Guido Giacomo Preparata: Die Ideologie der Tyrannei.

Eine Rezension von Harald Seubert

 Gastbeitrag

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Gui­do Gia­co­mo Pre­pa­ra­ta: Die Ideo­lo­gie der Tyran­nei. Neo­gnos­ti­sche Mytho­lo­gie in der ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik,Ber­lin: Duncker und Hum­blot 2015. 311 S., 35.90 €.

Aus­gangs­be­ob­ach­tung und Fra­ge­stel­lung des Buches von Pre­pa­ra­ta soll­te man durch­aus zur Kennt­nis neh­men: Wie kommt es, daß die gegen­wär­ti­ge expan­si­ve Aus­rich­tung der US-Poli­tik weder sei­tens der Lin­ken noch des aka­de­mi­schen Main­stream-Milieus Wider­spruch erfährt?

Die aka­de­mi­sche Inter­pre­ta­ti­on der Ereig­nis­se seit 9–11 kon­ver­giert nach der Dia­gno­se des Autors weit­ge­hend mit der Sicht der US-Admi­nis­tra­tio­nen. Pre­pa­ra­ta lie­fert dafür ein anspruchs­vol­les Her­lei­tungs­kon­strukt, das schär­fe­rer Prü­fung nur in Tei­len stand­hält: Er kon­sta­tiert zu Recht, daß die aka­de­mi­sche Aus­rich­tung der Human­wis­sen­schaf­ten in der west­li­chen Welt von einem post­mo­der­nen, sub­jekt­lo­sen Dif­fe­renz­den­ken über­la­gert wer­de, das nur noch rela­ti­ve Dis­kur­se ken­ne und inso­fern unfä­hig zu grund­le­gen­der Besin­nung auf das poli­tisch Tun­li­che sei.

Zu den Stär­ken des Buches gehört die Dekon­struk­ti­on von Fou­caults Ansatz: Pre­pa­ra­ta zeigt kennt­nis­reich, daß Fou­cault als Schlüs­sel­fi­gur der Post­mo­der­ne eine Light­ver­si­on des ero­to­ma­ni­schen, macht­theo­re­ti­schen Pro­jekts von Geor­ges Batail­le lie­fert. Im Hin­ter­grund ste­he einer­seits der Traum von einer unge­heg­ten dio­ny­si­schen Macht­ent­fal­tung jen­seits der Moral, and­rer­seits eine gnos­tisch abs­trak­te dua­lis­ti­sche Welt­sicht. Fou­cault trans­po­nie­re die­ses bar­ba­ri­sche Kon­zept in den aka­de­mi­schen Diskurs.

Der Ver­tei­di­ger des Wahn­sinns Fou­cault mache sich damit zugleich zum Advo­ka­ten eines Bil­der­sturms, der die euro­päi­schen Wer­te ent­wurz­le und zu einer umfas­sen­den Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit bei­tra­ge. Fou­caults Plä­doy­er, vor Ort!, für die isla­mi­sche Revo­lu­ti­on in Tehe­ran 1978 dient Pre­pa­ra­ta als Indiz dafür, daß der post­mo­der­ne lin­ke Intel­lek­tu­el­le sich letzt­lich jeder Zeit­geist­strö­mung anpaßt.

So unge­wöhn­lich ein­deu­tig und scharf die­se Post­mo­der­ne­kri­tik aus­fällt, so über­zeu­gend ist auch die Genea­lo­gie der »poli­ti­schen Kor­rekt­heit« und der gän­gi­gen zyni­schen post­mo­der­nen Zeit­dia­gno­sen aus dem Focault­schen Geist angelegt.

Auf eine schie­fe Bahn gelangt Pre­pa­ra­tas Gedan­ken­füh­rung aller­dings, wo er neben der »lin­ken« eine »rech­te« Post­mo­der­ne dia­gnos­ti­ziert: ihre Expo­nen­ten sind in sei­ner Sicht Ernst Jün­ger, der gro­ße Pla­ton-Phi­lo­lo­ge Leo Strauss, ver­meint­li­cher Ahn der US-ame­ri­ka­ni­schen »Neo­cons«, und Hei­deg­ger. Auf die­sem Ter­rain ist der Ver­fas­ser aber gar nicht zuhause.

Jün­ger liest er als einen Batail­le von rechts, ohne Musi­ka­li­tät für Jün­gers stoi­sches Ethos; bei Strauss und Hei­deg­ger begnügt er sich, in offen­sicht­li­cher Unkennt­nis ihres Denk­an­sat­zes, mit gro­ben Ver­un­glimp­fun­gen. Gezeigt wer­den soll: Die­se »rech­te« Post­mo­der­ne ist genau­so sys­tem­sta­bi­li­sie­rend wie die lin­ke. Der Post­mo­der­ne-Begriff wird damit in einer Wei­se infla­tio­när gebraucht und aus sei­nem Kon­text geris­sen, daß er nichts mehr erklärt.

Erhel­lend ist Pre­pa­ra­tas abschlie­ßen­der Exkurs über die Welt­macht­po­li­tik der USA im ver­gan­ge­nen Vier­tel­jahr­hun­dert. Golf­krieg und »Kampf gegen den Ter­ror« waren nur mög­lich in einem Ambi­en­te, das alle intel­lek­tu­el­le Wider­stands­kraft ein­ge­büßt hat. Dar­an dürf­te etwas Wah­res sein. Pre­pa­ra­ta will aber zu viel: Er möch­te eine gro­ße intel­lek­tu­el­le Intri­gen­ge­schich­te und den­ke­ri­sche Welt­ver­schwö­rungs­hy­po­the­se nach­zeich­nen, die letzt­lich auf zu dün­nem Fun­da­ment errich­tet ist.

Belie­ße er es bei der Dekon­struk­ti­on der Dekon­struk­ti­vis­ten, hät­te er mehr geleis­tet: Die Unkul­tur eines domi­nie­ren­den Denk­stils, des­sen Expo­nen­ten häu­fig nicht wis­sen, was sie tun, sich damit aber ihre Stel­len sichern, ist desas­trös genug. Pre­pa­ra­tas eige­ne Per­spek­ti­ve ist dabei sehr ame­ri­ka­nisch: Er beruft sich auf die Bil­dungs­idee Thor­stein Veblens, die er als Gegen­mit­tel gegen den Wall­street-Kapi­ta­lis­mus und ein über­zo­ge­nes »Ame­ri­ca First« anruft, als Phi­lo­so­phie der Frei­heit gegen den Geist der Tyran­nei. Dies scheint ein wenig dürf­tig. Man soll­te auch nicht über­se­hen, daß das Buch in der Ori­gi­nal­aus­ga­be 2007 erschie­nen ist. Eine Aktua­li­sie­rung für die deut­sche Über­set­zung wäre drin­gend erfor­der­lich gewesen.

Die Ideo­lo­gie der Tyran­nei von Gui­do Gia­co­mo Pre­pa­ra­ta kann man hier bestel­len. 

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