Heinz Bude: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen

Heinz Bude: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen, München: Hanser 2016. 144 S., 18.90 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Gegen­warts­ana­ly­se ist ein undank­ba­res Geschäft. Gerät sie zu kon­kret, kann man sehr dane­ben­lie­gen. Daher blei­ben vie­le Autoren im Unge­fäh­ren, um nicht fest­ge­na­gelt wer­den zu kön­nen. Es kommt dar­auf an, die Ana­ly­se mit einem guten Schlag­wort zu gar­nie­ren. Zu den­je­ni­gen, die die­se Kunst beherr­schen, gehört zwei­fel­los Heinz Bude, Jahr­gang 1954. Der Pro­fes­sor für Makro­so­zio­lo­gie (Kas­sel) hat jetzt, nach geschickt ver­mark­te­ten Büchern zur »Ber­li­ner Repu­blik«, dem Ende vom »Traum der Genera­tio­nen­ge­rech­tig­keit« und zur »Gesell­schaft der Angst«, ein Buch über die »Macht der Stimmungen«
vorgelegt.

Da in den letz­ten Jah­ren oft genug fest­ge­stellt wur­de, daß die »Stim­mung kippt«, liegt eine sol­che Unter­su­chung nahe. Der Titel läßt einen zu die­sem Buch grei­fen – und rat­los zurück. Bude weiß näm­lich selbst nicht genau, was eine Stim­mung ist. Sei­ne Defi­ni­ti­ons­ver­su­che krei­sen um den Begriff »Gefühl«. Wenn dar­in zahl­rei­che Men­schen über­ein­stim­men, ent­steht eine Stim­mung. Eine Stim­mung, das erwähnt Bude mehr­fach, kann aber auch den Ein­zel­nen befal­len, ohne daß sie irgend­et­was mit der über­grei­fen­den Stim­mung, z.B. im Lan­de, zu tun haben muß. Grund­sätz­lich gibt es nichts, was für die »Stim­mung« kei­ne Rol­le spie­len wür­de, was sie zu einem schwie­ri­gen Gegen­stand macht. Bude nennt eini­ge his­to­ri­sche Bei­spie­le für Den­ker, die sich mit der »Stim­mung« beschäf­tigt hät­ten (etwa Hei­deg­ger, des­sen »Gestimmt­heit« Bude ein­fach syn­onym gebraucht). Sei­ne eigent­li­chen Aus­füh­run­gen legt Bude so an, daß er aus einem Gegen­satz­paar die Aus­wir­kun­gen auf die Stim­mung ablei­tet: der »hei­mat­lo­se Anti­ka­pi­ta­list« und der »ent­spann­te Sys­tem­f­a­ta­list« bil­den den Auf­takt, um dann den Wir­kun­gen des Kon­sums (Ent­täu­schung und Enga­ge­ment) sowie dem Ver­hält­nis der Genera­tio­nen, der Geschlech­ter und dem von Eta­blier­ten und Außen­sei­tern nach­zu­ge­hen. Je nach­dem, was da domi­niert, wird sich die Stim­mung gestal­ten, durch Mas­sen­me­di­en ent­spre­chend verstärkt.

Die­se Ein­sicht ist banal (eben­so, daß sich Men­schen nicht nur von ratio­na­len Argu­men­ten lei­ten las­sen), und es ist zumin­dest merk­wür­dig, daß sol­cher­lei als neue Erkennt­nis ange­prie­sen wird. Immer­hin stammt der Klas­si­ker zu die­sen Fra­gen aus dem Jahr 1895: Gust­ave Le Bons Psy­cho­lo­gie der Mas­sen, den Bude nicht ein­mal erwähnt. Was er eben­falls nicht erwähnt, sind die essen­ti­el­len Über­le­gun­gen Hans Frey­ers zum »objek­ti­ven Geist« (1923) und damit zum Zeit­geist, zu dem die Stim­mun­gen in irgend­ei­nem Ver­hält­nis ste­hen müssen.

Letzt­lich ist Bude aber selbst Opfer (oder Mit­tä­ter, hier sind die Gren­zen flie­ßend) eines Phä­no­mens gewor­den, das der Jour­na­list Carl Chris­ti­an Bry bereits Mit­te der zwan­zi­ger Jah­re des 20. Jahr­hun­derts beschrieb: der Ablö­sung der Argu­men­te durch die Stim­mun­gen, die vor den Wis­sen­schaf­ten nicht halt­macht. Indem man alles mit allem in Bezie­hung setzt, ent­steht eine Stim­mung, kei­ne Argu­men­ta­ti­on. Bude beschreibt nicht nur die Stim­mung, er erzeugt selbst eine, wenn er aus den Stim­mun­gen den fata­lis­ti­schen Prag­ma­ti­ker als Ide­al der Zukunft prä­sen­tiert und damit jede Tat als gest­rig abqualifiziert.

Heinz Budes Das Gefühl der Welt kann man hier bestel­len.

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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