Sezession
1. Februar 2016

Wolfgang Spindler: Die Politische Theologie Carl Schmitts

Gastbeitrag

Eine Rezension von Felix Dirsch

Wolfgang Spindler: Die Politische Theologie Carl Schmitts: Kontext – Interpretation – Kritik, Hamburg: disserta 2015. 124 S., 44.99 €

Rüdiger Voigt: Denken in Widersprüchen. Carl Schmitt wider den Zeitgeist, Baden-Baden: Nomos 2015. 330 S., 59 €

Sammelbesprechungen über Carl-Schmitt-Interpretationen kommen selten ohne die toposartige Wendung »… und kein Ende« aus. Tatsächlich ist die Zahl der Titel uferlos – wenigstens, wenn man die weltweite Rezeption betrachtet. Der so vehement verehrte wie heftig verdammte juristische Tausendsassa dürfte selbst so exzellente Gelehrte wie Martin Heidegger und Max Weber
hinsichtlich der weltweiten Produktion von Sekundärliteratur übertreffen.

In einer solchen Situation steigt die Bedeutung von kurzen, prägnanten Einführungen und Überblicksdarstellungen. Eine von ihnen stammt von dem Ordensgeistlichen, Juristen und Sozialethiker Wolfgang Spindler. Gemäß seiner Herkunft nähert er sich vor allem dem »katholischen« Schmitt der 1920er Jahre. Von diesen Publikationen ragen die Politische Theologie (1922) und Der Begriff des Politischen (1928) heraus.

Welche Relevanz der ersten der beiden Veröffentlichungen zukommt, wird daran deutlich, daß fast fünfzig Jahre, nachdem diese Abhandlung erschienen ist, eine neue Diskussion über das Thema der Strukturaffinitäten von Politik und Theologie stattfand. Der Fundamentaltheologe Johann B. Metz postulierte Ende der 1960er Jahre eine Entprivatisierung des Christentums aus linker Perspektive und griff daher den kontaminierten Begriff auf. Schmitt war in dieser Kontroverse omnipräsent. Mittels seiner »Politischen Theologie II« mutierte er, obwohl bereits über 80 Jahre alt, vom Übervater zum aktiven Teilnehmer.

Spindler bemüht sich um eine verständliche Deutung. Er skizziert den soziologischen und juristischen Hintergrund der Souveränitätslehre, die in Schmitts bahnbrechender Monographie eine so herausragende Rolle spielt. In einem weiteren Abschnitt verdeutlicht er den Kontext der Schmittschen Frühschriften. Es schließen sich Kommentare über die wichtigsten Interpretationen der Politischen Theologie an. Summarisch sind die Namen Löwith, Beneyto, Böckenförde und Kondylis zu nennen. In der letzten Passage versucht er selbst, eine kurze Synthese vorzulegen, die die verschiedenen Sichtweisen dessen, was unter »Politische Theologie« zu verstehen sei, darlegt. Spindlers Überblick orientiert sich am Text und vermeidet moralisierende Bemerkungen über die Biographie Schmitts – eine Vorgehensweise, die angesichts der vergangenheitspolitischen Brisanz des Themas keinesfalls selbstverständlich ist. Ein wichtiges Buch mit einem Nachteil: Es wird überteuert angeboten.

Zu denjenigen Experten, die die Zahl der Forschungsarbeiten über den Plettenberger Rechtswissenschaftler in den letzten Jahren vermehrt haben, zählt der Münchner Emeritus Rüdiger Voigt. Nunmehr hat er seine Beiträge, die bereits anderweitig erschienen sind, in einem gesonderten Band herausgebracht.

In der Tat war Schmitt nach 1945 ein Denker »wider den Zeitgeist«. Das erklärt seine dauerhafte Isolierung und zunehmende persönliche Vereinsamung, die auch durch die diversen »Gespräche in der Sicherheit des Schweigens« höchstens unterbrochen, aber keinesfalls beendet wurden.

Voigts Studien sind in vier Abschnitte gegliedert: Nach der Einleitung sind drei Aufsätze unter »Grundlagen« eingeteilt und jeweils zwei unter »Legalität versus Legitimität«, »Staat im Notstand« und»Nomos der Erde«. Die zum Teil sehr heterogenen Beiträge zur Schmitt-Exegese im Einzelnen zu würdigen, übersteigt die Möglichkeiten des Rezensenten.

Hinzuweisen ist darauf, daß Voigt einige paradigmatische Topoi Schmitts, etwa die Freund-Feind-Distinktion, im Lichte gegenwärtiger Erfahrungen auslegt. Die so umstrittene Unterscheidung war im Kontext des Politischen immer aktuell und ist es nach wie vor. So wirkt die Vereinnahmung sämtlicher Staaten der westlichen Welt als Freunde, wie man es in Deutschland häufig antrifft, mehr als lächerlich. Schon vor der NSA-Affäre hätte man wissen können, daß Menschen Freundesbande knüpfen können, nicht jedoch Staaten. Auf dieser Linie destruiert Voigt kosmopolitische Wunschvorstellungen, die von prominenter Warte aus auch der jüngst verstorbene Soziologe Ulrich Beck vertreten hat.

Nie ist Schmitts zwingender Konnex von Souveränität und unabdingbarer Grenzziehung – im Sinn von: wir und die anderen – aktueller und existenzieller gewesen als in der unmittelbaren Gegenwart. Vor unseren Augen spielt sich eine Destabilisierung staatlicher Institutionen allergrößten Ausmaßes ab, deren Hauptgrund in einem massenpathologisch-nivellierenden »Menschismus« (Peter Kuntze) auszumachen ist. »Salus humanitatis fiat, proprium populi pereat«, so lautet das Motto der derzeitigen europäischen Politik. Angesichts dieser Lage muß man es nicht bedauern, daß Feindschaft – in wohlbestimmter Hinsicht jedenfalls – aus dem Leben der Menschen nicht wegzudenken sei. Als Widerlager gegen einen zerstörerischen Humanitarismus erfüllt sie einen produktiven Zweck – zumindest in gewissen Grenzen.

Die Politische Theologie Carl Schmitts von Wolfgang Spindler und Denken in Widersprüchen. Carl Schmitt wider den Zeitgeist von Rüdiger Voigt kann man jeweils hier bestellen.


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