Sezession
25. Juli 2018

Das war’s. Diesmal mit: Auschwitz als Chance …

Ellen Kositza / 11 Kommentare

Schwulsein als Möglichkeit und Blutspinne als Pflicht.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

22. Juli -- Schweigend sitzen wir in einem Café in Kattowitz. Wir schweigen lange. Wir schweigen indiskret. Darf man das? „Der Lauscher an der Wand / hört seine eigne Schand.“ Ist es so? Und darf man ergänzen: „doch das Gespräch /war intressant“?

Rekonstruierbar ist (in aller Indezenz) dies: Es handelt sich offenkundig um fünf junge deutsche Frauen aus Westdeutschland, die vor einem Jahr ihr Abitur absolviert haben und sich nun auf einer gemeinsamen „Polenfahrt“ wiedertreffen.

Einige studieren bereits, andere haben „Auslandserfahrungen“ gesammelt. Eine merkt an, sie starte nun mit 1200 Euro Schulden ins Studium. Sie hat in Indien armen Kindern geholfen. Flug, Unterkunft etc. mußte sie selbst finanzieren. Eigentlich mache man das über Spendeneinwerbung in der Familie, der Nachbarschaft, bei Vereinen. Sie selbst, O-Ton, sei aber „zu doof dazu“ gewesen und habe sich zu wenig getraut. Aber sie habe heute „so einen Hals“, wenn sie sehe, wie Nachbarn, Familie etc. ihr Geld „verprassen“.

Eine lange Zeit hören wir Klagen übers Wetter. „In Deutschland brüten sie bei über 30 Grad, und wir haben hier Dauerregen.“ Viele dieser Gesprächsfetzen werden durch verbalisierte Netzkürzeln flankiert: „LOL“ sagt eine, „ROFL“ eine andere. Dem in dieser Hinsicht altmodischen Kubitschek muß ich das übersetzen: rolling on the floor laughing, auf Deutsch so viel wie: „sich vor Lachen auf dem Boden wälzen“.

Nun gibt es eine Art Streit. „Eine Art“ deshalb, weil dieses Gespräch (es geht darum, ob man in Polen ein italienisches Gericht bestellen kann, in Frage stehen moralische Gesichtspunkte) unter den Vorgaben einer psychotherapeutische Gruppensitzung abläuft. Immer wieder flankt entweder die Rothaarige oder die Haremshosenträgerin dazwischen: „Ich finde, Du solltest X komplett ausreden lassen.“ Oder: „Für mein Gefühl bist Du Y zu nahe getreten. Ich weiß nicht, wie Du selbst das siehst?“

Dann aber, beim Essen, geht es wirklich wild durcheinander. Ein potentielles Ausflugsziel wird diskutiert:

„Also, ich bin sehr für Auschwitz.“ – „Ohnee! Das wär noch mal eine Stunde Fahrt!“- „Also, ich wäre auch sehr dafür. Ich mein, so nah dran werde ich wohl in meinem Leben nicht mehr sein. Ich würd sagen, ich begreif das als einmalige Chance. Laßt uns hinfahren.“ – „Hm. Ich weiß nicht, aber Auschwitz reizt mich nicht so.“ – „Hm, ja… Nach allem, was ich gehört hab, also ich hab mich ein bißchen informiert, soll es auch nicht soo toll sein. Sehr kalt hat. Mal abgesehen vom Wetter.“- „Sehr kalt?? Du … ich mein, was erwartest Du?!“ - „Nee, bitte, versteh mich nicht falsch. Ich hab für mich einfach das Gefühl, daß ich das grad jetzt nicht aushalten würde. Ich meine, für so etwas muß man in Form sein.“

Eine vierte „Stimme der Vernunft“ schaltet sich ein: „ Heute Legendia [hab gegoogelt: ein Freizeitpark nahe Kattowitz], morgen Auschwitz, ey Leute, wir wollten doch vor allem chillen?“

Soweit wir das Nebentischgespräch verfolgen konnte, wurde 3: 2 gegen Auschwitz entschieden. Strikt demokratisch, klar. Kann man nicht erfinden, sowas.

