Sophie Wahnich: Freiheit oder Tod. Über Terror und Terrorismus

Sophie Wahnich: Freiheit oder Tod. Über Terror und Terrorismus (= Fröhliche Wissenschaft, Bd. 89), Berlin: Matthes & Seitz Berlin 2016. 222 S., 15 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Mit gro­ßen Erwar­tun­gen liest man die­ses Buch. Sla­voj Žižek ist dafür ver­ant­wort­lich. In sei­nem Vor­wort bezeich­net der inter­es­san­tes­te zeit­ge­nös­si­sche Den­ker der radi­ka­len Lin­ken Sophie Wahnichs Frei­heit oder Tod als eines der raren Wer­ke, auf das man regel­recht gewar­tet habe, so bedeu­tend sei es. Das bereits 2003 in Frank­reich erschie­ne­ne Buch tref­fe den Kern heu­ti­ger ethisch-poli­ti­scher Pro­ble­ma­tik, obwohl (oder weil?) es eine Abhand­lung über die Gewalt­fra­ge in Zei­ten der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on dar­stellt. Das Kern­an­lie­gen der fran­zö­si­schen His­to­ri­ke­rin ist es dabei, revo­lu­tio­nä­re poli­ti­sche Emo­tio­nen ver­ständ­lich zu machen und zu zei­gen, daß die Gewalt, die Frank­reich 1789 und 1793/94 traf, man­gels gang­ba­rer poli­ti­scher Alter­na­ti­ven fol­ge­rich­tig war.

Wahnich will die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on in ihrer Gesamt­heit reha­bi­li­tie­ren, und sie meint damit die inte­gra­le Revo­lu­ti­ons­ge­schich­te, kei­nen ent­kof­fe­inier­ten Kaf­fee, also: kei­ne Schei­dung von begrü­ßens­wer­ten heh­ren Idea­len (Men­schen- und Bür­ger­rechts­er­klä­rung, Abschaf­fung der Feu­dal­zu­stän­de) einer­seits und abzu­leh­nen­der Grün­dungs­ge­walt (»La ter­reur«) ande­rer­seits, son­dern die Affir­ma­ti­on einer his­to­ri­schen Zäsur mit all ihren ver­stö­ren­den Frei­set­zun­gen zer­stö­re­ri­scher Gewalt auch wäh­rend der Schre­ckens­herr­schaft (Sep­tem­ber 1793 bis Juli 1794). Ihre Argu­men­ta­ti­on ver­läuft über­wie­gend in klas­si­schen Bah­nen: Ein umwäl­zen­der gesell­schaft­li­cher Pro­zeß rufe die kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Kräf­te auf den Plan, die­se wür­den den gesam­ten Akt der Revo­lu­ti­on gefähr­den, so daß das Schwert die ein­zi­ge nach­hal­ti­ge Opti­on bleibt, den Bestand der Revo­lu­ti­on und das begon­ne­ne, eman­zi­pa­to­ri­sche Auf­bau­werk der Repu­blik zu bewahren.

Inter­es­san­ter ist Wahnichs Ver­weis auf die Kern­an­lie­gen der Revo­lu­tio­nä­re, denn sie ver­mit­telt die Revo­lu­ti­ons­ge­schich­te als (stark idea­li­sier­te) Volks­ge­schich­te; dem­entspre­chend resul­tiert bei ihr die Gewalt des sich erhe­ben­den Vol­kes aus den Klas­sen­ant­ago­nis­men des vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reich. Wahnich lehnt dabei die gän­gi­ge Vor­stel­lung der Revo­lu­tio­nä­re als Ansamm­lung fana­ti­scher Ega­li­ta­ris­ten ab, viel­mehr habe es gegol­ten, in einem Akt der strik­ten Dis­zi­pli­nie­rung der Gesell­schaft »die Arbeit dem Müßig­gang ent­ge­gen­zu­hal­ten, die Tugend dem Las­ter«, und der Arbeit an sich wie­der Wert zu geben gegen­über der arbeits­ver­höh­nen­den Deka­denz der Feu­dal­her­ren. Für die­se Argu­men­ta­ti­on zieht sie Robes­pierre her­an, der die »Gleich­heit aller Güter« für eine »Schi­mä­re« hielt:»Es gilt viel eher, die Armut ehr­bar zu machen, als den Über­fluß zu ver­bie­ten«, so der jako­bi­ni­sche Scharfmacher.

Ange­sichts die­ses Aspekts, den Wahnich aus­führ­lich dar­legt, wird ver­ständ­li­cher, wie­so so unter­schied­li­che Den­ker der poli­ti­schen Rech­ten des 20. Jahr­hun­derts – dar­un­ter der Natio­nal­bol­sche­wist Ernst Nie­kisch und der Euro­fa­schist Mau­rice Bar­dè­che – Gefal­len am ple­be­ji­schen, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes spar­ta­ni­schen Geist der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on fan­den. Deren in Auf­sät­zen und Büchern publi­zier­te Sym­pa­thien für die sozia­le Dimen­si­on von 1789ff. sind heu­te kaum noch prä­sent. Es ist dies auch der Grund, wes­halb sich die Lek­tü­re der Wahnich-Schrift als Ergän­zung der Stan­dard­li­te­ra­tur zur Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on lohnt: Jen­seits der in der Rech­ten übli­chen pau­scha­len Revo­lu­ti­ons­ver­dam­mung im Zei­chen der Gegen­re­vo­lu­tio­nä­re à la Joseph de Maist­re bie­tet Wahnich gewis­ser­ma­ßen einen Blick von unten auf die blu­ti­gen Ereig­nis­se von damals. Die­se – wie­der: im Wort­sin­ne – popu­lis­ti­sche Sicht auf die Din­ge gefällt natür­lich Žižek, der schon län­ger recht ein­sam einen neu­en, for­schen Blick auf die Gewalt­fra­ge als Grün­dungs­mo­tor einer Revo­lu­ti­on fordert.

Weni­ger erhel­lend ist indes das Nach­wort Wahnichs, das unter dem Ein­druck der Ter­ror­an­schlä­ge in Frank­reich vom Janu­ar und Novem­ber 2015 ent­stand. Sie ver­zet­telt sich hier­bei in ste­reo­ty­per, links­re­pu­bli­ka­ni­scher Phra­seo­lo­gie: Die Auf­klä­rung müs­se gegen jed­we­de Extre­me ver­tei­digt wer­den, der Erhalt der moder­nen Gesell­schaft erfor­de­re täg­li­che Anstren­gung aller, die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on und ihre Idea­le dürf­ten nicht ver­ab­schie­det wer­den. Sophie Wahnich ist His­to­ri­ke­rin und For­schungs­di­rek­to­rin am renom­mier­ten Cent­re natio­nal de la recher­che sci­en­ti­fi­que in Paris. Ihre Stär­ke ist die par­tei­ische »gro­ße Erzäh­lung« der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, gewiß kei­ne Gegenwartsanalyse.

Sophie Wahnichs Frei­heit oder Tod kann man hier bestel­len.

 

 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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