Sezession
1. April 2016

Natalia Zarska (Hrsg.): »Wir Slawen sind Genies des Leidens«

Gastbeitrag

Eine Rezension von Fritz Keilbar

Natalia Zarska (Hrsg.): »Wir Slawen sind Genies des Leidens«. Wojciech Kunicki und Ernst Jünger: Briefe und Tagebücher, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2015.
199 S., 29 €

Der polnische Germanist Wojciech Kunicki (geb. 1955) beginnt seine Beschäftigung mit Ernst Jünger vor dem Ende des Kalten Krieges unter erschwerten Bedingungen. Am 31. Oktober 1985 wendet sich Kunicki erstmals mit drei Informationen an Jünger: Ihn interessiere vor allem die »Symbolik der geometrischen Formen« in dessen Werk, er habe gerade eine Übersetzung der Marmorklippen abgeschlossen (die wenig später auch erscheint) und er kündigt an, seine Habilitationsschrift über Jüngers Werk schreiben zu wollen. Unterstützt wird er darin vom deutschen Germanisten Karl Konrad Polheim, bei dem Kunicki während eines DAAD-Stipendiums in Bonn studiert hatte. Er kommentiert das Vorhaben in einem Brief an Jünger: »Es ist ja für die Deutschen beschämend, daß ein solches Unternehmen aus dem östlichen Ausland kommt …«

Die Antwort übernimmt zunächst Jüngers Frau Liselotte, die das Vorhaben begrüßt, aber befürchtet, daß angesichts der politischen Verhältnisse kaum ein gerechtes Ergebnis erzielt werden kann. Dieser Brief hat Kunicki allerdings nie erreicht. Kunicki bleibt aber hartnäckig, und in der Folge scheint sich sein Interesse für Jünger auch in der damaligen DDRherumgesprochen zu haben, sodaß ihn 1986 eine Anfrage des Leipziger Historikers Gerald Diesner erreicht. Diesem geht es um eine Rundfunkansprache Johannes R. Bechers aus dem Jahre 1943, in dem sich dieser direkt an Jünger wendet mit dem Ziel, die Deutschen links und rechts des Nationalsozialismus gegen diesen zu mobilisieren.

Diesner will von Kunicki wissen: »War Ernst Jünger ein faschistischer Schriftsteller?« Eine Frage, die Kunicki in seiner ausführlichen Antwort verneint. Weitere Querverbindungen entstehen bald zu dem österreichischen Lyriker Karl Lubomirski, später zu Armin Mohler und Rolf Schilling, womit Kunicki immer tiefer in die Netzwerke um Jünger involviert ist.

Kunicki übersetzt in der Folge weitere Texte von Jünger, hat aber, aus unterschiedlichen Gründen, immer wieder Probleme, diese zu veröffentlichen. Wissenschaftlich beschäftigt er sich mit den Stahlgewittern, die bereits 1934 auf Polnisch erschienen waren. Ihm geht es um die verschiedenen Fassungen, die Jünger im Laufe der Jahre veröffentlicht hat (die Habilitationsschrift dazu erscheint 1993). Ab Oktober 1989 ist er als Stipendiat ein Jahr in Deutschland und besucht in dieser Zeit Jünger. Dazu hat Kunicki sich Notizen gemacht, die in dem vorliegenden Band ebenfalls abgedruckt sind und einen unverstellten Blick auf eine typische Besuchssituation bei Jünger gewähren.

Das Verhältnis von Jünger und Kunicki blieb einseitig. Den Bemühungen Kunickis um sein Werk stand Jünger zwar aufgeschlossen gegenüber, konnte an den Übersetzungen aber mangels Sprechkenntnissen keinen Anteil nehmen. Von Jünger enthält der Band daher lediglich 16 kurze Schreiben, die nicht besonders aussagekräftig sind. Die Veröffentlichung rechtfertigt sich dadurch, daß man Kunicki damit zum 60. Geburtstag gratulieren und damit seiner wichtigen Funktion als Jünger-Forscher Respekt zollen will. Durch die schöne Aufmachung des Buches (unter Verwendung der Goldwespe, Cleptes juengeri) und die zahlreichen Briefe Dritter, die für die Jünger-Rezeption jenseits des Eisernen Vorhangs wichtig sind, ist das auch gelungen.

Natalia Zarskas Wir Slawen sind Genies des Leidens kann man hier bestellen.

 


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