Jan Koneffke: Ein Sonntagskind. Roman

Jan Koneffke: Ein Sonntagskind. Roman, Berlin: Galiani 2015. 582 S., 24.99 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ralf Roth­mann: Im Früh­ling ster­ben. Roman, Ber­lin: Suhr­kamp 2015. 234 S., 19.95 €

Zwei gro­ße Roma­ne mit zahl­rei­chen Par­al­le­len: Bei­de krei­sen um die Taten der Väter im Zwei­ten Welt­krieg. Grund­la­ge für die Fik­ti­on sind die ech­ten Väter. Bei­de Autoren gehö­ren der glei­chen Genera­ti­on an (Kon­eff­ke 1960, Roth­mann 1953), sind preis­ge­krön­te Schrift­stel­ler. Es sind bei­des bild­mäch­ti­ge, atmo­sphä­risch dich­te Wer­ke. In bei­den geht es nicht um »Abrech­nung« – die­se Zei­ten schei­nen vorbei.

Bei­der Väter wur­den sieb­zehn­jäh­rig in den Krieg mehr hin­ein­ge­zo­gen, haben getö­tet. Bei­de Väter waren her­nach (min­des­tens) sozi­al­de­mo­kra­tisch gesinn­te Pazi­fis­ten, die sich über ihre Ver­gan­gen­heit aus­schwie­gen. Vater Kon­eff­ke reüs­sier­te gar als links­li­be­ra­ler Bil­dungs­theo­re­ti­ker. Wie staun­te der Sohn, als er im Nach­laß Brie­fe fand, in denen Papa prahlt, wie er zwei »duß­li­ge Iwans zu Sup­pe aus Blut, Ein­ge­wei­den und Kno­chen« zusammenschoß!

Neben­bei sind bei­de Bücher her­vor­ra­gend recher­chiert. Roth­manns Buch ist trotz sprach­li­cher Stär­ke das schwä­che­re Buch. Es ist bei aller Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Emo­ti­on das Vor­her­sag­ba­re­re. Im Kern ist es die aus­ge­wei­te­te Pro­sa­form des von Adel­bert von Cha­mis­so pro­mi­nent über­tra­ge­nen Ander­sen-Gedichts »Der Sol­dat«: Dort haben »neun ange­legt« ‚»acht Kugeln haben vor­bei­ge­fegt / Sie zit­ter­ten alle vor Jam­mer und Schmerz, / Ich aber, ich traf ihn mit­ten ins Herz!«

Das ist eine der Kern­sze­nen in Roth­manns Buch: Wie Pro-tago­nist Wal­ter bei der Exe­ku­ti­on sei­nes fah­nen­flüch­ti­gen Freun­des Fie­te selbst Hand anle­gen muß.

Die ande­re Sze­ne steht zu Beginn des Romans: Wie auf einer feucht­fröh­li­chen Fei­er Dut­zen­de Jun­gen als »Frei­wil­li­ge« für die SSre­kru­tiert wer­den – indem ein Par­tei­mann sich auf die Büh­ne stellt und »vor­schlägt«, daß »jeder Mann auf die­sem Fest (…) heu­te Abend frei­wil­lig in die sieg­rei­che Waf­fen-SSe­in­tritt. (…) Wer dage­gen ist, kann ja jetzt auf­ste­hen.« Natür­lich gibt es kei­ne Drückeberger!

Trotz aller ansons­ten viel­fach colo­rier­ten Bil­d­er­haf­tig­keit unter­wirft Roth­mann sein Per­so­nal weit­ge­hend einem Schwarz­weiß­sche­ma; so sehr, daß der Leser manch kal­ku­liert wir­ken­der Evo­ka­ti­on nur wider­stre­bend folgt. Die Bösen haben »fet­te Hän­de«, polier­te Stie­fel, » schlaf­fe brei­te Lip­pen« und gabern Kaf­fee­trop­fen auf andachts­voll vor ihnen aus­ge­brei­te­ten Madon­nen­bil­dern. War es so? Oder war es viel weni­ger ein­deu­tig, näm­lich wie es uns Kon­eff­ke zeigt in sei­nem groß­ar­ti­gen Roman, der sei­ne Hand­lung bis ins Jahr 2007 spannt? Der trau­ri­ge Kriegs­held heißt hier Kon­rad. Über sei­nem Leben (als Sonn­tags­kind eben) steht der Stern des von Gewis­sens­bis­sen geplag­ten, doch glück­haf­ten Sich-Durchwurschtelns.

