Martin Voigt: Mädchen im Netz. Süß, sexy und immer online

Martin Voigt: Mädchen im Netz. Süß, sexy und immer online, Berlin, Heidelberg: Springer Spektrum 2015. 240 S., 14.99€

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Mei­ne Her­ren, was für ein such­ma­schi­nen­op­ti­mier­ter Titel! Tat­säch­lich aber hat sich Mar­tin Voigt unter sprach­wis­sen­schaft­li­chen und sozio­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten mit der Kom­mu­ni­ka­ti­on von Schul­mäd­chen in Inter­net-Netz­wer­ken beschäf­tigt. Daß der »vir­tu­el­le Pau­sen­hof« alles ande­re als ein aka­de­mi­scher Neben­schau­platz ist, wird rasch deut­lich. Heu­ti­ge Schul­mäd­chen (die Grup­pe der Zwölf- bis 16-jäh­ri­gen) sind stän­dig online, und zwar in den sel­tens­ten Fäl­len, um die Dekla­ma­ti­on eines Gedichts ein­zu­üben oder poli­ti­sche Kom­men­ta­re abzu­ru­fen, son­dern: um inner­halb ein­schlä­gi­ger elek­tro­ni­scher Netz­wer­ke zu schwat­zen, zu tei­len, zu mögen.

Einen hohen Stel­len­wert in der Kom­mu­ni­ka­ti­on nimmt die über­bor­den­de Insze­nie­rung der inti­men Freund­schaft zu einer je »aller­bes­ten Freun­din« ein. Voigt hat die­ses Ver­hal­ten im Netz über vie­le Jah­re (etwa seit 2003; Voigt selbst ist Jahr­gang 1984) genau beob­ach­tet. Er kennt die Stan­dard­phra­sen (»luv ya; du bedeu­test mir sooo viiie­el!!!«) und ihren modi­schen Wech­sel. Er hat zig­hun­dert Kul­ler­au­gen- und Schmoll­sch­nüt­chen­sel­fies gese­hen, pho­to­gen fri­sier­te Dekol­le­tes, er kennt Trä­nen­mo­ti­ve, Arm­ritz­bild­chen und das noto­ri­sche Gleis­bett­mo­tiv: Mäd­chen, die sich auf Schie­nen pho­to­gra­phie­ren, schi­nan­te X‑Beine machen und dazu eine trä­nen­ver­zier­te Bot­schaft (Mus­ter: not­hing can tear us apart) in den Äther schi­cken: gerich­tet an die »AFFL«, die Aller­bes­te Freun­din für’s Leben.

Voigt skiz­ziert die (euro­pa­weit) stan­dar­di­sier­te und an Pathos zuneh­men­de Ent­wick­lung der Schul­mäd­chen­kom­mu­ni­ka­ti­on im Netz. 2003 war der Ton­fall noch distan­zier­ter und meist auf kon­kre­te Fra­gen (Haus­auf­ga­ben etc.) bezo­gen. Ab etwa 2007 (da wur­de die Online­prä­senz der gesam­ten Klas­se, etwa bei Schü­lerVZ viru­lent) wur­de ein dua­ler »Wir«-Ton mit arti­ku­lier­ten Lie­bes­bot­schaf­ten (»daß ich dich soo sehr lieb hab!!!) im Online-Sozi­al­ver­hal­ten gängig.

Zum Ende der Som­mer­fe­ri­en 2010 hat­te Face­book die Ober­hand über ande­re Netz­wer­ke gewon­nen, und der Aus­tausch von (kaum unter­schwel­lig) sexu­ell insze­nier­ten Pho­tos nahm an Fahrt auf. Laut Voigt ist es ein gera­de­zu streng begrenz­tes Reper­toire an Bot­schaf­ten, das zur Ver­öf­fent­li­chung kommt. Je aus­schließ­li­cher ihre Gleich­alt­ri­gen­ori­en­tie­rung sei, des­to siche­rer woll­ten die Mäd­chen gehen, daß ihre Per­form­anz dem Geschmack der Bezugs­grup­pe entspräche.

Der Dar­stel­lung der phä­no­me­no­lo­gi­schen Basis läßt Voigt eine Inter­pre­ta­ti­on des Mate­ri­als fol­gen. Der Autor faßt die nar­ziss­tisch anmu­ten­den Selbst­dar­stel­lun­gen im Rah­men eines sexua­li­sier­ten Schön­heits­ide­als, die sym­bio­ti­schen Mäd­chen­freund­schaf­ten nach stan­dar­di­sier­tem Mus­ter mit ihrer Gefühls­kom­mu­ni­ka­ti­on als »Schul­mäd­chen­syn­drom« zusam­men. Woher rührt’s? Eine Ursa­che sei die all­ge­mei­ne fami­liä­re Ero­si­on, eine wei­te­re die zuneh­men­de außer­häus­li­che Ganz­tags­be­treu­ung; hin­zu kom­me der noto­ri­sche Distanz­ver­lust zu den Medien.

#Ein­schlä­gi­ge Seri­en wie »How I met your Mother« pflanz­ten sich in das Bewußt­sein auch sol­cher Mäd­chen ein, die eine siche­re Eltern­bin­dung und ein »gesun­des Scham­ge­fühl« hät­ten. Hin­zu kämen bun­des­amt­lich geför­der­te Auf­klä­rungs­schrif­ten wie sol­che von Pro fami­lia, die offen zum Aus­pro­bie­ren sexu­el­ler Aben­teu­er »ohne Roman­tik« einlüden.

Voigts Arbeit ist har­ter Tobak. Als Feld­stu­die steht sie für sich. Daß der Ver­fas­ser als flan­kie­ren­de Lite­ra­tur Autoren wie Gor­don Neu­feldt, Bir­git Kel­le, Chris­ta Meves und Gabrie­le Kuby her­an­zieht, zeigt, mit wel­chen Was­sern er gewa­schen ist. Es sind jeden­falls kei­ne ver­un­kla­ren­den. Was es mit einem 31jährigen Mann macht, der seit Jah­ren über sexua­li­sier­ter Mäd­chen­sti­li­sie­rung sitzt – hof­fent­lich und ver­mut­lich aus­schließ­lich Gutes! Ende 2015 wur­de Voigt für sein Wir­ken in punk­to Mäd­chen­kom­mu­ni­ka­ti­on der Ger­hard-Löwen­thal-Preis für Jour­na­lis­ten der Wochen­zei­tung Jun­ge Frei­heit ver­lie­hen.

Mäd­chen im Netz. Süß, sexy und immer online von Mar­tin Voigt kann man hier bestel­len. 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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