Christiane Barz (Hrsg.): Einfach. Natürlich. Leben. Lebensreform in Brandenburg

Christiane Barz (Hrsg.): Einfach. Natürlich. Leben. Lebensreform in Brandenburg 1890–1939 , Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg 2015. 183 S., 24.99 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Ber­lin war seit 1871 nicht nur Reichs­haupt­stadt, son­dern das Zen­trum eines auf­stre­ben­den Rei­ches, das sich wirt­schaft­lich rasant ent­wi­ckel­te. Die Schat­ten­sei­ten des Fort­schritts waren daher auch in Ber­lin beson­ders zu spü­ren. Aus die­ser Aus­gangs­la­ge ent­wi­ckel­ten sich ver­schie­de­ne Strö­mun­gen, die soge­nann­te Lebens­re­form­be­we­gung, die den Men­schen vor den schäd­li­chen Ein­flüs­sen der Moder­ne schüt­zen bzw. ret­ten wollten.

Daß das Haus der Bran­den­bur­gisch-Preu­ßi­schen Geschich­te in Pots­dam dem The­ma eine sehens­wer­te Aus­stel­lung wid­met, ist inso­fern kon­se­quent, da Ber­lin zwar das geis­ti­ge Zen­trum der Lebens­re­form war, die prak­ti­sche Umset­zung der Ideen aber in der Regel Platz benö­tig­te, über den man in der Stadt gera­de nicht ver­füg­te. So wich man auf das Bran­den­bur­ger Umland aus, das damit Expe­ri­men­tier­feld ver­schie­dens­ter Lebens­re­form­ideen wur­de. Im vor­lie­gen­den Kata­log wer­den eini­ge davon unter Ver­wen­dung aus­schließ­lich zeit­ge­nös­si­schen Mate­ri­als von ver­schie­de­nen Autoren, teil­wei­se aus­ge­wie­se­ne Ken­ner, vorgestellt.

Die kon­kre­ten Pro­jek­te sie­del­ten sich an ver­schie­de­nen Bran­den­bur­ger Orten an und hat­ten größ­ten­teils nicht lan­ge Bestand. Die ein­zi­gen Pro­jek­te, die den Zwei­ten Welt­krieg und die DDR-Zeit über­stan­den haben, sind die Obst­bau­ko­lo­nie Eden (bei Ora­ni­en­burg), der Deme­ter­hof Mari­en­hö­he (bei Pots­dam) und die ein eige­nes Chris­ten­tum reprä­sen­tie­ren­de »Frie­dens­stadt Wei­ßen­berg« (bei Treb­bin). Alle ande­ren sind ent­we­der an wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men zugrun­de gegan­gen oder haben ihre lebens­re­for­me­ri­schen Wur­zeln gekappt. Letz­te­res ist ins­be­son­de­re bei den zahl­rei­chen Gar­ten­städ­ten in Bran­den­burg der Fall, deren Häu­ser exis­tie­ren und oft­mals auf­wen­dig saniert wur­den (vor­ge­stellt wer­den die Frei­land-Sied­lung Gil­den­hall bei Neu­rup­pin und die völ­ki­sche Sied­lung Heim­land, heu­te Rheins­berg). Auch am Mot­zener See, in den 1920er-Jah­ren das Zen­trum der Nackt­kul­tur, gibt es bis heu­te einen FKK-Zelt­platz, der aller­dings eher prag­ma­tisch ori­en­tiert ist und von der Nackt­heit kei­ne Erlö­sung mehr erwartet.

Eine zen­tra­le Figur der Lebens­re­form, der Maler und Gra­fi­ker Fidus, der die Schrif­ten der ver­schie­dens­ten Reform­be­stre­bun­gen illus­trier­te und damit all­ge­gen­wär­tig war, wohn­te eben­falls in Bran­den­burg, genau­er in Wol­ters­dorf bei Erkner. In sei­nem Ate­lier- und Wohn­haus soll­te vor bald zwan­zig Jah­ren ein Muse­um der Lebens­re­form ein­zie­hen. Nach­dem die Pla­nun­gen schon weit fort­ge­schrit­ten waren, schei­ter­te das Pro­jekt an der Bau­auf­sichts­be­hör­de, die feh­len­de Park­mög­lich­kei­ten monier­te. Da Fidus seit 1932 NSDAP-Mit­glied war, wur­de im Unter­stüt­zer­kreis die Ver­mu­tung geäu­ßert, daß man sich auf die­sem Weg um eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ambi­va­len­zen der deut­schen Geschich­te drü­cken woll­te. Daß im vor­lie­gen­den Band an die­se bezeich­nen­de Pos­se erin­nert wird, ist sehr zu begrüßen.

Ein­fach. Natür­lich. Leben. Lebens­re­form in Bran­den­burg 1890–1939 von Chris­tia­ne Barz kann man hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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