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24. Juli -- Die Kleinste spielt mit ihren Freundinnen seit Tagen „wir hätten einen Laden“. (Aus Tonerde werden Keramikwaren hergestellt, mit Wasserfabe angepinselt und zum Minimalpreis feilgeboten.) Dann, „wir hätten ein Tierheim“ (es geht wiedermal mit dem ollen Kinderwagen samt Katzen- und Hasenbabies durchs Dorf.)

Und: „ Wir hätten einen Zirkus“, es gibt Trampolinakrobatik, Fahrradkunst, eine Ziegen- und eine Gänsenummer und natürlich toll gestaltete Eintrittskarten für alle Familienmitglieder und Verlagsmitarbeiter.

Es gibt ein kleines Problem, als Freundin M. vorschlägt, „wir wären schwul“.

Tochter: „Mama, Du findest es wahrscheinlich eh nicht soo toll, aber was soll man spielen, wenn man schwul wär? Die M. hat gesagt, man hört halt so coole Musik [Tochter weiß schon, wie man Gänsefüßchen in die Luft zeichnet], zieht sich schön an und hat viele Kinder. Mindestens drei, und aus allen Ländern. Aber wie sollen wir das machen? Und woher die Kinder überhaupt kommen sollen - weil schwul, Du weißt schon… - hab ich nicht verstanden.“

Es ist ohnehin gerade Mittagessenzeit, und Freundin M. ( aus traditionellem Dorfhaushalt mit vielen Kindern) wird angelegentlich ausgefragt: „Guckt Ihr Zu Hause eigentlich viel fern? Was genau? Was davon heimlich?“

Es ist exakt so, wie wir dachten.

Wir re-indoktrinieren ein wenig. M. sagt schließlich, Schwulsein habe sie sowieso nie wirklich spielen wollen. Wie solle das auch gehen?

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25. Juli -- Nachdem Wegfall der Schwulspieloption ist die „Töpferwerkstatt“ in Dauerbetrieb. Die Kleinen hocken unter dem Balkon im Schatten und manschen mit Lehm. Über ihnen: lauter Spinnennetze. Wir haben sie letzte Woche komplett weggefegt, sie sind wieder da.

Die Freundinnen ekeln sich manchmal. Ich belausche die Tochter bei ihren altklugen Erklärungen: „Also, der Heilige Konrad [ich kannte diese Geschichte gar nicht, E.K.] hat ja einen Kelch mit dem Blut Christi getrunken, obwohl darin eine Spinne saß. Aber es konnte das Blut ja nicht vergeuden. Also hat er’s ausgetrunken. Daran muß ich immer denken, wenn ich Spinnen sehe: Die tun uns ja nichts. Und wir müssen sie ja normalerweise nicht in den Mund nehmen.“

Die Freundinnen waren beeindruckt und pamperten weiter.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (11)

Maiordomus
25. Juli 2018 14:00

Unglaublich, dass Kinder, anstelle der Weltraumhelden von Internetspielen, noch Heilige auf eine Art und Weise identifizieren und von ihnen zu reden wissen, als ob es sich um Familienmitglieder handeln würde. Diese Erbschaft könnte möglicherweise noch nachhaltiger sein als die unvermeidlichen Konfrontationen mit dem politischen Ruf der Familie.

Am meisten beeindruckte mich bei dieser Geschichte der heilige Konrad, in gewissem Sinn auch Patron gegen die Arachnophobie. Für sein Naturverständnis war zum Beispiel der Rheinfall bei Neuhausen eine Wasserhölle, weswegen er mit seinem Genossen, dem heiligen Ulrich von Augsburg, zwei über der tosenden Gischt fliegende Reiher für abgeschiedene Seelen von Verstorbenen hielt, für die die beiden heiligen Bischöfe dann je eine Messe lasen. Die Reliquien des heiligen Konrad sind grossteils in einem kostbar gefassten Reliquiar im Kryptabereich des Konstanzer Münsters zur Verehrung ausgestellt, unweit der berühmten Mauritius-Rotunde, wo die Requisiten der Jakobspilger gesegnet wurden.

Bei der Spinnengeschichte geht es auch um eine Art Immunisierung gegen das Böse. Die Frage ist, ob dies einen Zusammenhang habe mit der oben erzählten Auschwitz-Geschichte. Auch dort liegt mutmasslich eine Art Immunisierungs-Prozess vor.

