher Erfah­rung über das »Anschwel­len des Aso­zia­len nicht nur in Groß­bri­tan­ni­en« schreibt?

Dal­rymp­le kennt die­se moder­nen Fami­li­en­ge­schich­ten zuhauf – Frau­en mit vier Kin­dern von drei Vätern, Män­ner mit fünf Kin­dern von vier Frau­en, alle sind unglück­lich, oft kri­mi­nell, sie nen­nen es »Depres­si­on«. Nie­mand hat die­se arm­se­li­gen Leu­te gezwun­gen, am Lauf­band unver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Und doch liegt eine Mit­schuld am Ent­ste­hen die­ses Sump­fes beim Staat (der die ent­spre­chen­den Für­sor­ge­ge­set­ze schuf) und bei sei­nen Intel­lek­tu­el­len (die einen per­mis­si­ven Lebens­wan­del beför­der­ten). Oder ist es der Auf­satz »Tot­ge­dacht«, in dem Dal­rymp­le erstaun­li­che Par­al­le­len zwi­schen der mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Ideo­lo­gie und dem Isla­mis­mus her­aus­ar­bei­tet? »Hin­ga­be an eine Ideo­lo­gie kann eine Ant­wort auf diver­se per­sön­li­che Pro­ble­me sein, und da per­sön­li­che Pro­ble­me sehr häu­fig vor­kom­men, über­rascht es nicht, daß eine gan­ze Rei­he von Men­schen Ideo­lo­gie als Gegen­gift wählt.« Mensch­heits­be­glü­ckungs­phan­ta­sien steht Dal­rymp­le – eine Art anglo­pho­ne Ver­si­on von Fried­rich Sieburg – skep­tisch gegen­über. Daß er den­noch kein Zyni­ker gewor­den ist, macht sei­ne Auf­sät­ze zu Perlen.

Theo­do­re Dal­rymp­les Der Unter­gang Euro­pas kann man hier bestel­len.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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