Hans Woller: Mussolini. Der erste Faschist.

Hans Woller: Mussolini. Der erste Faschist. Eine Biografie, München: C.H. Beck 2016. 397 S., 26.95 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die vor­lie­gen­de Mus­so­li­ni-Bio­gra­phie wird aller­or­ten gelobt. Der His­to­ri­ker Hans Wol­ler, hieß es etwa aner­ken­nend in der Zeit, »befreit sich aus dem Kor­sett der Wis­sen­schaft«. Es wird nach der Ein­lei­tung des Buches deut­lich, was damit gemeint ist, aller­dings ist die­ser Umstand eher zu bedau­ern denn zu loben. Was der Autor, immer­hin Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Zeit­ge­schich­te, vor­legt, ist kei­ne tief­schür­fen­de Ana­ly­se der Wen­de­punk­te und Wider­sprü­che in der Lebens­ge­schich­te eines Staats­man­nes, wie man es etwa von meh­re­ren Sta­lin-Bio­gra­phien kennt, son­dern eine Beur­tei­lung anhand nor­ma­ti­ver Maß­stä­be der Gegenwart.

Das allein wäre kein Grund, die Bio­gra­phie ent­täuscht bei­sei­te zu legen. Auch »enga­gier­te« Geschichts­schrei­bung kann lesens­wert sein, solan­ge sie auf rau­nen­de Spe­ku­la­tio­nen ver­zich­tet. Ein Bei­spiel für letz­te­res: Der jun­ge Mus­so­li­ni der Zeit vor 1914 habe bereits als revo­lu­tio­nä­rer Sozia­list die Stan­dard­wer­ke der Ras­sen­theo­re­ti­ker des 19. Jahr­hun­derts gele­sen. Dabei habe er sich bei der Lek­tü­re nicht expli­zit von den Inhal­ten distan­ziert, bejah­te gege­be­nen­falls also deren The­sen. In die­ser Logik hie­ße es also: Wer sich von gele­se­nen Büchern nicht öffent­lich distan­ziert, stimmt zu.

Es tre­ten wei­te­re Män­gel auf. Ein­mal wird Mus­so­li­ni in sei­ner Früh­pha­se als Anti­im­pe­ria­list gezeich­net, der gegen die Kolo­ni­al­aben­teu­er in Nord­afri­ka agi­tier­te. 80 Sei­ten spä­ter erfährt der Leser, daß Mus­so­li­ni schon als Kind und jun­ger Erwach­se­ner an den feh­len­den impe­ria­len Erfol­gen gelit­ten habe. Dann wer­den die euro­fa­schis­ti­schen Grup­pen der Comi­ta­ti d’Azione per l’Universalità di Roma (CAUR) Mus­so­li­nis vor­ge­stellt. Fast alle der inter­na­tio­na­len Teil­neh­mer beim Kon­greß von Mon­treux 1934 wer­den als Ras­sis­ten und Anti­se­mi­ten ange­führt. Die CAUR als »Vor­stu­fe zur faschis­ti­schen Inter­na­tio­na­le« (Hans Wer­ner Neu­len) waren jedoch expli­zit dar­um bemüht, Ras­sen­den­ken fern­zu­hal­ten: Vid­kun Quis­ling, Ver­tre­ter des Nas­jo­nal Sam­ling Nor­we­gens, ver­miß­te des­we­gen eine völ­ki­sche Schlag­sei­te, der Rumä­ne Ion Mot¸a monier­te das Feh­len des Anti­se­mi­tis­mus beim Gros der Teil­neh­mer, wor­auf­hin eine Debat­te um die soge­nann­te Juden­fra­ge entstand.

Die abschlie­ßen­de Reso­lu­ti­on ver­such­te sich am Spa­gat, daß jede Nati­on selbst fest­stel­len müß­te, was ihrer Inte­gri­tät nut­ze, daß eine inter­na­tio­na­le Kam­pa­gne gegen Juden indes kate­go­risch aus­zu­schlie­ßen sei. Völ­ki­sche Natio­na­lis­ten aller Län­der igno­rier­ten die CAUR daher und wand­ten sich NS-Deutsch­land zu.

Das könn­te ein ehe­ma­li­ger Chef­re­dak­teur der renom­mier­ten Vier­tel­jahrs­hef­te für Zeit­ge­schich­te wis­sen. Lei­der berich­tet Wol­ler aber ins­ge­samt wenig Erhel­len­des über Beni­to Mus­so­li­ni und den Faschis­mus; die gesam­te Bio­gra­phie kann auf den miß­glück­ten Ver­such redu­ziert wer­den, Mus­so­li­ni als drit­ten Satan neben Hit­ler und Sta­lin zu positionieren.

Auch sein Blick auf die ita­lie­ni­sche Gegen­wart erscheint zu ober­fläch­lich, zu pau­scha­li­sie­rend. Neo­fa­schis­ten in Ita­li­en wüß­ten »vom his­to­ri­schen Faschis­mus nicht viel«. Dort agier­ten »Hoo­li­gans« und ande­re gewalt­be­rei­te rechts­ra­di­ka­le Grup­pen mit »Ver­bin­dun­gen in die kri­mi­nel­le Unter­welt«. Bedau­er­li­cher­wei­se erweist sich Wol­ler auch hier als ein Autor, der das ethi­sche Unbe­ha­gen an sei­nem For­schungs­ge­gen­stand all­zu deut­lich und über­dies holz­schnitt­ar­tig darbietet.

Hans Wollers Mus­so­li­ni-Bio­gra­fie kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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