Ein gebuertiger Hesse
25. Juli 2018 14:58

Freilich, das "chillen" bekommt gegenüber dem "Chill" den Zuschlag, auch wenn letzterer ebenfalls seine wohlig-frösteligen Meriten hat, gerad wenn er bei KZ-Besuchen aufkommt. So ist sie eben, die letztverbliebene Jeunesse dorée. Und nur böse Zungen wie die hiesigen würden ihr das madig machen wollen. Aber die kann man zum Glück ignorieren.
"Jeder Generation sieht sich nicht zuletzt der Herausforderung gegenüber, in offene Messer zu laufen, die genau für sie aufgeklappt werden." (Dávila, dem Sinn nach)

wodantok
25. Juli 2018 15:38

Danke für diesen Artikel

RMH
25. Juli 2018 15:48

Dieser KL-Tourismus ist eben Teil der faktisch stattfindenden "Historisierung" des Themas - auch wenn sich die Politik dagegen stemmt wie gegen sonst nichts.

Dieses Phänomen ist sehr gut auch bei den deutschen KL zu beobachten. Ich habe schon vor Jahren bei einem Besuch des Lagers Buchenwald bspw. erlebt, wie 2 Lehrkräfte alle Hände voll zu tun hatten, die pubertierenden, kichernden und z.T. grölenden Schüler halbwegs im Zaum zu halten, zudem war Sommer und die Mädchen hatten fast nichts mehr an - stört ja sonst niemanden auf "Klassenfahrt". In Hot Pants und mit ner Cola Dose in der Hand mal eben mit Nike Sneakers an den Füßen über den Platz geschlurft, wo Tausende sowohl unter dem NS als unter dem kommunistischen Terror gelitten haben und gestorben sind (komplettes Versagen jeglicher Museumspädagogik). Ich empfand es damals als pietätslos und die Lehrer waren sicher froh, als der Tag vorbei war. Aber Hauptsache, der vom Staat verlangte Punkt der Fahrt zu einem KL kann auf dem Lehrplan abgehakt werden. Dieser Tourismus trägt mehr zur Profanisierung und Banalisierung der Geschichte bei, als alle "Revisionisten" zusammen bzw. deutlich mehr - ich stelle an diesem Punkt einmal die steile These auf, dass die H-Religion den Revisionisten und sogar den Leugner so notwendig hat, wie der wahre Glaube den Teufel und wenn es diese nicht gäbe, der entsprechende Glaube auch eher hinfällig würde (bitte dazu jetzt keine Grundlagendiskussion starten).

Das Ganze ist mittlerweile so ähnlich, wie man schon seit längerer Zeit eben belanglos an den Folterinstrumenten, mit denen dereinst Hexen und Hexer gequält wurden, im Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T. vorbeischlendert ... neudeutsch: .... wayne???

Maiordomus
25. Juli 2018 17:57

@RMH. Das, was Sie treffend ausführen, ist es wohl, was ich oben in einem in diesem Fall nicht gerade schmeichelhaften Sinne als "Immunisierung" gemeint habe.

