Sezession
18. Juni 2009

Der dialektische Herr Habermas (Fundstücke 4)

Martin Lichtmesz

H&HAuch ich möchte Jürgen Habermas zum Geburtstag gratulieren, und zwar mit einem Fundstück "aus dem Panzerschrank des Instituts für Sozialforschung", das Hans-Dietrich Sander von Jacob Taubes zugespielt kam.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Er veröffentlichte  folgende Auszüge eines Briefes von Max Horkheimer an Theodor Adorno in seinem Buch Die Auflösung aller Dinge (1988). Mag sich Habermas später als legitimer Adept der Frankfurter Schule inszeniert haben - Tatsache ist, daß deren Protagonisten, denen er offenbar gehörig auf den Nerv gegangen ist, die Sache eher gegenteilig sahen.

Horkheimer wunderte sich nach Sanders Referat schon am 27. September 1958, wie dieser -

... begabte, unablässig auf geistige Überlegenheit sich verweisende Mensch ... bei uns sein kann, ohne im Geringsten seine Erfahrung über die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erweitern." Horkheimer wandte gegen Habermas ein, daß der "dialektische Herr H." in seiner Interpretation der Schriften von Marx und Engels, einer "intelligenten, sorgfältig disponierten und freilich eitlen Arbeit" mit "zu Clichees erstarrten Normen" vorging und von allem absah, "was ihr eigentliches Leben ausmacht". Er nannte ihn schlicht "historisch ahnungslos" und warf ihm vor, von "konkreten Analysen", in denen eine materialistische Kritik an allen historischen Verhältnissen ihre Kräfte zu messen hätte, nur zu reden, aber außer Überzeugungen, was ihr Resultat sein werde, nichts mitzuteilen.

Horkheimer führte das auf Gebrechen "an bon sens und an geistigem Takt" zurück, auf "Mangel an gesellschaftlichem Verständnis" und  "Unfähigkeit zur Versöhnung mit sich selbst". Bei Habermas wimmele es von

Mahnungen zur Empirie, zur praktisch-politischen Aktivität der Philosophie, zum Bewußtsein, daß sie "mit der Reflexion der Lage anhebt, in der sie sich vorfindet", aber in Wahrheit schert sich H. den Teufel darum, wie sein zentraler Begriff von der Geschichte affiziert wird, und ob er nicht längst ins Gegenteil umgeschlagen ist. Revolution bleibt ihm eine Art affirmativer Idee, die verendlichtes Absolutum, einen Götzen der Kritik und kritische Theorie, wie wir sie meinen, gründlich verfälscht.

Im Gegensatz zu dieser Schüler-"Pose" erklärte der Meisterkritiker der instrumentellen Vernunft:

Es gibt Epochen, in denen es darauf ankommt, die Änderung womöglich zu verhindern, und nicht Geschichte zu machen. Ob Europa zu einem solchen Widerstand noch Kraft besitzt, ist überaus zweifelhaft, umso mehr als von hier die unwiderstehliche Entwicklung ihren Ausgang nahm. Wenn H. von dieser Kraft einen bescheidenen Teil bilden will, muß er lernen, eigene Erfahrungen zu machen und zu formulieren anstatt fremde Formulierungen einzuüben.

Und am Ende des Briefes forderte Horkheimer Adorno gar auf, Herrn H. mehr oder weniger abzuwimmeln:

Lassen Sie uns zur Aufhebung der bestehenden Lage schreiten, und ihn in Güte dazu bewegen, seine Philosophie irgendwo anders aufzuheben und zu verwirklichen.

Sander kommentierte:

Jürgen Habermas sollte kein Werk schreiben, das diese Kritik überholt hätte. Er hat dagegen ungerührt seine repressiven Neigungen kultiviert. "Keine Sentimentalitäten, wir befinden uns im Bürgerkrieg", war seine Parole, als es darum ging, eine Berufung Armin Mohlers zu verhindern. Philosophie wurde ihm kompakt zur instrumentellen Vernunft. (...) Wenn Jürgen Habermas Professoren des Kaiserreichs, darunter Max Weber, als Mandarine bezeichnete, muß man ihn schon mit einem Papst von unfehlbarer geistiger Empfängnis vergleichen; er bringt selbst in Rezensionsangelegenheiten landauf landab, soweit die Kommunikationsbeziehungen reichen, Kulturredaktionen zum Kuschen.

In diesem Sinne!


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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