Peter Furth: Massendemokratie.

Peter Furth: Massendemokratie. Über den historischen Kompromiß zwischen Liberalismus und Sozialismus als Herrschaftsform, Berlin: Landt 2015. 196 S., 24 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Der Sozi­al­phi­lo­soph Peter Furth zählt nicht zu jenen Wis­sen­schaft­lern, die ihre Arbei­ten wie am sprich­wört­li­chen Fließ­band publi­zie­ren. Aber das, was Furth ver­öf­fent­licht, hat es in sich. Sie­ben Jah­re nach der bedeu­ten­den Auf­satz­samm­lung Tro­ja hört nicht auf zu bren­nen legt der Dok­tor­va­ter Rudi Dutsch­kes nun eine Text­samm­lung vor, die vier Essays (zwei bis dato unver­öf­fent­licht) und eine umfang­rei­che, beach­tens­wer­te Ein­lei­tung Frank Böckel­manns beinhaltet.

Der Her­aus­ge­ber der Vier­tel­jah­res­zeit­schrift Tumult bie­tet dem Leser die ers­te Tour d’horizon durch Furths Werk­bio­gra­phie: Des­sen Weg führ­te ihn über die Kri­ti­sche Theo­rie (er war zeit­wei­se Hilfs­kraft in Ador­nos Frank­fur­ter Insti­tut für Sozi­al­for­schung) ins Umfeld des Sozia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bun­des (SDS), her­nach zur For­schung an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin, bevor es zu sei­nem per­sön­li­chen Wen­de­punkt kam, an dem er sich von der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on der »68er« abwand­te und bei­spiels­wei­se für die Staats­brie­fe Hans-Diet­rich San­ders zur Feder griff.

Frei­lich ist Furth kein Rene­gat im stren­gen Sin­ne. Der Epo­che der Auf­klä­rung wie einer »kon­ser­va­ti­ven Ver­tei­di­gung des Mar­xis­mus« fühlt er sich wei­ter ver­bun­den. Gera­de weil er etwa den Mar­xis­mus und sei­ne Fein­hei­ten ver­steht, kann er die Unzu­läng­lich­kei­ten der post­mo­der­nen Lin­ken offen­le­gen und ana­ly­sie­ren. Neben sei­ner zeit­ge­schicht­li­chen For­schung tritt seit sei­ner Eme­ri­tie­rung – an Pana­jo­tis Kon­dy­lis (1943–1998) geschult, sei­ne The­sen wei­ter­füh­rend – eine zeit­dia­gnos­ti­sche hin­zu, wobei der Ter­mi­nus »Mas­sen­de­mo­kra­tie« im Zen­trum des Inter­es­ses steht.

Furths Kern­the­se nun: Trotz der Wider­sprü­che des Kapi­ta­lis­mus und sei­ner bür­ger­li­chen Gesell­schaft gehe die Bour­geoi­sie ihrer Herr­schaft nicht ver­lus­tig. Das Selbst­zer­stö­rungs­po­ten­ti­al der bür­ger­li­chen Gesell­schaft wird durch Mas­sen­de­mo­kra­tie gebän­digt, d.h. durch den Kom­pro­miß zwi­schen Libe­ra­lis­mus (des Bür­ger­tums) und Sozia­lis­mus (der unte­ren Schich­ten) als »Abschluß der Kämp­fe um den Nach­laß der bür­ger­li­chen Revo­lu­ti­on« (Furth). Die Über­ein­kunft besteht – ver­ein­facht gesagt – dar­in, daß bei­de Ideo­lo­gien ihre End­zie­le ver­ta­gen; die Zufrie­den­heit der Mas­se wird durch Kon­sum und Par­ti­zi­pa­ti­on am Güter­reich­tum her­ge­stellt, die Zufrie­den­heit des Bür­ger­tums durch die Bewah­rung sei­ner hege­mo­nia­len Stel­lung in Staat und Gesell­schaft im mas­sen­de­mo­kra­ti­schen Post­ka­pi­ta­lis­mus, des­sen Ver­wer­fun­gen durch den Sozi­al­staat, die­se »alles über­wöl­ben­de Insti­tu­ti­on« (Furth), abge­fe­dert werden.

Zudem bear­bei­tet Furth die sozia­le Kon­troll­funk­ti­on der all­ge­gen­wär­ti­gen »Poli­ti­cal Cor­rect­ness«. Doch trotz sol­cher Bin­de­mit­tel, zu denen er auch Ideo­lo­ge­me des Huma­ni­ta­ris­mus rech­net, gibt es auch für die­se Quer­front der Mate­ria­lis­men kei­ne Ewig­keits­klau­sel. Furth gibt daher zu beden­ken, daß die Satu­riert­heit der Mas­sen­de­mo­kra­tie ver­lo­ren gehen wer­de. Woher die­se – ohne ihre Sta­bi­li­täts­be­din­gung Wohl­stand – Legi­ti­mi­tät vor den Men­schen bezö­ge, bleibt folg­lich offen. Gemein­schafts­den­ken fällt als all­ge­mei­ne Klam­mer aus; die Bedeu­tung von Abstam­mung und Reli­gi­on, Staat und Nati­on wur­de durch bei­de gro­ßen Ideo­lo­gien zuguns­ten schran­ken­lo­ser Ato­mi­sie­rung nivel­liert. Das wird zur Gefahr für die Mas­sen­de­mo­kra­tie, deren dau­er­haf­tes Über­le­ben nach Furth auch im 21. Jahr­hun­dert wesent­lich an eine föde­ral- oder natio­nal­staat­li­che Kon­zep­ti­on geknüpft ist.

Mas­sen­de­mo­kra­tie von Peter Furth kann man hier bestel­len.

 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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