nom de guerre
25. Juli 2018 19:06

Dass heutige junge bis sehr junge Menschen einen Besuch in Auschwitz nur als etwas erleben, was man eben macht, wenn man schon mal da ist, ist das unmittelbare Ergebnis des ständigen, ritualisierten Wiederaufwärmens dieses Themas gerade auch im Schulunterricht. Ich selbst war mal Teil eines solchen Klassenausflugs nach Buchenwald, wie @ RMH ihn beschreibt. Es muss irgendwann in der Mittelstufe gewesen sein, genau weiß ich es nicht mehr. Allerdings kann ich mich erinnern, dass ich diesen Anspruch an uns Schüler, jetzt gefälligst mal auf Knopfdruck betroffen zu sein, als Zumutung empfunden habe. Das, was dem Besucher dort an Schrecklichkeiten präsentiert wird, ist so monströs, dass es in den Alltag von Jugendlichen m.E. einfach nicht hineingehört. Jedenfalls nicht auf die Art, heute fahren wir nach Buchenwald, da gibt es dann eine Schautafel, wonach der Kommandant sich aus der Haut von toten Häftlingen Lampenschirme machen ließ (oder verwechsle ich das? war das nicht Buchenwald?), und morgen üben wir dann in Mathe wieder Wurzelziehen. Ach ja, und dass die Russen ab 45 das Lager fast übergangslos für andere missliebige Personen weiterverwendet haben und die Zustände dabei nicht wirklich besser waren, erwähnen wir bestenfalls in einem Nebensatz.
Über KZs und Verfolgung im Dritten Reich habe ich in meiner Studienzeit einiges gelesen (privat, nicht weil ich musste), unter anderem von Primo Levi, Jorge Semprun, Aleksandar Tisma oder auch die Erinnerungen von Marga Spiegel (ohne KZ), und habe aus jedem dieser Bücher mehr "mitgenommen", als es die offizielle Dauerbetroffenheit je vermocht hätte. Das mag aber auch daran liegen, dass keiner dieser Autoren (auch nicht Frau Spiegel) Teil des deutschen Vergangenheitsbewältigungskrampfs ist/war, der solche seltsamen Gespräche unter Abiturientinnen auf Reisen hervorbringt.

Rafael Wedel
25. Juli 2018 20:42

Also wenn die Schüler in der Oberstufe in „Darstellendes Spiel“ selbst eine Story ausdenken sollten, lief das eigentlich immer auf irgendwas mit Nazis oder irgendwas mit Schwulen hinaus. Nicht vom Lehrer kommend und auch von unpolitischen Schülern. Tägliche Indoktrination über alle Kanäle halt.

Fredy
25. Juli 2018 22:26

Ich hab nur gute Erinnerungen an Buchenwald und Auschwitz. Darf man das eigentlich so sagen? Viele Aha-Erlebnisse. Schluckaufgefahr.

MartinHimstedt
26. Juli 2018 00:04

Wie bereits auf der SiN erwähnt, ging ich auf eine Problemschule mit einer muslimischen/migrantischen Mehrheit. In der Grund- oder Hauptschule besuchten wir ebenfalls ein KZ. Und meinen Mitschülern aus dem sonnigen Süden, die sich bereits vorher durch einen latenten Antisemitismus auszeichneten, fanden es dort so toll, dass sie Hakenkreuze ins Besucherbuch malten. Dieses Erlebnis und die Tatsache, dass sich Opa und Oma im KZ kennengelernt haben, muss ausreichend sein. Ich wähle also ebenfalls den Freizeitpark in Kattowitz.

Sandstein
26. Juli 2018 09:17

Danke an EK. Immer wieder eine Macht diese Texte!

Ich war mit 15 Jahren ein Jahr im polnischen Ausland, musste notgedrungen 3x auf Exkursionen nach Auschwitz. Die Ankunft vor dem Lagertor in Buchenwald werde ich nie vergessen können, da hat sich eine Melange aus Eindruck, Geruch und Stimmung eingebrannt.
Jeder sollte mal da gewesen sein. Aber natürlich nur, wenn es nicht zu unchillig ist.

Gibt es eigentlich eine Begründung, warum 5 Kerle die nach Polen in den Puff fahren und sich bei jedem Stopp an der Tankstelle grenz-debil über Autos, PS und wasweißich unterhalten, als Proleten gelten, diese jungen Fräuleins, die ähnlich viel auf dem Kasten haben dürften wie die "5Kerle", aber gesellschaftlich als gebildete und engagierte Zukunftshoffnung durchgehen? Das frappiert mich immer wieder.
Und das ist genau die Sorte Mensch, die später in Redaktionsstuben sitzt, und ihr Herz ausschüttet.

Na Klasse -_-

Leser
29. Juli 2018 01:02

Ich erinnere mich schwach, mit einer größeren Zahl von FDJ'lern abends auf Armeelastern in die Buchenwald - Gedenkstätte gefahren zu sein, für irgendeine monströse Veranstaltung. Später bin ich nochmal alleine mit dem Fahrrad hoch und habe den langweiligen Monumentalbau auf mich wirken lassen. Heute wandere wir gerne auf der anderen Seite des Berges (Schloß Ettersburg, schöne Gegend) - das "Thema" interessiert niemand mehr.

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