Ulrich Kutschera: Das Gender- Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen

Ulrich Kutschera: Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen, Berlin: LIT Verlag 2016. 440 S., 24.90€

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Gibt es wirk­lich noch was zu sagen an der Gen­der-Front? Oh ja! Der Evo­lu­ti­ons­bio­lo­ge Ulrich Kut­sche­ra, Lehr­stuhl-inha­ber an der Uni­ver­si­tät Kas­sel, scheint hier­für beru­fen zu sein: näm­lich als Ver­tre­ter einer Real- und nicht einer Verbal(vulgo: Geschwätz-)wissenschaft. Mit sei­nen Ein­las­sun­gen gegen die all­um­fas­sen­de, pas­send »Main­stream« genann­te Gen­der­mo­de hat­te Kut­sche­ra im ver­gan­ge­nen Jahr für Tur­bu­len­zen gesorgt. Was war ihm vor­zu­wer­fen? Nichts, außer daß er schwer hin­ter­geh­ba­re For­schungs­er­geb­nis­se einem geschlech­ter­po­li­ti­schen Umer­zie­hungs­wahn gegen­über­ge­stellt hat­te! Mit sei­nem nun erschie­ne­nen umfang­rei­chen Buch inklu­si­ve meh­re­rer hun­dert Lite­ra­tur­an­ga­ben strebt er an, »die letz­ten Nägel in den Sarg der Gen­der-Ideo­lo­gie zu schlagen«.

In zehn Kapi­teln (beti­telt etwa: »Bio­me­di­zin und der Psy­cho­ter­ror der Money­is­tisch indok­tri­nier­ten Mann-Wei­ber«) geht Kut­sche­ra dem »Gegen­de­re« auf den Grund. Man liest das kei­nes­wegs ohne Erkennt­nis­ge­winn. Daß »Sex« (heu­te als »bio­lo­gi­sches Geschlecht« im Gegen­satz zum sozio­kul­tu­rell erwor­be­nen Rol­len­mo­dell apo­stro­phiert) seit min­des­tens 1750 in der Bio­lo­gie für sexu­el­le Repro­duk­ti­on und nicht für »Geschlecht« oder»folgenlose ero­ti­sche Akte« steht: wis­sens­wert! Daß in 54 Stu­di­en­fä­chern von Agrar­wis­sen­schaft bis Zoo­lo­gie, voll­zo­gen durch Gleich­stel­lungs­be­am­tin­nen, (unwis­sen­schaft­li­che) »Gen­der­aspek­te« in die Leh­re auf­ge­nom­men wer­den sol­len: Man stau­ne! Daß die gene­ti­sche Dif­fe­renz zwi­schen Mann und Frau unge­fähr 15mal grö­ßer ist als jene zwi­schen Mann und Mann, unab­hän­gig von der eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit: inter­es­sant! Man läse all dies gern auf ein- oder zwei­hun­dert Sei­ten ausgebreitet.

Dar­um muß man es nach­ge­ra­de als Unglück bezeich­nen, daß Kut­sche­ra hier, offen­kun­dig unlek­to­riert (sogar ein simp­les Kor­rek­to­rat fehl­te, was an dut­zend­fa­chen Kom­ma­feh­lern sowie Stil­blü­ten wie dem »hes­si­schen Kom­po­nis­ten« Georg Phil­ipp Tele­mann ersicht­lich wird), ein paar Fäs­ser zu viel eröff­net und sei­nen Bogen über­spannt. Was muß der geneig­te Leser erdul­den! Ers­tens eine oft unschö­ne Spra­che. Die flap­si­ge Rede­wen­dung »nach dem Mot­to« (kaum der »Real­wis­sen­schaft« ver­pflich­tet) fei­ert hier fröh­li­che Urständ’. Zwei­tens zig Neben­säch­lich­kei­ten. Soll­ten die Lebens­da­ten des Musik­leh­rers der Kin­der des Evo­lu­ti­ons­theo­re­ti­kers August Weis­mann wirk­lich von Belang sein? Oder Anzahl und Inhalt der Online-Kom­men­ta­re zu Kutschera-Artikeln?

