Sezession
1. August 2015

Giorgio Agamben: Das Geheimnis des Bösen.

Gastbeitrag

Eine Rezension von Felix Dirsch

Giorgio Agamben: Das Geheimnis des Bösen. Benedikt XVI. und das Ende der Zeiten, Berlin: Matthes & Seitz 2015. 70 S., 10 €

Giorgio Agamben zählt zu den bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. Seine Rezeption ist umfangreich, manche politisch Korrekten hinterfragen seine Themen. Dazu zählt die Aktualität des Ausnahmezustandes, ebenso die gelegentlich als obskur empfundene Gestalt des »homo sacer«. Ein weiteres Feld, das Berührungspunkte mit Carl Schmitt verrät, ist der »katechon«.

Hier führt der Weg zum paulinischen Thessalonicher-Brief, aus dem die Worte »mysterium iniquitatis« stammen, die übersetzt in den Titel aufgenommen worden sind. Der Verfasser der biblischen Schrift denkt auch darüber nach, wodurch das Kommen des Messias aufgehalten wird. Immer wieder wirft in sämtlichen Epochen der Kirchengeschichte die Verzögerung der christköniglichen Herrschaft Fragen nach dem Grund des Aufschubs auf.

Agamben verknüpft diese alten geistesgeschichtlich-theologischen Kontroversen mit der Demission Benedikts XVI. Das Ende dieses Pontifikats wird von dem Gelehrten mit dem Werk des Theologenpapstes verbunden. Dieser verweist mehrmals auf die »Zeit, die bleibt« (Agamben), also auf die Sprengkraft des eschatologischen Geheimnisses. Das geschieht nicht von ungefähr. Joseph Ratzinger beschäftigt sich schon in seiner Dissertation mit Augustinus, der sein Hauptaugenmerk auf die Unterscheidung von »Gottesstaat« und irdischem Gemeinwesen legt. Den Kirchenvater treibt die Problematik der Erwählung der Menschen durch Gott um. Die letzten Dinge sind für ihn die prioritären.

Wie bei früheren Publikationen Agambens ist es diesmal nicht leicht, die argumentative Absicht des Verfassers zu eruieren. Im Kern geht es in der schmalen Schrift um die Neufundierung dessen, was man üblicherweise Legitimität nennt (im Unterschied zur Legalität). Hier liegt die Verbindung zum Rücktritt Benedikts XVI.Dieser habe mit seinem Schritt, so hört man öfters, dem Papsttum neues Ansehen verschafft. Indem er auf Macht verzichtete, habe er Legalismus wie Bürokratismus – beides an der Kurie nicht unbekannt – eine Niederlage bereitet.Der neueste »Agamben« ist besonders für denjenigen studierenswert, der an mitunter verschlungenen Gedankengängen interessiert ist. Manche sehen in diesem Vorgehen das innovative Potenzial des italienischen Denkers grundgelegt, der auch heikle Fragestellungen nicht ausklammert. Schon deshalb lohnt die Lektüre seiner Arbeiten.

Das Geheimnis des Bösen von Giorgio Agamben kann man hier bestellen.


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