Stefan Jonsson: Masse und Demokratie: Zwischen Revolution und Faschismus

Stefan Jonsson: Masse und Demokratie: Zwischen Revolution und Faschismus, Göttingen: Wallstein 2015. 342 S., 29.90 €

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

Die Mas­se, das sind immer die ande­ren. Über die Mas­se redet man – zumal in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen – gern nase­rümp­fend. Doch es ist nicht bloß eine phy­si­ka­li­sche Ein­sicht, daß zwi­schen Mas­se einer­seits und Ener­gie ande­rer­seits ein inne­rer Zusam­men­hang besteht. Das gilt auch in poli­ti­scher Hin­sicht, man den­ke an Marx (die Mas­se als revo­lu­tio­nä­res Poten­ti­al) oder an sozio­lo­gi­sche Ter­mi­ni wie »gerich­te­te Mas­se«, »Hetz­mas­se«, »Flucht­mas­se« oder »Umkeh­rungs­mas­se«. Mas­se ist stets eine sehr rea­le Kate­go­rie und dabei kei­nes­wegs nur kul­tur­kri­tisch nega­tiv zu deu­ten, son­dern als posi­ti­ve Grö­ße, mit der arbei­ten muß, wer poli­ti­sche Ein­fluß­nah­me erlan­gen will.

Umso erstaun­li­cher, daß die letz­ten gro­ßen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Phä­no­men »Mas­se« sich mit Namen wie Le Bon, Freud, Canet­ti, Orte­ga y Gas­set, Kra­cau­er und Broch ver­bin­den und größ­ten­teils Genera­tio­nen zurück­lie­gen. Seit­her hat man – vor allem in Kunst, Phi­lo­so­phie und Lite­ra­tur – über die ein­ge­hen­de Betrach­tung der Ein­sam­kei­ten des Indi­vi­du­ums das Gespür für die Macht der Mas­se selbst ver­lo­ren – man sieht den Wald vor lau­ter Bäu­men nicht mehr.

Die Mas­se als wesent­li­chen poli­ti­schen Akteur wie­der­zu­ent­de­cken (nicht bloß im Sin­ne einer öko­no­misch rele­van­ten Kon­su­men­ten­mas­se) wäre also eine wich­ti­ge Auf­ga­be. Ste­fan Jons­sons Ver­dienst ist es, hier­zu wich­ti­ge vor­be­rei­ten­de Arbei­ten unter­nom­men zu haben. Nach A Brief Histo­ry of the Mas­ses: Three Revo­lu­ti­ons (2008) liegt jetzt mit Mas­se und Demo­kra­tie: Zwi­schen Revo­lu­ti­on und Faschis­mus eine begriff­lich-his­to­ri­sche Auf­ar­bei­tung zum The­ma vor, fokus­siert auf die 20er und 30er Jah­re in Deutsch­land und Österreich.

Jons­son, Pro­fes­sor am Insti­tut für Migra­ti­ons- und Sozi­al­for­schung an der Uni­ver­si­tät Lin­köping, erforscht das Span­nungs­feld der Mas­se zwi­schen Bedro­hung und Fas­zi­na­ti­on, trägt also sowohl der kri­ti­schen Bewer­tung des Phä­no­mens Mas­se als auch der Aner­ken­nung ihres Bewe­gungs­po­ten­zi­als Rech­nung. Berück­sich­tigt wer­den kul­tur- und geis­tes­wis­sen­schaft­li­che, ästhe­ti­sche und poli­ti­sche Per­spek­ti­ven. Dies geschieht über­aus gründ­lich, was sich auch dar­an erken­nen läßt, daß ihm der von Edmund Schultz und Ernst Jün­ger 1933 her­aus­ge­ge­be­ne Band Die ver­än­der­te Welt – Eine Bil­der­fi­bel unse­rer Zeit nicht ent­gan­gen ist.

In der Ein­lei­tung die­ses Buches kam Jün­ger auf die Macht der Bil­der zu spre­chen und ihre Deut­bar­keit – hier ging es dar­um, das Gesicht der Mas­se zu deu­ten hin­sicht­lich der Fra­ge, ob das Abge­bil­de­te noch der alten oder bereits der neu­en Ord­nung (die des ein Jahr zuvor erschie­ne­nen Arbei­ters) zuzu­rech­nen war. Die Erkennt­nis, daß die Mas­se ein Gesicht hat, war, wie Jons­son betont, inso­fern neu, als die Mas­se zuvor meist als gesichts­los, als wan­del­ba­re Hor­de oder Schwarm beschrie­ben und mit­hin nicht ernst genug genom­men wur­de. Die­se Per­spek­ti­ve auf die Deu­tung heu­ti­ger Mas­sen – Demons­tran­ten, ille­ga­le Grenz­über­que­rer – und ihres Poten­ti­als an poli­ti­scher Ener­gie neu zu wecken, könn­te man als wich­tigs­te Lek­tü­re­frucht aus Ste­fan Jons­sons Werk mit­neh­men. Nicht allein die Herr­schaft über die Begrif­fe, son­dern vor allem die hell­sich­ti­ge Deu­tung der Bil­der bestimmt die poli­ti­sche Wirklichkeit.

Mas­se und Demo­kra­tie von Ste­fan Jons­son kann man hier bestel­len.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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