Sezession
1. April 2016

Marcello La Speranza: Brisante Architektur. Hinterlassenschaften der NS-Zeit

Gastbeitrag

Eine Rezension von Claus-M. Wolfschlag

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Marcello La Speranza: Brisante Architektur. Hinterlassenschaften der NS-Zeit:
Parteibauten, Bunker, Weihestätten, Graz: Ares 2015. 240 S., 29.90 €

Wer angesichts des Buchtitels inhaltliche Brisanz erwartet, dürfte enttäuscht werden. Brisante Architektur ist ein weitgehend braves Buch, das den geschichtspolitischen Konsens allenfalls punktuell ein wenig verläßt, um seinem Darstellungsgegenstand eine gewisse Anerkennung zu zollen. So ist die Publikation des Wiener Historikers Marcello La Speranza vor allem als Einführung in das Thema NS-Architektur zu verstehen, gut geeignet für jene, die bislang noch wenige Kenntnisse von diesem Aspekt der Kunstgeschichte haben.

Dem dient auch die umfangreiche, meist farbige und ansprechend gestaltete Bebilderung des Buches, die zahlreiche Bauten der NS-Epoche sinnlich vorstellt. La Speranza erläutert selten, weshalb er bestimmte Gebäude der NS-Zeit präsentiert, während andere keine Erwähnung finden, beispielsweise die Theater in Saarbrücken und Dessau. Der Leser muß die vorgestellten Gebäude somit als Auswahl von typischen Beispielen verstehen.

Darunter findet man die gesprengte Neue Reichskanzlei in Berlin und die erhaltenen Münchner Parteibauten. Das »Haus der Deutschen Kunst« ist ebenso zu sehen wie das Nürnberger Zeppelinfeld oder das Weimarer Gauforum. Weitere Kapitel widmen sich einigen Kultstätten, Industriebauten, Wohnsiedlungen, Kasernen, Konzentrationslagern und Ordensburgen. Der Umfang des Kapitels über Bunkeranlagen ist ein Hinweis darauf, daß dies das eigentliche Steckenpferd des Autors ist.

Kritisiert der Autor in seiner Einleitung die stereotypen Abwertungsfloskeln, mit denen in vielen Publikationen pauschal die angeblich »einschüchternde« oder»größenwahnsinnige« NS-Architektur belegt wird, so bedient er diese im späteren Text teils selbst. So ist von »historisch belasteten« Gebäuden die Rede, ohne zu fragen, wie sich denn solche »Last« auf Wände, Räume und Dachziegel übertragen kann. Oder er behauptet, die Wohnbauprogramme der NS-Zeit hätten auch »gegenseitige soziale Kontrolle, d.h. Überwachung« gewährleistet.

Inwieweit das propagiert wurde und sich real auswirkte, wird ebenso wenig dargelegt, wie der Frage nachgegangen, ob eine gewisse soziale Kontrolle nicht innerhalb vieler Wohnbauprojekte, auch solcher mit Bauhaus-Optik, zwangsläufig stattfindet. Da sich La Speranza auf die Darstellung der unterschiedlichen Bauaufgaben in den zwölf Jahren der NS-Herrschaft beschränkt, dringt er leider kaum in die Tiefe der damit verbundenen Fragestellungen ein.

Zum einen ordnet er die in jenen Jahren beliebten Baustile nicht ausreichend in den internationalen Kontext der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein. Ausführlichere Bild-Vergleiche vom amerikanischen Neoklassizismus bis zum stalinistischen Bauwesen der Sowjetunion und der frühen DDR hätten die Frage aufwerfen können, inwieweit die NS-Bauten wirklich »gebauten Nationalsozialismus« verkörperten?

Ähnlich hilfreich wäre eine historische Einordnung des Heimatschutzstils gewesen, der sich bereits vor, aber auch nach der NS-Zeit großer Beliebtheit im Wohnungsbau erfreuen konnte. Zum anderen verbaut sich La Speranza mit dieser Fixierung auf zwölf Jahre die interessante Frage, was uns die Erzeugnisse dieser Bauepoche auch heute noch zu sagen haben? Kann uns eine Wiederanknüpfung an Teile dieser Tradition aus dem Dilemma der Moderne mit ihren Flachdachblocks, Strichcode-Fenstern, Aluminium-Lamellen und Styropor-Dämmplatten befreien? Finden womöglich bereits heute kleine Anknüpfungen statt, wenn man zum Beispiel einige Arbeiten Christoph Mäcklers betrachtet?

Das wären allerdings Fragen für eine tiefer in die Materie dringende Publikation.

Brisante Architektur. Hinterlassenschaften der NS-Zeit von Marcello La Speranza kann man hier bestellen. 

 

 


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