Pierre Drieu la Rochelle: Die Komödie von Charleroi.

Pierre Drieu la Rochelle: Die Komödie von Charleroi. Erzählungen, Zürich: Manesse 2016. 288 S., 24.95 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler und 2012 in die renom­mier­te Biblio­t­hè­que de la Plé­ia­de auf­ge­nom­me­ne Pierre Dri­eu la Rochel­le (1893–1945) über­for­dert bis heu­te vie­le scha­blo­nen­ori­en­tier­te Kri­ti­ker. Bour­geois und Anti­bour­geois, Natio­na­list und Inter­na­tio­na­list, Anti­kle­ri­ka­ler und Katho­lik, schließ­lich: Faschist und kurz vor sei­nem Sui­zid Sta­lin-Apo­lo­get. Dri­eu war der­weil kein Ver­wirr­ter, und auch die Sprung­haf­tig­keit, die Tho­mas Laux in sei­nem lei­der etwas all­zu zeit­geis­ti­gen Nach­wort zum vor­lie­gen­den Band von Welt­kriegs­er­zäh­lun­gen kon­sta­tiert, gilt nur auf den ers­ten Blick.

Dri­eu ver­such­te, Gegen­sät­ze zu ver­ei­nen, welt­an­schau­li­che Wider­sprü­che dia­lek­tisch auf­zu­he­ben, poli­ti­sche Theo­rie fern der alten Pfa­de zu for­mu­lie­ren. In sei­ner poli­ti­schen Hoch­pha­se zwi­schen 1934 und 1945 gibt es jen­seits kri­sen­be­ding­ter Schwan­kun­gen Kon­ti­nui­täts­li­ni­en, die auch im besag­ten Nach­wort hät­ten extra­hiert wer­den kön­nen. Es ist die Tri­as aus Euro­pa, Sozia­lis­mus und Auto­ri­ta­ris­mus, die den roten Faden dar­stellt. Euro­pa: als eine zu schaf­fen­de Eid­ge­nos­sen­schaft und als Gegen­bild zum chau­vi­nis­ti­schen Natio­na­lis­mus jener Tage; Sozia­lis­mus: als Syn­the­se aus einem nicht­im­pe­ria­lis­ti­schen Faschis­mus und einem nicht­mar­xis­ti­schen Sozia­lis­mus (»Socia­lisme fascis­te«); Auto­ri­ta­ris­mus: als die Bewun­de­rung für den star­ken Staat, kon­kret für Mus­so­li­ni, aber zumin­dest zeit­wei­lig auch für Hit­ler und Stalin.

Grund­la­ge die­ser drei Pfei­ler des Dri­eu­schen Welt­bil­des war ein ganz und gar anti­bür­ger­li­cher Esprit, der die Feind­schaft zur Bour­geoi­sie als Aus­beu­ter- und Müßig­gän­ger-Klas­se (der er gewis­ser­ma­ßen selbst ange­hör­te) eben­so beinhal­te­te wie ein fei­nes Sen­so­ri­um für sozia­le Ant­ago­nis­men inner­halb der fran­zö­si­schen Nati­on als Gan­zem, aber auch inner­halb ein­zel­ner Milieus, etwa in den Schüt­zen­grä­ben des Ers­ten Weltkriegs.

Hier setzt die 1934 publi­zier­te Text­samm­lung Komödie von Char­le­roi an, die nun erst­mals in deut­scher Spra­che vor­liegt und für­wahr exzel­lent von Andrea Sping­ler und Eva Mol­den­hau­er über­setzt wur­de. Die titel­ge­ben­de und an Umfang reichs­te Erzäh­lung ist eine Ver­ar­bei­tung des Front­er­leb­nis­ses eige­ner Art. Hier Kriegs­be­geis­te­rung und Front­ro­man­tik, wie etwa Mar­tin van Creveld mein­te, her­aus­le­sen zu kön­nen, fällt schwer. Auch eine Anti­kriegs­agi­ta­ti­on im Sti­le lin­ker Pazi­fis­ten ist Dri­eus Sache nicht.

