Sezession
1. August 2016

Reinhard Mehring: Heideggers »große Politik«

Gastbeitrag

Eine Rezension von Felix Dirsch

Reinhard Mehring: Heideggers »große Politik«. Die semantische Revolution der Gesamtausgabe, Tübingen: Mohr-Siebeck 2016. 334 S., 49 €

Nach den großen Debatten über Heidegger, die sich wellenartig seit rund dreißig Jahren hinziehen, ist es mutig, noch über den »Meister aus Deutschland« zu schreiben. Zuviel steht mittlerweile auf dem Papier und im Internet. Mit dem chilenischen Germanisten Víktor Farías haben die mehr medienwirksamen als wissenschaftlich weiterführenden Kontroversen Ende der 1980er Jahre begonnen, mit Peter Trawnys (häufig als sensationell bezeichneter) Herausgabe der Schwarzen Hefteenden die öffentlichen Debatten vorerst. Die Anklagen gegen Heidegger werden von Dekade zu Dekade heftiger. Das wird häufig auch von Fachwissenschaftlern goutiert.

Obwohl Reinhard Mehring, der vor Jahren eine vieldiskutierte Schmitt-Biographie auf den Markt gebracht hat, auf der Woge des modischen Heidegger-Bashings schwimmt, hat er jenseits dieses populären Genres dem Leser, der an seriöser Deutung interessiert ist, etwas zu sagen. Die vorliegende Publikation versammelt verschiedene Studien in überarbeiteter Form, die an unterschiedlichen Orten bereits zugänglich sind. Das erklärt ihren Sammelsurium-Charakter. Mehrings Schrift rückt, wie der Titel besagt, den Nietzscheaner Heidegger ins Zentrum der Betrachtung.

Der erste Abschnitt bemüht sich um eine performanzanalytische Betrachtung, in der sowohl Friedrich Hölderlin, für Heidegger der Dichter schlechthin, wie Elfriede Jelinek vorkommen, die in ihren Stücken mitunter über den Tausendsassa witzelt. Der zweite Teil präsentiert Heidegger im Kontext eines großen Diskursgeflechtes der Zwischenkriegszeit.

In diesen Auseinandersetzungen spielen die jüdischen Schüler des Freiburger Gelehrten, etwa Karl Löwith, Herbert Marcuse und Helmut Kuhn, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Der dritte Abschnitt geht auf das Endlosthema »Heidegger im Nationalsozialismus« ein. Der angebliche oder tatsächliche Antisemitismus fehlt natürlich nicht. Auf Heideggers Kritik am NS-Regime, die Silvio Vietta schon vor einiger Zeit näher ausgeführt hat, geht Mehring indessen zu wenig ein. Immerhin finden sich einige Hinweise auf Heideggers Ablehnung des Zeitgeistes nach 1945, insbesondere auf dessen Anmerkungen zu Reeducationund politischen Implikationen des Monotheismus. Schwerpunkt der Veröffentlichung ist Heideggers Nachlaß- beziehungsweise Nachlaßinterpretationspolitik.

Die bald über hundert Bände umfassende Gesamtausgabe, detailliert vorbereitet, diskutiert und ausgeklügelt, hat erst denjenigen Heidegger geschaffen, als der er heute gilt. Mehrings diesbezügliche Erörterungen machen das Buch auch für jene zu einem Gewinn, die vom üblichen »Fall Heidegger« gelangweilt sind.

Heideggers »große Politik« von Reinhard Mehring kann man hier bestellen.


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