Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes

Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes, Berlin: Matthes & Seitz Berlin 2016. 524 S., 24.90 €

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Sujets des 1957 gebo­re­nen Emma­nu­el Car­rè­re wei­sen eine erstaun­li­che Band­brei­te auf: Auf sein Kon­to gehen unter ande­rem Bio­gra­phien von Phil­ip K. Dick und Edu­ard Limo­now, eine Stu­die über »Alter­na­tiv­welt­ge­schich­ten«, der »True Crime«-Roman Amok sowie die phi­lo­so­phisch ange­hauch­te Gru­sel­fern­seh­se­rie Les Reven­ants (Die Wie­der­gän­ger). Letz­te­re han­del­te von der uner­klär­li­chen Wie­der­kehr Ver­stor­be­ner in einer fran­zö­si­schen Klein­stadt: Die Toten sind weder Zom­bies noch Geis­ter, son­dern die Men­schen geblie­ben, die sie waren.

Im »Pro­log« zu Das Reich Got­tes zieht Car­rè­re eine direk­te Ver­bin­dung von der Serie zu einem Kern­dog­ma des Chris­ten­tums, der leib­li­chen Auf­er­ste­hung Chris­ti, die Pau­lus zum Fun­da­ment des Glau­bens erklärt hat: »Ist aber Chris­tus nicht auf­er­stan­den, so ist unse­re Pre­digt ver­geb­lich, so ist auch euer Glau­be ver­geb­lich.« Die Behaup­tung, ein Mensch kön­ne rea­li­ter von den Toten auf­er­ste­hen, ist auch nach 2000 Jah­ren »ein Ärger­nis und eine Tor­heit«, die den­noch von Mil­lio­nen geglaubt wird.

Auch Car­rè­re selbst hat die­sen Glau­ben eine Zeit­lang geteilt. Im Jah­re 1990, am Aus­gang einer schwe­ren Lebens­kri­se »von der Gna­de berührt«, stürz­te sich der Schrift­stel­ler über einen Zeit­raum von drei Jah­ren lei­den­schaft­lich in den katho­li­schen Glau­ben: »Wäh­rend die­ser Zeit ließ ich mich kirch­lich trau­en, ließ mei­ne bei­den Söh­ne tau­fen und ging regel­mä­ßig in die Mes­se – und ›regel­mä­ßig‹ hieß nicht jede Woche, son­dern jeden Tag.« Über zwei Jahr­zehn­te spä­ter nähert er sich sei­nem frü­he­ren Selbst und des­sen bekennt­nis­haf­ten Auf­zeich­nun­gen wie einem fremd­ge­wor­de­nen Men­schen, wobei ihm ins­be­son­de­re sei­ne täg­li­chen Kom­men­ta­re zum Johan­nes-Evan­ge­li­um pein­lich gewor­den sind.

Sein Eifer erscheint ihm im Rück­blick als eine Art von Selbst­hyp­no­se, deren inne­res Gefü­ge er rekon­stru­ie­ren muß. Kann er durch die Ana­ly­se sei­ner eige­nen Erfah­rung den Schlüs­sel zum Glau­ben der aller­ers­ten Chris­ten fin­den? Erneut schlägt er das Neue Tes­ta­ment auf und gerät ein wei­te­res Mal in sei­nen Bann, dies­mal aller­dings aus gänz­lich ande­ren Grün­den. Was ihn dies­mal fes­selt, ist vor allem das Geheim­nis sei­ner Autor­schaft und der Moti­ve sei­ner Ver­fas­ser. Dabei dient ihm der Evan­ge­list Lukas als eine Art Alter ego, als Schrift­stel­ler­kol­le­ge, der eine Recher­che unter den Zeit­zeu­gen des Wir­kens Chris­ti durch­führt und beginnt, sei­ne lite­ra­ri­sche Vor­la­ge, das rohe Evan­ge­li­um des Mar­kus, zu erwei­tern, zu ver­bes­sern, zu kor­ri­gie­ren und zu übermalen.

