Sezession
1. August 2015

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war

Gastbeitrag

Eine Rezension von Christian Marschall

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit, Berlin: Galiani 2015. 528 S., 24.99 €

Ein satter Schmöker! Bruno Preisendörfer gibt den überaus kundigen und unterhaltsamen Reiseleiter für eine Fahrt in die Zeit Goethes, Herders, Schopenhauers und E.T.A. Hoffmanns. Es ist – die »Aufklärung« hat längst stattgefunden – keine Herrenzeit mehr. Wir tauchen nicht nur ein in Reisebeschreibungen und Briefwechsel Geheimer Räte und sich vor Publikum betrinkender Poeten (Hoffmann), sondern auch in die Salons einer Henriette Herz, einer Rachel Varnhagen (wohingegen Fichte, Chamisso und Clausewitz in ihrer Teutschen Tischgesellschaft auf Damen verzichteten) und hören, wie Professorentochter Caroline Schelling, geschiedene Schlegel, sich über das als überholt empfundene (Haus-)Frauenbild in Schillers Die Glocke schier ausschüttet vor Lachen.

Wir verbringen mit Preisendörfer und seinen Gewährsleuten 36 Stunden in der Kutsche von Weimar nach Berlin. Wenn die Straßen wenigstens so breit und so gangbar wären wie in Österreich! Sowohl Adele Schopenhauer als auch E.T.A. Hoffmanns Frau verunglücken bei solch strapaziösen Reisen, in letzterem Fall resultiert eine tot wirkende Gattin mit einer »zwei bis zweieinhalb Zoll großen Wunde« (Hoffmann) aus dem Desaster.

Weimar gilt fast allen als wenngleich kultureller Anziehungspunkt (neben Goethe und Schiller residierten hier J.MR. Lenz, F.M. Klinger, Herder, Wieland, Jean Paul und Schopenhauer), so doch als häßliche »Großstadt« – abschreckender werden in den vielfältigen Druckzeugnissen nur Goslar, Eisenach und Halberstadt geschildert. Apropos »Stadt«: Preußen zählte 56 »Städte« mit einer Einwohnerzahl unter 1000.

In Berlin stinkt die Spree: Fleißige Mägde kippen die Ausscheidungen von 167000 Einwohnern in den Fluß, und ungut für unsere verwöhnten Nasen riecht es ohnehin allerorten – Bienenwachskerzen (60 Kerzen ergeben die Leuchtkraft einer heutigen 60-Watt-Birne) sind Luxus, und in den Leuchtmitteln aus Ziegen- oder Schaftalg sind Blut- und Gewebereste eingemischt – welch ein Odeur …! Gern benagten Fledermäuse die kostspieligen Kerzenvorräte.

Goethe beschwert sich über den Großstadtlärm in Weimar und verflucht die benachbarten Kegelbahnen samt den dort aktiven »Liebhabern solcher nutzlosen Übungen«. Gemeinsam mit Preisendörfer speisen wir mit der Leipziger Maurerfamilie, die 45 Prozent ihres Einkommens allein für Brot ausgibt und tafeln mit der Familie des Pfarrers, wo die Hälfte der Einkünfte neben allen Mahlzeiten immerhin auch täglichen guten Wein beinhaltet.

In zehn Kapiteln, etwa zum Land- und Stadtleben, zur Sexualität, zum Reiseverkehr, zu Kleidung, Krankheit und Tod, hat Preisendörfer aus prominenten und entlegenen Briefwechseln und anderen literarischen Zeugnissen ein (bebildertes) Sitten- und Alltagsbild der Zeit zwischen 1750 und 1830 extrahiert. Das ist Geschichtsunterricht »live« und zugleich ein äußerst elegant verfaßtes Stück Mikrosoziologie einer Zeit, in der die Aufklärung bereits als »Aufkläricht« verspottet wurde und in der selbst größte Menschenfreunde eine Sklaventätigkeit wie das Flußaufwärtsziehen eines Schiffes der Todesstrafe vorzogen: Erstens seien die Qualen schlimmer (deshalb: lehrreicher), zweitens bestehe die humane Chance, es zu überleben.

Auch waren es die Aufklärer, die die »Infibulation« priesen: Eine blutrünstige Technik, die schadbringende, selbstbefleckende Erektionen verhindern sollte. Wir Reaktionäre lesen dergleichen gern in unseren bequemen Armsesseln aus jener Zeit, gern zu Kerzenlicht und Musik aus diesen vorgestrigen Zusammenhängen. Und wer braucht schon, mal ganz im Ernst und gerade jetzt, den unerhörten Luxus einer Zentralheizung?

Als Deutschland noch nicht Deutschland war von Bruno Preisendörfer kann man hier bestellen.


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