Sezession
1. Dezember 2015

Heinrich Spiller: Mein Heimatdorf und seine Umgebung.

Gastbeitrag

Eine Rezension von Michael Rieger

Heinrich Spiller: Mein Heimatdorf und seine Umgebung.(= Heinrich-Spiller-Werkausgabe, Band 3), Norderstedt: BoD 2015. 532 S., 22 €

Gerade eben ist der dritte Band der Werkausgabe von Heinrich Spiller erschienen. Und wer, bitte, war Heinrich Spiller …? 1888 im schlesischen Tscheschdorf (ab 1936 Lärchenhain, nach 1945 Cie-szanowice) geboren, wuchs der schüchterne Spiller in einfachsten Verhältnissen auf. In der Schneiderlehre täglich geschlagen und drangsaliert, wechselte er zum Schuhmacherhandwerk. Es folgten Lehr- und Wanderjahre, die Arbeitsverhältnisse waren nicht eben rosig, und Spiller zog von Tscheschdorf nach Neiße, Breslau, Groß Karlshöh. Schon früh an Literatur interessiert, von Gerhart Hauptmann fasziniert und alle Bücher verschlingend, die er in die Hände bekommen konnte, hatte er zu schreiben begonnen.

Spiller träumte von einer Wanderung ins Riesengebirge und einem Besuch bei Gerhart Hauptmann. Beides sollte er 1912 realisieren. Vielleicht doch nicht ganz so schüchtern, hatte er sich an Hermann Stehr gewandt, der ihm den Kontakt mit Hauptmann vermittelte. In den folgenden zwei Jahren kam es zu mehreren Treffen.

Nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg arbeitete Spiller wieder als Schuster, gründete eine Familie und übernahm den winzigen Hof seiner Eltern in Tscheschdorf.

Mit Akribie hat Gerhard A. Spiller das Leben seines Großvaters erforscht, seine 2013 erschienene Biographie Heinrich Spiller. Schuhmacher und Heimatdichter aus dem Kreis Grottkau/Oberschlesien bietet eine perfekte Einleitung zur Lektüre der vorliegenden Werk-ausgabe.

Im Januar 1945 folgte dann die persönliche Katastrophe Heinrich Spillers: in einer Nacht vergrub er seine Manuskripte in der Scheune, in der Hoffnung, sie so vor Plünderungen zu schützen und später wieder ans Licht holen und veröffentlichen zu können. Im Februar rückte die Rote Armee an, die Flucht begann, die Vertreibung durch die polnischen Behörden erfolgte im Mai 1946. Die Familie landete im niedersächsischen Ölsburg im Landkreis Peine, wo Spiller wieder als Schuhmacher arbeitete und die Texte der vergrabenen Manuskripte aus dem Gedächtnis rekonstruiert hat. Heinrich Spiller ist 1968 gestorben.

Erst 1977 konnten Spillers Sohn und Enkel nach Schlesien reisen und das alte Elternhaus aufsuchen – doch als sie die vergrabenen Texte heben wollten, zerfielen sie ihnen in den Händen zu Staub.

Aber da sind die nach 1945 neu aufgeschriebenen Gedichte und Geschichten. Mittlerweile sind drei Bände der Werkausgabe erschienen: Schläsische Gedichte und Geschichtensowie Hochdeutsche Gedichte und Geschichten (beide 2014). Die spätromantische Motivik der Gedichte überrascht nicht; bei den Erzählungen haben Rosegger, Stehr und Hauptmann in unterschiedlichem Maß Pate gestanden. Realistische Schilderungen von verlausten, arbeitslosen Gesellen, ihre derbe Sprache (In einer Herberge zur Heimat), die Geschichte vom Armen Dienstmädchen, das von ihrer Herrschaft gequält wird und sich schließlich ertränkt, stehen neben märchenhaften Texten (Die drei Jünglinge), in denen solide Werte der Ehrlichkeit und Bescheidenheit evoziert werden.

Die deutliche christliche Botschaft läßt Raum für absurde Wendungen: in der Hoffnung auf die kleine Erbschaft der Mutter Henze wollen die drei Anwärter auftrumpfen und fahren gleich drei Särge zur Beerdigung auf. Bisweilen etwas ungelenk, leben Spillers Texte von ihrem authentischen, unbekümmert unmodernen Charakter. Der dritte Band beinhaltet Dorfgeschichten aus Tscheschdorf und die Schilderung der Vertreibung Die Hölle in Schlesien. Insgesamt lassen sich diese Texte als eine Chronik einer vergangenen Welt lesen.

Ein letzter Band mit autobiographischem Material ist für 2016 geplant. Bei der Werkausgabe Heinrich Spillers handelt es sich um nichts weniger als um eine bemerkenswerte Ergänzung der schlesischen bzw. der deutschen Literaturgeschichte.

Heinrich Spillers Mein Heimatdorf und seine Umgebung kann man hier bestellen.

 


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