Car­rè­re scheint fas­zi­niert von der Idee, man kön­ne den Ursprung die­ser Schrif­ten, die zwei Jahr­tau­sen­de prä­gen soll­ten – den Augen­blick selbst, in dem der Grif­fel das Per­ga­ment berührt – zumin­dest in der Vor­stel­lungs­kraft ergrei­fen: »Mit dem Brett­chen auf den Knien setzt sich Timo­theus im Schnei­der­sitz zu Pau­lus’ Füßen, und wenn es ein Bild von Cara­vag­gio ist, sind die­se Füße dre­ckig. Der Apos­tel läßt sein Weber­schiff­chen ruhen. Er hebt den Blick zum Him­mel und beginnt zu dik­tie­ren. An die­ser Stel­le beginnt das Neue Testament«.

Pau­lus, ein wei­te­rer Schrift­stel­ler­kol­le­ge, wird neben Lukas und Car­rè­re selbst zur drit­ten empha­tisch betrach­te­ten Haupt­fi­gur von Das Reich Got­tes,einem eigen­wil­li­gen Hybrid zwi­schen Auto­bio­gra­phie, Roman­skiz­ze und Ein­füh­rung in die Fra­gen der »his­to­risch-kri­ti­schen« Metho­de. Es führt kein Weg an der Erkennt­nis vor­bei, daß das Neue Tes­ta­ment vol­ler Wider­sprü­che, Lücken und zum Teil merk­wür­dig anmu­ten­den Stel­len ist, wobei Abschreib‑, Über­set­zungs- oder Über­lie­fe­rungs­feh­ler eine Rol­le gespielt haben mögen; gleich­zei­tig kann sich auch Car­rè­re dem Ein­druck nicht ent­zie­hen, daß in den Wor­ten Jesu eine ein­zig­ar­ti­ge, authen­ti­sche Stim­me erklingt.

Er kon­zen­triert sich in sei­ner Dar­stel­lung jedoch auf die Pau­lus-Brie­fe und die Apos­tel­ge­schich­te, die eben­falls von Lukas ver­faßt wor­den sein soll. Der »his­to­ri­sche« Chris­tus bleibt eher in einem undurch­sich­ti­gen Hin­ter­grund, eben­so ent­rückt, wie er es wohl bereits für Lukas war. Der Agnos­ti­ker Car­rè­re kommt wie vie­le Autoren zu dem Schluß: »Etwas« ist pas­siert nach dem Tod Jesu, aber was, bleibt ewig Gegen­stand der Spe­ku­la­ti­on oder des Glau­bens. Die Ima­gi­na­ti­on des Dreh­buch­au­tors wird dabei zu einer Art Brü­cke zwi­schen bei­den. Phan­ta­sie­voll haucht Car­rè­re sei­nem Pau­lus, Lukas und den zahl­lo­sen Neben­fi­gu­ren plas­ti­sches Leben ein, bis hin zu dem ver­füh­re­ri­schen, aber trü­ge­ri­schen Ein­druck der schlüs­si­gen Rekon­struk­ti­on: So könn­te es gewe­sen sein. Ent­waff­nend ist dabei die exhi­bi­tio­nis­ti­sche Offen­heit, mit der Car­rè­re noch die feins­ten Ver­äs­te­lun­gen des Füh­lens und Den­kens sei­nes drit­ten »Hel­den«, sich selbst, dar­stellt, wobei er sich mit­un­ter ein wenig im Ton ver­greift oder dem Leser all­zu inti­me Din­ge mit­teilt. Die­ses Hin­ab­tau­chen ist aller­dings not­wen­dig, um die kom­pli­zier­ten Wege zu zei­gen, auf denen der Glau­be und die Sze­nen, Bil­der, Sät­ze des Neu­en Tes­ta­ments in der See­le eines Men­schen zu wir­ken beginnen.

Auch nach 500 Sei­ten hat Emma­nu­el Car­rè­re sein The­ma nicht erschöpft, und er lädt den Leser zu wei­te­ren Umkrei­sun­gen auf eige­ne Faust und eige­ne Gefahr ein.

Emma­nu­el Car­rè­res Das Reich Got­tes kann man hier bestel­len .

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)