Heinrich Spiller: Mein Heimatdorf und seine Umgebung.

Eine Rezension von Michael Rieger

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Hein­rich Spil­ler: Mein Hei­mat­dorf und sei­ne Umge­bung.(= Hein­rich-Spil­ler-Werk­aus­ga­be, Band 3), Nor­der­stedt: BoD 2015. 532 S., 22 €

Gera­de eben ist der drit­te Band der Werk­aus­ga­be von Hein­rich Spil­ler erschie­nen. Und wer, bit­te, war Hein­rich Spil­ler …? 1888 im schle­si­schen Tscheschdorf (ab 1936 Lär­chen­hain, nach 1945 Cie-szano­wice) gebo­ren, wuchs der schüch­ter­ne Spil­ler in ein­fachs­ten Ver­hält­nis­sen auf. In der Schnei­der­leh­re täg­lich geschla­gen und drang­sa­liert, wech­sel­te er zum Schuh­mach­er­hand­werk. Es folg­ten Lehr- und Wan­der­jah­re, die Arbeits­ver­hält­nis­se waren nicht eben rosig, und Spil­ler zog von Tscheschdorf nach Nei­ße, Bres­lau, Groß Karls­höh. Schon früh an Lite­ra­tur inter­es­siert, von Ger­hart Haupt­mann fas­zi­niert und alle Bücher ver­schlin­gend, die er in die Hän­de bekom­men konn­te, hat­te er zu schrei­ben begonnen.

Spil­ler träum­te von einer Wan­de­rung ins Rie­sen­ge­bir­ge und einem Besuch bei Ger­hart Haupt­mann. Bei­des soll­te er 1912 rea­li­sie­ren. Viel­leicht doch nicht ganz so schüch­tern, hat­te er sich an Her­mann Stehr gewandt, der ihm den Kon­takt mit Haupt­mann ver­mit­tel­te. In den fol­gen­den zwei Jah­ren kam es zu meh­re­ren Treffen.

Nach sei­ner Teil­nah­me am Ers­ten Welt­krieg arbei­te­te Spil­ler wie­der als Schus­ter, grün­de­te eine Fami­lie und über­nahm den win­zi­gen Hof sei­ner Eltern in Tscheschdorf.

Mit Akri­bie hat Ger­hard A. Spil­ler das Leben sei­nes Groß­va­ters erforscht, sei­ne 2013 erschie­ne­ne Bio­gra­phie Hein­rich Spil­ler. Schuh­ma­cher und Hei­mat­dich­ter aus dem Kreis Grottkau/Oberschlesien bie­tet eine per­fek­te Ein­lei­tung zur Lek­tü­re der vor­lie­gen­den Werk-ausgabe.

Im Janu­ar 1945 folg­te dann die per­sön­li­che Kata­stro­phe Hein­rich Spil­lers: in einer Nacht ver­grub er sei­ne Manu­skrip­te in der Scheu­ne, in der Hoff­nung, sie so vor Plün­de­run­gen zu schüt­zen und spä­ter wie­der ans Licht holen und ver­öf­fent­li­chen zu kön­nen. Im Febru­ar rück­te die Rote Armee an, die Flucht begann, die Ver­trei­bung durch die pol­ni­schen Behör­den erfolg­te im Mai 1946. Die Fami­lie lan­de­te im nie­der­säch­si­schen Öls­burg im Land­kreis Pei­ne, wo Spil­ler wie­der als Schuh­ma­cher arbei­te­te und die Tex­te der ver­gra­be­nen Manu­skrip­te aus dem Gedächt­nis rekon­stru­iert hat. Hein­rich Spil­ler ist 1968 gestorben.

Erst 1977 konn­ten Spil­lers Sohn und Enkel nach Schle­si­en rei­sen und das alte Eltern­haus auf­su­chen – doch als sie die ver­gra­be­nen Tex­te heben woll­ten, zer­fie­len sie ihnen in den Hän­den zu Staub.

Aber da sind die nach 1945 neu auf­ge­schrie­be­nen Gedich­te und Geschich­ten. Mitt­ler­wei­le sind drei Bän­de der Werk­aus­ga­be erschie­nen: Schlä­si­sche Gedich­te und Geschich­tensowie Hoch­deut­sche Gedich­te und Geschich­ten (bei­de 2014). Die spät­ro­man­ti­sche Moti­vik der Gedich­te über­rascht nicht; bei den Erzäh­lun­gen haben Roseg­ger, Stehr und Haupt­mann in unter­schied­li­chem Maß Pate gestan­den. Rea­lis­ti­sche Schil­de­run­gen von ver­laus­ten, arbeits­lo­sen Gesel­len, ihre der­be Spra­che (In einer Her­ber­ge zur Hei­mat), die Geschich­te vom Armen Dienst­mäd­chen, das von ihrer Herr­schaft gequält wird und sich schließ­lich ertränkt, ste­hen neben mär­chen­haf­ten Tex­ten (Die drei Jüng­lin­ge), in denen soli­de Wer­te der Ehr­lich­keit und Beschei­den­heit evo­ziert werden.

Die deut­li­che christ­li­che Bot­schaft läßt Raum für absur­de Wen­dun­gen: in der Hoff­nung auf die klei­ne Erb­schaft der Mut­ter Hen­ze wol­len die drei Anwär­ter auf­trump­fen und fah­ren gleich drei Sär­ge zur Beer­di­gung auf. Bis­wei­len etwas unge­lenk, leben Spil­lers Tex­te von ihrem authen­ti­schen, unbe­küm­mert unmo­der­nen Cha­rak­ter. Der drit­te Band beinhal­tet Dorf­ge­schich­ten aus Tscheschdorf und die Schil­de­rung der Ver­trei­bung Die Hölle in Schle­si­en. Ins­ge­samt las­sen sich die­se Tex­te als eine Chro­nik einer ver­gan­ge­nen Welt lesen.

Ein letz­ter Band mit auto­bio­gra­phi­schem Mate­ri­al ist für 2016 geplant. Bei der Werk­aus­ga­be Hein­rich Spil­lers han­delt es sich um nichts weni­ger als um eine bemer­kens­wer­te Ergän­zung der schle­si­schen bzw. der deut­schen Literaturgeschichte.

Hein­rich Spil­lers Mein Hei­mat­dorf und sei­ne Umge­bung kann man hier bestel­len.

 

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