Till Zimmermann, Nikolas Dörr: Gesichter des Bösen. Verbrechen und Verbrecher des 20 Jahrhunderts

Till Zimmermann, Nikolas Dörr: Gesichter des Bösen. Verbrechen und Verbrecher des 20 Jahrhunderts, mit einem Geleitwort von Heribert Prantl, Bremen: Donat 2015. 288 S. 19.80 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Till Zim­mer­mann ist Rechts­wis­sen­schaft­ler, Niko­las Dörr Poli­to­lo­ge. Der Grund­stein des vor­lie­gen­den Buches der bei­den Jung­dok­to­ren wur­de wäh­rend einer, ja, Knei­pen­run­de im Kol­le­gen­kreis gelegt. Es sei dort der Satz gefal­len, daß das eigent­lich Erschüt­tern­de am Sre­bre­ni­ca-Mas­sa­ker (1995) sei­ne ver­gleichs­wei­se »Harm­lo­sig­keit« sei.

Harm­los? Ver­gleichs­wei­se? Ver­gli­chen mit was? Darf man über­haupt ver­glei­chen? Rela­ti­vie­ren? Auf­rech­nen sogar? Die Fra­ge nach dem Bösen, der Moral und dem »Mensch­heits­ver­bre­chen« ist bekann­ter­ma­ßen ver­trackt. Nach wel­chen Kate­go­rien, Kri­te­ri­en – oder gar: nach wel­cher Rang­lis­te – ein klei­nes Lexi­kon der »Bösen« erstellt wer­den könn­te, ist kein klei­nes Pro­blem. Wie könn­te man die »Schwe­re der Schuld« gewich­ten? Und, so einer der zahl­rei­chen hier vor­ge­führ­ten Ein­wän­de gegen das eige­ne Vor­ha­ben, hier der eines ira­ni­schen Vor­ab-Lesers: Osa­ma bin Laden dürf­te doch dem­nächst zum Pos­ter­boy und Frei­heits­hel­den tau­gen, will hei­ßen, eine ähn­li­che Kar­rie­re wie Che Gue­va­ra ein­schla­gen! (Bei­de sind hier aufgeführt.)

Die bei­den Autoren (bei­de Jahr­gang 1979) haben sol­che Fra­gen unter not­wen­di­gen Skru­peln und mit einem »gewis­sen Maß an Will­kür« klug (wenn­gleich unter behut­sa­men Maß­ga­ben einer gewis­sen poli­ti­schen Kor­rekt­heit) gelöst. Der­art, daß nicht nur die ein­zel­nen Por­träts (168 an der Zahl: aus­schließ­lich Män­ner!), son­dern bereits die Ein­füh­rung äußerst lesens­wert sind. Letzt­lich hat man ent­lang geläu­fi­ger juris­ti­scher Ver­bre­chens­de­fi­ni­tio­nen klas­si­fi­ziert und bewer­tet. Sor­tiert wird nach Geburts­jahr­gang, dem­ge­mäß: von Leo­pold II. von Bel­gi­en bis zu Moham­med Atta. Für die elf Ver­bre­chens­for­men, die in die­ser »Hall of Shame« anklagt wer­den, hat man Sym­bo­le ent­wor­fen, die im Stil einer »Dekla­rie­rung« unter den Namen der »Bösen« auf­ge­führt werden.

Adolf Hit­ler bei­spiels­wei­se wird als Groß­meis­ter des Bösen zehn die­ser Ver­bre­chen (unter ande­rem »Völ­ker­mord«, »Frie­dens­ver­rat«, »Kriegs­ver­bre­chen«, »Racke­tee­ring«, d.i. orga­ni­sier­tes Gangs­ter­tum) bezich­tigt, allein die Kate­go­rie »Dro­gen­han­del« bleibt hier aus. Unter Maos Namen (Schuld­kon­to: über 20 Mil­lio­nen Tote) fin­den sich nur drei Sym­bo­le, weni­ger als bei­spiels­wei­se unter Al Capo­ne und dem ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten und Viet­nam­kämp­fer Lyn­don B. Johnson.

Übri­gens feh­len auch Har­ry S. Tru­man und Georg W. Bush nicht, des­glei­chen sind auch die drei tür­ki­schen Paschas als Völ­ker­mör­der auf­ge­führt. Inter­es­sant, daß Antó­nio Sala­zar von sei­nem Volk noch 2007 als »größ­ter Por­tu­gie­se aller Zei­ten« gewählt wur­de, wäh­rend bei­spiels­wei­se der Name Enver Hoxhas aus sämt­li­chen staat­li­chen Insti­tu­tio­nen getilgt wur­de. Ein Kunst­stück, daß eine solch gewag­te Zusam­men­schau nicht rei­ße­risch gera­ten ist! An der win­zi­gen Schrift­grö­ße mögen sich müde Augen stö­ren; Bebil­de­rung und ein aus­führ­li­ches Regis­ter dür­fen hin­ge­gen als Plus­punk­te die­ser aus­ge­zeich­ne­ten Arbeit gewür­digt wer­den. Daß einen die­ses Buch des­halb gleich zu »einem glü­hen­den Anhän­ger der Welt­straf­jus­tiz« macht, wie Heri­bert Prantl in sei­nem Geleit­wort schreibt, wird man indes nicht zur Haupt­in­ten­ti­on rech­nen müssen.

Gesich­ter des Bösen von Till Zim­mer­mann und Niko­las Dörr kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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