Sezession
1. August 2016

Ulrich Kutschera: Das Gender- Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen

Ellen Kositza

Ulrich Kutschera: Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen, Berlin: LIT Verlag 2016. 440 S., 24.90€

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Gibt es wirklich noch was zu sagen an der Gender-Front? Oh ja! Der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, Lehrstuhl-inhaber an der Universität Kassel, scheint hierfür berufen zu sein: nämlich als Vertreter einer Real- und nicht einer Verbal(vulgo: Geschwätz-)wissenschaft. Mit seinen Einlassungen gegen die allumfassende, passend »Mainstream« genannte Gendermode hatte Kutschera im vergangenen Jahr für Turbulenzen gesorgt. Was war ihm vorzuwerfen? Nichts, außer daß er schwer hintergehbare Forschungsergebnisse einem geschlechterpolitischen Umerziehungswahn gegenübergestellt hatte! Mit seinem nun erschienenen umfangreichen Buch inklusive mehrerer hundert Literaturangaben strebt er an, »die letzten Nägel in den Sarg der Gender-Ideologie zu schlagen«.

In zehn Kapiteln (betitelt etwa: »Biomedizin und der Psychoterror der Moneyistisch indoktrinierten Mann-Weiber«) geht Kutschera dem »Gegendere« auf den Grund. Man liest das keineswegs ohne Erkenntnisgewinn. Daß »Sex« (heute als »biologisches Geschlecht« im Gegensatz zum soziokulturell erworbenen Rollenmodell apostrophiert) seit mindestens 1750 in der Biologie für sexuelle Reproduktion und nicht für »Geschlecht« oder»folgenlose erotische Akte« steht: wissenswert! Daß in 54 Studienfächern von Agrarwissenschaft bis Zoologie, vollzogen durch Gleichstellungsbeamtinnen, (unwissenschaftliche) »Genderaspekte« in die Lehre aufgenommen werden sollen: Man staune! Daß die genetische Differenz zwischen Mann und Frau ungefähr 15mal größer ist als jene zwischen Mann und Mann, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit: interessant! Man läse all dies gern auf ein- oder zweihundert Seiten ausgebreitet.

Darum muß man es nachgerade als Unglück bezeichnen, daß Kutschera hier, offenkundig unlektoriert (sogar ein simples Korrektorat fehlte, was an dutzendfachen Kommafehlern sowie Stilblüten wie dem »hessischen Komponisten« Georg Philipp Telemann ersichtlich wird), ein paar Fässer zu viel eröffnet und seinen Bogen überspannt. Was muß der geneigte Leser erdulden! Erstens eine oft unschöne Sprache. Die flapsige Redewendung »nach dem Motto« (kaum der »Realwissenschaft« verpflichtet) feiert hier fröhliche Urständ’. Zweitens zig Nebensächlichkeiten. Sollten die Lebensdaten des Musiklehrers der Kinder des Evolutionstheoretikers August Weismann wirklich von Belang sein? Oder Anzahl und Inhalt der Online-Kommentare zu Kutschera-Artikeln?

Drittens ist es so, daß Kutschera sich einen Ruf als Kämpfer gegen den Schöpfungsglauben erworben hat. Mit »Jesus-Fanatikern« jeglicher Couleur mag er nichts zu tun haben; die denkbare Anti-Gender-Querfront zwischen religiösen Menschen und Biologen ist mit Kutschera definitiv nicht zu haben. An gleichsam transzendente Stelle rückt bei Kutschera eine Jahreszahlenmanie: Es gibt ein symbolträchtiges Mayr-Jahr 2015 (10. Todestag des Evolutionstheoretikers Ernst Mayr), ein raunend-bedeutsames Weismann-Jahr (2014, 100. Todestag Weismanns). Sogar, daß ein Schreiben des hessischen Gleichstellungsbüros just »24 Stunden nach dem 100. Todestag des Evolutionsforschers« Alfred Russell Wallace empfangen wurde, wird hier zum Zeichen.

Viertens versucht Kutschera ungelenk, sich gegen den Ruf eines »Reaktionärs« zu verteidigen. Immerhin hatte er als Mentor einmal eine vielversprechende Biologin unterstützt (entsprechende Urkunde ist abgebildet)! Immerhin weiß er, daß Frauen früher als »Gebär- und Kinderaufzuchtswesen« mißbraucht wurden! Diese frauenfreundlich formulierten Bemühungen allerdings unterlaufen eine Vielzahl anderer Einlassungen. Etwa Kutscheras Zustimmung zur überkommenen Volksweisheit »Mädchen, die pfeifen, Hühnern, die krähen, denen soll man beizeiten die Hälse umdrehen«.

Oder das Nicken zu ulkigen misogynen Bemerkungen sowohl Darwins als auch Schopenhauers, die laut Kutschera nach dem »Prinzip der unabhängigen Evidenz nicht komplett falsch sein können.« Über Kutscheras Großwerk zu sagen, es folge dem Leitspruch »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß«, wäre der geringste Vorwurf. Man wünschte sich, daß dieses in vielerlei Hinsicht ausschweifende und aufgeregte Elaborat durchgeschüttelt, ausgelüftet und auf seine fraglosen Treffer reduziert würde.

Ulrich Kutscheras Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen kann man hier bestellen  .

 

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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