Mit der ihm eige­nen, durch­aus zyni­schen und non­cha­lan­ten Art zu schrei­ben nähert sich der Autor sei­nem Gegen­stand, dem Schlacht­feld von Char­le­roi. Dort, im wal­lo­ni­schen Teil Bel­gi­ens, hat­te sein Alter ego den Stel­lungs­krieg gegen die Deut­schen mit­ge­macht. Nun, Jah­re spä­ter, besucht er als Sekre­ta­ri­us einer groß­bür­ger­li­chen Pari­ser Dame die Front­ver­läu­fe und Sol­da­ten­grä­ber. Hier liegt der Sohn der Pari­se­rin begra­ben, der gemein­sam mit ihm an die­sem Front­ab­schnitt kämpf­te, und der in ihren Augen als Held für die Gran­de Nati­on gefal­len ist. Dri­eu gelingt es nicht nur in die­ser Erzäh­lung, das Absur­de des Ers­ten Welt­kriegs und sei­ner Nach­ge­schich­te im Frank­reich der Zwi­schen­kriegs­zeit zu erfassen.

Einer­seits, weil er in Rück­blen­den die ganz und gar unspek­ta­ku­lä­re Rea­li­tät des All­tags im indus­tri­el­len Krieg wie­der­gibt: objek­tiv sinn­lo­se Befeh­le, zahl­rei­che Tote und Ver­letz­te ohne Front­ver­schie­bung, Unklar­heit ob Kriegs­ziel und Kriegs­sinn, Auf­schnei­der und Ger­ne­gro­ße sowie schließ­lich: sozia­le Hier­ar­chien, die es Sol­da­ten aus gutem Hau­se erlau­ben, sich von der Front »frei­zu­kau­fen«, wäh­rend ein­fa­che Poi­lus von den Sal­ven der feind­li­chen MGs­nie­der­ge­mäht werden.

Ande­rer­seits gibt Dri­eu Ein­bli­cke in die Nach­kriegs­epo­che. Er zeigt bei­spiels­wei­se, wie die Bür­ger von Char­le­roi ehr­furchts­voll vor der hoch­ge­mu­ten Pari­ser Aris­to­kra­tin, die ihren Sohn für die Ver­tei­di­gung Bel­gi­ens gab, in die Knie gehen; er prä­sen­tiert, wie ver­ständ­nis­los und töl­pisch sie sich vor den Toten bei­der Sei­ten ver­hält, weil ihr jedes Ein­füh­lungs­ver­mö­gen in die pro­sai­sche Wirk­lich­keit des Krie­ges als sol­chem abgeht. Die­sen mach­te Dri­eu im übri­gen selbst mit; er wur­de mehr­fach von den Kugeln deut­scher Sol­da­ten ver­wun­det, heg­te aber zu kei­nem Zeit­punkt Groll auf die Kriegsfeinde.

Im Gegen­teil: Schon sein dich­te­ri­sches Debüt Inter­ro­ga­ti­on (1917) wid­me­te er expli­zit den Kämp­fern auf der ande­ren Sei­te der Front, und auch die vor­lie­gen­de Samm­lung von Erzäh­lun­gen atmet kei­ner­lei natio­nal­chau­vi­nis­ti­schen Geist. Zu sehr war Dri­eu als idea­lis­ti­scher Euro­pä­er sei­ner Zeit vor­aus, und zu sehr stell­te er das Gemein­sa­me über das Tren­nen­de, als daß er in die Denk­bah­nen der Action Fran­çai­se, sei­ner tem­po­rä­ren geis­ti­gen Leh­rer Charles Maur-ras und Mau­rice Bar­rès oder ande­rer reak­tio­nä­rer Natio­na­lis­ten zurück­fal­len hät­te kön­nen. Als Autor, des­sen Begeh­ren es war, »lin­ke Poli­tik mit rech­ten Men­schen« zu gestal­ten, steht er indes auch in der bel­le­tris­ti­schen Ver­ar­bei­tung des Ers­ten Welt­kriegs zwi­schen den Stühlen.

Pierre Dri­eu la Rochel­les Die Komödie von Char­le­roi kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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