Drit­tens ist es so, daß Kut­sche­ra sich einen Ruf als Kämp­fer gegen den Schöp­fungs­glau­ben erwor­ben hat. Mit »Jesus-Fana­ti­kern« jeg­li­cher Cou­leur mag er nichts zu tun haben; die denk­ba­re Anti-Gen­der-Quer­front zwi­schen reli­giö­sen Men­schen und Bio­lo­gen ist mit Kut­sche­ra defi­ni­tiv nicht zu haben. An gleich­sam tran­szen­den­te Stel­le rückt bei Kut­sche­ra eine Jah­res­zah­len­ma­nie: Es gibt ein sym­bol­träch­ti­ges Mayr-Jahr 2015 (10. Todes­tag des Evo­lu­ti­ons­theo­re­ti­kers Ernst Mayr), ein rau­nend-bedeut­sa­mes Weis­mann-Jahr (2014, 100. Todes­tag Weis­manns). Sogar, daß ein Schrei­ben des hes­si­schen Gleich­stel­lungs­bü­ros just »24 Stun­den nach dem 100. Todes­tag des Evo­lu­ti­ons­for­schers« Alfred Rus­sell Wal­lace emp­fan­gen wur­de, wird hier zum Zeichen.

Vier­tens ver­sucht Kut­sche­ra unge­lenk, sich gegen den Ruf eines »Reak­tio­närs« zu ver­tei­di­gen. Immer­hin hat­te er als Men­tor ein­mal eine viel­ver­spre­chen­de Bio­lo­gin unter­stützt (ent­spre­chen­de Urkun­de ist abge­bil­det)! Immer­hin weiß er, daß Frau­en frü­her als »Gebär- und Kin­der­auf­zucht­s­we­sen« miß­braucht wur­den! Die­se frau­en­freund­lich for­mu­lier­ten Bemü­hun­gen aller­dings unter­lau­fen eine Viel­zahl ande­rer Ein­las­sun­gen. Etwa Kut­sche­ras Zustim­mung zur über­kom­me­nen Volks­weis­heit »Mäd­chen, die pfei­fen, Hüh­nern, die krä­hen, denen soll man bei­zei­ten die Häl­se umdrehen«.

Oder das Nicken zu ulki­gen miso­gy­nen Bemer­kun­gen sowohl Dar­wins als auch Scho­pen­hau­ers, die laut Kut­sche­ra nach dem »Prin­zip der unab­hän­gi­gen Evi­denz nicht kom­plett falsch sein kön­nen.« Über Kut­sche­ras Groß­werk zu sagen, es fol­ge dem Leit­spruch »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß«, wäre der gerings­te Vor­wurf. Man wünsch­te sich, daß die­ses in vie­ler­lei Hin­sicht aus­schwei­fen­de und auf­ge­reg­te Ela­bo­rat durch­ge­schüt­telt, aus­ge­lüf­tet und auf sei­ne frag­lo­sen Tref­fer redu­ziert würde.

Ulrich Kut­sche­ras Das Gen­der-Para­do­xon. Mann und Frau als evol­vier­te Men­schen­ty­pen kann man hier bestel­len  .

 

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (2)

Brandolf

24. Oktober 2020 16:30

Von der mit Berechtigung zu beanstandenden sprachlichen Qualität des Inhalts abgesehen, handelt es sich bei dieser Publikation, um ein zeitgenössisches Werk der wissenschaftlichen Aufklärung.

Brandolf

30. Dezember 2020 20:21

Die korrekturbedürftige Sprachqualität des Inhalts dieser Publikation liegt in der Tatsache begründet, dass Herr Kutschera ein viel beschäftigter Mann ist, dessen zeitliche Kapazitäten von dringlicheren Angelegenheiten als Forscher in Anspruch genommen werden. Er musste wohl deshalb auf etwaige Korrekturen nach der Fertigstellung des Buches verzichten.