Sezession
1. Juni 2016

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte.

Martin Sellner

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte. Snowden, Assange, Manning, Berlin: Suhrkamp 2016. 158 S., 19.95 €

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Geoffroy de Lagasnerie gilt als »junger Wilder der französischen Philosophie« (Der Spiegel). Dabei ist der Aktivist gegen Homophobie und Fremdenhaß, eilfertige Denunziant konservativer Kollegen und Warner vor dem »Rechtsruck« in Frankreich alles andere als rebellisch.

De Lagasnerie, 1981 geboren, studierter Soziologe und Philosoph, lehrt an der École Nationale Supérieure d’Arts in Cergy. Schlagzeilen machte er erstmals 2014, als er in der Zeitung Liberation einen »mutigen« Aufruf gegen die Teilnahme des als konservativ geltenden Historikers Marcel Gauchets am »Rendez-vous de l’Histoire de Blois« veröffentlichte. Als Konservativer, so der Duktus des Pamphlets, stünde es ihm nicht zu, über das damalige Thema der Konferenz, die »Rebellion«, zu sprechen.

Ähnlich konformistisch wie diese Episode liest sich das Buch Die Kunst der Revolte, das nun im Suhrkamp-Verlag erschienen ist (und damit de Lagasnerie den letzten Nimbus einer Tour gegen das Establishment raubt). In diesem Essay nimmt er auf Edward Snowden, Julien Assange und Bradley/Chelsea Manning Bezug, anhand derer er eine neue Theorie des Politischen entwickeln will. Er sieht in diesen drei Whistleblowern die Vorboten eines neuen politischen Subjekts, das gleichzeitig Träger und Künder eines neuen Nomos sein soll.

Dabei geht es de Lagasnerie weniger um das Wesen des Infokriegs, also den »Leak« zentraler und wichtiger Daten, als um die Art und Weise, wie er vonstatten geht. Er hält drei für ihn wesentliche Aspekte fest (die, typisch für die kontemporäre französische Philosophie, unter einem Wust an »detours« vergraben sind). Die neuen politischen Subjekte treten nicht als konkret lokalisierbare, nationale Gruppe, sondern als globales Phänomen wie das Kollektiv Anonymous auf. Ihre Aktivisten wollen sich in der Regel nicht der Öffentlichkeit stellen und »zu ihren Taten stehen«.

Ebenso versuchen sie sich mit der »Praxis der Flucht« der nationalen Gerichtsbarkeit zu entziehen. Der Autor sieht darin eine Antithese zum klassischen zivilen Ungehorsam der Bürgerrechtsbewegungen. An ihnen und an Theoretikern wie Rawls, Butler und anderen kritisiert er eine grundsätzliche Akzeptanz der »ursprünglichen Enteignung«, der »Eingeschlossenheit« in einer präexistenten Gemeinschaft. Dezidiert meint er damit sowohl den Staat als auch die Familie, und überhaupt jede »kontingente Situation«, in die man abhängig und »verwurzelt« hineingeboren wird. Dies sei, so de Lagasnerie, höchst »undemokratisch«, da man nie danach gefragt wurde.

Gegen diesen »Zwang« soll nun mithilfe des Internets mit Snowden und Co. als Avantgarde eine »Entnationalisierung der Geister« stattfinden. De Lagasnerie entlarvt sich als altbackener universalistischer Ideologe, der in marxistischer Manier auf eine Überwindung anthropologischer Konstanten durch die »Elektrifizierung« hofft. Was de Lagasnerie mit »Demokratie« und»Freiheit« meint, ist nichts anderes als das völlige bindungslose hypertrophe Subjekt der Aufklärung, das eigentlich seit Nietzsche und Heidegger zu Ende kritisiert ist. Hier wünscht man sich, der Autor hätte den von ihm vielzitierten Foucault etwas gründlicher gelesen. Insgesamt ist das ganze Buch fast eine intellektuelle Beleidigung für jeden, der sich tiefer mit politischer Philosophie und Ideengeschichte auseinandergesetzt hat.

Es wäre nur ein mitleidiges Lächeln wert, wenn das, was de Lagasnerie sich links-utopisch herbeisehnt, nicht schon neoliberal-pragmatisch umgesetzt würde. In den Think-Tanks von Silicon Valley arbeitet man tagtäglich am Abbau nationaler Bezugssysteme, an der »Enfesselung« des Menschen von jeder Kontingenz, an einem transhumanistischen »freien Geist«. Daß diese Entwicklung aber keine »Freiheit«, sondern eine Verfallenheit an das Gestell, keinen »neuen Menschen«, sondern einen Cyborg, und kein liquides Wunderland des herrschaftsfreien Diskurses, sondern ein postdemokratisches Gang land globaler Trusts und Datenkraken einläutet, ist offensichtlich. Es ist all jenen klar, die dem politischen Universalismus entwachsen sind, den dieses biedere Buch wiederkäut.

Geoffroy de Lagasneries Die Kunst der Revolte kann man hier bestellen.


Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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