Kon­rad ist vor allem eines: Ein stets kor­rek­ter Mensch. Die Buch­hal­ter­see­le sei­nes Vaters hat Kon­rad geerbt. Er kennt sei­ne Soll- und Haben-Sei­ten gut; sprich: Er weiß, wem er wann zu die­nen hat.

Sei­ne Kar­rie­re als Wehr­machts­sol­dat, als (bald ver­schäm­ter) Trä­ger des EKers­ter Klas­se, als frei­wil­li­ger Held eines Son­der­ein­satz­kom­man­dos ist beacht­lich. Früh hat­te er bei der SSun­ter­schrie­ben. Um einem Ein­satz dort zu ent­ge­hen, mel­det er sich rasch als Reser­ve­of­fi­ziers­an­wär­ter der Wehr­macht. Die­se Bewer­bung sticht die alte Unter­schrift. Kon­rad zieht hier kei­nes­wegs zum letz­ten Mal sei­nen Kopf aus der Schlin­ge. Er ist aus­ge­zeich­net dar­in, Haken zu schla­gen – doch jede Flucht hat Kon­se­quen­zen, zumal Kon­rads Schick­sals­rad (logisch) rund ist. Immer wie­der schließt sich der Kreis. Ohne Fett anzu­set­zen (im Gegen­teil, er schaut so gut aus, daß ihm Min­der­jäh­ri­ge ver­fal­len!), schwimmt er auch in der Sup­pe des Nach­kriegs oben­auf. Zeit­le­bens fragt er sich, wie sich sei­ne »Reue und Scham in den Griff bekom­men las­sen« (vor allem die in inne­rer Abspal­tung wüten­den Gewis­sens­bis­se dar­über, daß er sei­nen Freund mit Bauch­schuß hat ver­re­cken las­sen, daß er bei der Exe­ku­ti­on eines Kame­ra­den mit­wirk­te) – die Wogen der Zeit las­sen ihn stets mit der Schaum­kro­ne der Bran­dung das je nächs­te Ufer erreichen.

Nach der Flucht aus Pom­mern bran­det eine Lei­den­schaft in ihm auf, die aus­nahms­wei­se nicht unter­leib­li­chen Gefil­den ent­stammt: Eine Lei­den­schaft für Kant, den er (»Zum ewi­gen Frie­den«) sogar im »Klo­ka­buff auf ver­krus­te­ter Holz­bril­le« stu­diert. Kon­rad ver­faßt einen Auf­satz »Zur Anti­no­mie zwi­schen Frei­heit und Pflicht zur mora­li­schen Hand­lung«, reicht ihn an über­ge­ord­ne­ter Stel­le ein – und voi­là, das Schick­sal trägt ihm aka­de­mi­sche Wei­hen an.

Kon­rad wird Dozent im tief­ro­ten Frank­furt. Er paßt sich for­mi­da­bel ein ins neue Para­dig­ma. Er schließt sich den Ultra­lin­ken an, pre­digt die Phi­lo­so­phie des Par­ti­sa­nen. Im Grun­de kann Kon­rad nichts für sei­ne neu­er­li­che Bestim­mung – er kann eigent­lich für nichts. Auch nicht dafür, daß er der Sta­si zuar­bei­tet; es sind die Zeit­läuf­te, die sein Geschick bestim­men – und Kon­rad ist nie der­je­ni­ge, der unter die Räder gerät. Mitt­ler­wei­le pflas­tern Lei­chen sei­nen Weg. Ist es sei­ne Schuld? Jan Kon­eff­ke trifft in sei­ner über­aus unter­halt­sa­men Tra­gö­die kei­ne dezi­dier­te Unter­schei­dung zwi­schen guten und bösen Akteu­ren. Alle haben ihre (Ab-) Grün­de, und wel­che! Mehr von die­ser hei­te­ren Misanthropie!

Jan Kon­eff­kes Ein Sonn­tags­kind und Ralf Roth­manns Im Früh­ling ster­ben kann man hier bestel­len. 

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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