Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war

Eine Rezension von Christian Marschall

 Gastbeitrag

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Bru­no Prei­sen­dör­fer: Als Deutsch­land noch nicht Deutsch­land war. Rei­se in die Goe­the­zeit, Ber­lin: Galia­ni 2015. 528 S., 24.99 €

Ein sat­ter Schmö­ker! Bru­no Prei­sen­dör­fer gibt den über­aus kun­di­gen und unter­halt­sa­men Rei­se­lei­ter für eine Fahrt in die Zeit Goe­thes, Her­ders, Scho­pen­hau­ers und E.T.A. Hoff­manns. Es ist – die »Auf­klä­rung« hat längst statt­ge­fun­den – kei­ne Her­ren­zeit mehr. Wir tau­chen nicht nur ein in Rei­se­be­schrei­bun­gen und Brief­wech­sel Gehei­mer Räte und sich vor Publi­kum betrin­ken­der Poe­ten (Hoff­mann), son­dern auch in die Salons einer Hen­ri­et­te Herz, einer Rachel Varn­ha­gen (wohin­ge­gen Fich­te, Cha­mis­so und Clau­se­witz in ihrer Teut­schen Tisch­ge­sell­schaft auf Damen ver­zich­te­ten) und hören, wie Pro­fes­so­ren­toch­ter Caro­li­ne Schel­ling, geschie­de­ne Schle­gel, sich über das als über­holt emp­fun­de­ne (Haus-)Frauenbild in Schil­lers Die Glo­cke schier aus­schüt­tet vor Lachen.

Wir ver­brin­gen mit Prei­sen­dör­fer und sei­nen Gewährs­leu­ten 36 Stun­den in der Kut­sche von Wei­mar nach Ber­lin. Wenn die Stra­ßen wenigs­tens so breit und so gang­bar wären wie in Öster­reich! Sowohl Ade­le Scho­pen­hau­er als auch E.T.A. Hoff­manns Frau ver­un­glü­cken bei solch stra­pa­ziö­sen Rei­sen, in letz­te­rem Fall resul­tiert eine tot wir­ken­de Gat­tin mit einer »zwei bis zwei­ein­halb Zoll gro­ßen Wun­de« (Hoff­mann) aus dem Desaster.

Wei­mar gilt fast allen als wenn­gleich kul­tu­rel­ler Anzie­hungs­punkt (neben Goe­the und Schil­ler resi­dier­ten hier J.MR. Lenz, F.M. Klin­ger, Her­der, Wie­land, Jean Paul und Scho­pen­hau­er), so doch als häß­li­che »Groß­stadt« – abschre­cken­der wer­den in den viel­fäl­ti­gen Druck­zeug­nis­sen nur Gos­lar, Eisen­ach und Hal­ber­stadt geschil­dert. Apro­pos »Stadt«: Preu­ßen zähl­te 56 »Städ­te« mit einer Ein­woh­ner­zahl unter 1000.

In Ber­lin stinkt die Spree: Flei­ßi­ge Mäg­de kip­pen die Aus­schei­dun­gen von 167000 Ein­woh­nern in den Fluß, und ungut für unse­re ver­wöhn­ten Nasen riecht es ohne­hin aller­or­ten – Bie­nen­wachs­ker­zen (60 Ker­zen erge­ben die Leucht­kraft einer heu­ti­gen 60-Watt-Bir­ne) sind Luxus, und in den Leucht­mit­teln aus Zie­gen- oder Schaft­alg sind Blut- und Gewe­be­res­te ein­ge­mischt – welch ein Odeur …! Gern benag­ten Fle­der­mäu­se die kost­spie­li­gen Kerzenvorräte.

Goe­the beschwert sich über den Groß­stadt­lärm in Wei­mar und ver­flucht die benach­bar­ten Kegel­bah­nen samt den dort akti­ven »Lieb­ha­bern sol­cher nutz­lo­sen Übun­gen«. Gemein­sam mit Prei­sen­dör­fer spei­sen wir mit der Leip­zi­ger Mau­rer­fa­mi­lie, die 45 Pro­zent ihres Ein­kom­mens allein für Brot aus­gibt und tafeln mit der Fami­lie des Pfar­rers, wo die Hälf­te der Ein­künf­te neben allen Mahl­zei­ten immer­hin auch täg­li­chen guten Wein beinhaltet.

In zehn Kapi­teln, etwa zum Land- und Stadt­le­ben, zur Sexua­li­tät, zum Rei­se­ver­kehr, zu Klei­dung, Krank­heit und Tod, hat Prei­sen­dör­fer aus pro­mi­nen­ten und ent­le­ge­nen Brief­wech­seln und ande­ren lite­ra­ri­schen Zeug­nis­sen ein (bebil­der­tes) Sit­ten- und All­tags­bild der Zeit zwi­schen 1750 und 1830 extra­hiert. Das ist Geschichts­un­ter­richt »live« und zugleich ein äußerst ele­gant ver­faß­tes Stück Mikro­so­zio­lo­gie einer Zeit, in der die Auf­klä­rung bereits als »Auf­klä­richt« ver­spot­tet wur­de und in der selbst größ­te Men­schen­freun­de eine Skla­ven­tä­tig­keit wie das Fluß­auf­wärts­zie­hen eines Schif­fes der Todes­stra­fe vor­zo­gen: Ers­tens sei­en die Qua­len schlim­mer (des­halb: lehr­rei­cher), zwei­tens bestehe die huma­ne Chan­ce, es zu überleben.

Auch waren es die Auf­klä­rer, die die »Infi­bu­la­ti­on« prie­sen: Eine blut­rüns­ti­ge Tech­nik, die schad­brin­gen­de, selbst­be­fle­cken­de Erek­tio­nen ver­hin­dern soll­te. Wir Reak­tio­nä­re lesen der­glei­chen gern in unse­ren beque­men Arm­ses­seln aus jener Zeit, gern zu Ker­zen­licht und Musik aus die­sen vor­gest­ri­gen Zusam­men­hän­gen. Und wer braucht schon, mal ganz im Ernst und gera­de jetzt, den uner­hör­ten Luxus einer Zentralheizung?

Als Deutsch­land noch nicht Deutsch­land war von Bru­no Prei­sen­dör­fer kann man hier bestel­len.

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